Betrogene Betrüger

Die strukturelle Gewalt im kapitalistischen Alltag

Über den verhängnisvollen Zusammenhang zwischen todbringenden Arbeitsbedingungen im globalen Süden und fatalen Glücksversprechen im Norden. Ein Kommentar von Thomas Gebauer. (Dieser Artikel erschien im medico-Rundschreiben 2/2013)

Als im September letzten Jahres mehr als 300 Arbeiterinnen beim Brand in einer Textilfabrik in Pakistan getötet wurden, war in den lokalen Zeitungen von einem „worker’s 9/11“ zu lesen, der sich für immer ins Gedächtnis des Landes eingebrannt habe. Damals schien vielen die Erinnerung an den Terroranschlag auf das New Yorker „World Trade Center“ noch unverständlich. Als im April 2013 dann 1.129 Menschen beim Einsturz eines mehrstöckigen Geschäfts- und Fabrikgebäudes in Bangladesch ums Leben kamen, drängte sich die Assoziation förmlich auf.

Wie in Pakistan waren auch in Bangladesch die Opfer mehrheitlich Frauen. Textilarbeiterinnen, die unter kaum vorstellbaren Bedingungen und für einen Hungerlohn von wenig mehr als einem Euro pro Tag Kleider für die internationale Mode- und Textilindustrie zusammennähten: zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, eingeschlossen von einem Management, das noch im Moment der Katastrophe zur Arbeit antrieb. Eine wirkliche Alternative zu solcher Ausbeutung hatten die Frauen nicht. Sie hätte nur noch größeres Elend bedeutet oder einfach nur das Verhungern. Das sei Sklavenarbeit, befand der neue Papst, und niemand wollte ihm widersprechen.

Ausbeutung als Medienthema

Klare Worte fanden mitunter auch die hiesigen Medien. Kaum ein Kanal, der die Katastrophe in Bangladesch nicht zum Thema gemacht hätte. Mit einem Mal drehte sich die öffentliche Aufmerksamkeit um das, was zuvor nur ein paar engagierte Menschenrechtler beschäftigt hatte: die Kritik an ausbeuterischen Geschäftsmodellen, untätige Behörden, mangelnder Brandschutz, die Korruption lokaler Eliten, die Praktiken internationaler Textildiscounter, die es offenbar für völlig normal hielten, parallel zu den Beteuerungen, für verbesserte Arbeitsbedingungen zu sorgen, von den Zulieferern weitere zweistellige Rabatte zu verlangen.

So richtig die breite Empörung gewesen ist, ging sie doch fast immer am Kern des Problems vorbei. Denn das eigentlich Skandalöse liegt darin, dass es erst der spektakulären Katastrophe bedurfte, um die Schrecken der Welt, um Ausbeutung und unmenschliche Arbeitsbedingungen, die für unzählige Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika längst zum Alltag geworden sind, bewusst zu machen. Das Elend der „Sklaven des 21. Jahrhunderts“ ist inzwischen so normal, ja fast schon banal, dass sich erst mit der Übertretung der Normalität, am Einsturz eines Gebäudes, Einspruch und Protest entzünden konnten.

Und so stehen die jüngsten Unglücksfälle der Textilbranche in Karatschi, Dhaka und Savar beispielhaft für das, was in der kritischen Sozialwissenschaft mit dem Begriff der strukturellen Gewalt gemeint ist. Eine Gewalt, die in den gesellschaftlichen Verhältnissen selbst begründet ist und tagtäglich Tausende von Menschen verrecken lässt, ohne dass Krieg herrschte oder einzelne Täter auszumachen seien. Es ist die Gewalt der herrschenden Strukturen, die heute überall auf der Welt Menschen in ihren Lebenschancen beeinträchtigt, ihre Umwelt zerstört, ihnen notwendige Hilfen verweigert, sie in krankmachende Wohnungen steckt oder durch Arbeit zu Tode schindet: ob in den pestizidgeschwängerten Blumenplantagen Kolumbiens, den quecksilberverseuchten Goldminen Sierra Leones, bei der Rohstoffextraktion im Kongo, in mexikanischen Maquiladoras oder eben den Textilfabriken in Pakistan, Bangladesch und neuerdings Haiti.

Das nächste Unglück wird kommen

Selbstverständlich ist es notwendig, einzelne Akteure zur Rechenschaft zu ziehen: profitgierige Geschäftsleute, korrupte Beamten, skrupellose Discounter. Sie alle aber sind letztlich nur Ausdruck eines kapitalistischen Alltags, der das eigentliche Problem darstellt. Auch die derzeitige deutsche Entwicklungspolitik gehört dazu. Zwar rühmt sich der zuständige Minister stets, bei der Verbesserung von Umwelt- und Sozialstandards zu helfen, doch macht er dann ausgerechnet jene zu Hoffnungsträgern auf einen verbesserten Arbeitsschutz, die das Elend zwangsläufig vorantreiben werden: das private Business.

Denn Discounter sind nicht einfach nur besonders gierige Zeitgenossen. Sie tun das, was sie tun müssen, um in der Konkurrenz am Markt zu überleben. Das ist auch der Grund, warum all die freiwilligen Selbstverpflichtungen, die derzeit von der Bekleidungsindustrie unterschrieben werden, nicht das Papier wert sind, auf dem sie stehen. Solange die Politik nicht regulierend eingreift und sich das Recht auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen, das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung und das Recht auf soziale Sicherung über Sanktionen durchsetzen lassen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Katastrophe zu beklagen sein wird.

Höchst bedenklich ist es, wenn in der aktuellen Debatte über die „Post-2015-Entwicklungsagenda“ die vom UN-Generalsekretär einberufene Expertenkommission das bereits kodifizierte Menschenrecht auf „decent work“ (annehmbare Arbeit) verwässert, indem es nur noch von Wachstum und vagen „good jobs“ spricht, für die bestenfalls „flexibly regulated labor markets“ notwendig seien. Eine unverblümte Einladung, die eh schon weltweit unter Druck stehenden Arbeitsschutzbestimmungen noch weiter auszuhöhlen und die Idee „annehmbarer Arbeit“ schließlich durch „zumutbare“ zu ersetzen. Der Bericht der Experten, co-präsidiert von David Cameron, erinnert an eine globalisierte deutsche „Agenda 2010“, freilich unter Verzicht auf jegliche soziale Sicherung, denn noch nicht einmal die ILO/WHO-Initiative „Social Protection Floor“ war den Experten einen Verweis wert. Hauptsache Wachstum.

So billig wie möglich

Das Elend des globalisierten Kapitalismus, das heute auf so erschütternde Weise in der Bekleidungsindustrie deutlich wird, reicht zurück bis in die frühen 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals schienen in den Industrieländern die Grenzen des Wachstums erreicht und die Schaffung von Rendite nur noch möglich über die Senkung der Produktionskosten. Entsprechend wurden Arbeitsplätze in die Länder des Südens verlagert, die Produktionsabläufe internationalisiert, die Firmen selbst grenzüberschreitend verschachtelt. Für die notwendigen Rahmenbedingungen sorgten die „Strukturanpassungsprogramme“ des Internationalen Währungsfonds (IWF). Als Belohnung dafür, dass beispielsweise Bangladesch auf Einnahmen aus Steuern und Zölle verzichtete, die Hürden des Arbeits- und Umweltschutzes herabsenkte und es zuließ, dass das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung beschnitten wurde, öffnete der Norden seine Märkte auch für Textilprodukte aus dem globalen Süden. Und die ließen sich hierzulande, trotz Gewinnspannen von 700 bis 1.000 Prozent, noch immer kostengünstig verkaufen.

Denn die Nachfrage nach billigen Klamotten ist in Europa in dem Maße gewachsen, wie sich hier Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse breit gemacht haben. Zumal unter kapitalistischen Bedingungen der Konsum von Waren nicht irgendein Randphänomen darstellt, sondern selbst hoch aufgeladen ist. Konsum bedeutet Status, schafft Identität, und nicht wenige sehen im Konsum ein letztes verbliebenes Glücksversprechen. Das Glück, das mit dem Kauf von T-Shirts, Turnschuhen oder Handys einhergeht, hält aber bekanntlich nicht lange an. Schon bald verlangt es nach neuer Befriedigung, nach weiterem Konsum, einem neuen T-Shirt, dem aktuellsten Handy. Auf perfekte Weise trifft eine nicht eigentlich zu befriedigende Nachfrage fetischisierter Waren auf Produktionsverhältnisse, in denen die Entlohnung der Produzenten immer weiter gedrückt wird und im Extrem gegen Null geht.

Das soziale Gift

Chemisch vergiftete Waren machen unmittelbar Angst; das „soziale Gift“, das in Waren steckt, kommt aber nur mittelbar zum Ausdruck: in todbringenden Arbeitsbedingungen ebenso wie in einem fatalen Glücksversprechen, das die Idee der Freiheit an den Konsum knüpft. Betrogen sind am Ende beide, die Konsumenten wie die Produzenten. Zum Wohle eines Systems, das es nicht verdient hat, erhalten zu bleiben.


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