Migration in Mexiko

Bestien und Träumer

"La Bestia": Die Fahrt in den Norden auf dem Zug kostet viele MigrantInnen das Leben oder lässt sie verstümmelt zurück. Foto: M3  

Ihre Rechte wahrzunehmen und ihre Träume zu leben, das fordern MigrantInnen in Mexiko ein und werden dabei durch mexikanische AktivistInnen unterstützt.

„Wir flüchteten vor Armut und Gewalt in unserer Heimat und kehrten ohne Beine oder Arme dorthin zurück“ sagt Norman Saúl Varela, einer der 15 Vertreter von AMIREDIS, der „Vereinigung der Migranten, die versehrt zurückkehrten“ (Asociación de Migrantes Retornados con Discapacidad). Die Organisation vertritt über 450 Menschen aus Honduras, die durch „Die Bestie“, die Güterzüge auf deren Rücken jeden Tag hunderte MigrantInnen versuchen Mexiko in Richtung USA zu durchqueren, ein oder mehrere Gliedmaße verloren haben. Sie rutschten beim Aufspringen auf den rollenden Zug ab und kamen unter die Räder, schliefen ein und fielen vom Zug oder wurden von Kriminellen vom Zug gestoßen, weil sie deren Geldforderung nicht nachkommen konnten oder wollten.

Anfang April reiste die Delegation auf dem Landweg über Guatemala ein und beantragte in der mexikanischen Grenzstadt Tapachula humanitäre Visa, um bis zur Hauptstadt zu kommen. Da sich die Migrationsbehörde Zeit ließ, reisten sie kurzerhand ohne Genehmigung weiter, unterstützt von den engagierten Migrationsnetzwerken der mexikanischen Zivilgesellschaft. In Mexiko-Stadt angekommen richteten sie sich am 10. April in einer Erklärung an das mexikanische Staatsoberhaupt, Enrique Peña Nieto. „Sehr geehrter Präsident, wir werden hier ausharren, bis sie uns empfangen. […] Wir wurden nach Honduras zurückgeschickt, mit zerstörten Lebensprojekten und Körpern. Nun sind wir wieder hier, um Ihnen folgende Anliegen zu unterbreiten: Die Abschaffung der Visapflicht für Migrantinnen aus Zentralamerika und anderen Ländern, um so einen freien Transit durch Mexiko zu ermöglichen, der Verstümmelungen, wie die von uns erlittenen, verhindert; eine humanitäre Aufenthaltsgenehmigung für jene, die im Transit Unfälle erleiden und verstümmelt werden und in Mexiko bleiben möchten; die Gewähr einer angemessenen medizinischen, prothetischen und psychosozialen Betreuung; […] Sicherheit entlang der Migrationsrouten; dass die Gewalt, die in Honduras herrscht, bei der Entscheidung auf Anerkennung eines Flüchtlingsstatus berücksichtigt wird; bilaterale Vereinbarungen für Investitionen in Projekte in unserer Heimat zugunsten versehrter Migrantinnen und der Bevölkerung insgesamt, um der erzwungenen Migration etwas entgegenzuhalten […]“

Die Träumer

Elvira Arellano, Aktivistin des medico-Partners M3 (Movimiento Migrante Mesoamericano - Mesoamerikanische Migrationsbewegung), ist eine “Dreamer“. Nach 7 Jahren steht sie wieder in Chicago, gemeinsam mit ihrem Sohn Saúl, der per Geburtsrecht US-Staatsbürger ist und seinem Bruder Emiliano, der erst kürzlich in Mexiko zur Welt kam. Elvira arbeitete vor 8 Jahren in einer Putzkolonne, die Flugzeuge reinigte, als sie die Nachricht erreichte, dass sie abgeschoben werden solle. Daraufhin flüchtete sie in ihre Kirche und war die Erste, die in den USA Kirchenasyl erhielt. Ein Jahr harrte sie dort aus, bis die Behörden sie festnahmen und nach Mexiko abschoben. Sieben Jahre später überquerte sie nun mit den abgeschobenen Angehörigen aus fünf weiteren bi-nationalen Familien illegal die Grenze in die USA, stellte sich dort sofort den Migrationsbehörden, beantragte Asyl und ein humanitäres Visum. Sie wurden umgehend festgenommen und eingesperrt.

Dies ist die dritte Aktion dieser Art, initiiert von jungen Menschen, die sich selber als „Dreamer“ (TräumerInnen) bezeichnen. Unter dem Motto „Zurück nach Hause“ wollen sie auf die Situation der Familien mit Migrationshintergrund bzw. bi-nationale Familien in den USA aufmerksam machen, die durch die Abschiebung einzelner Familienmitgliedern auseinander gerissen wurden und werden. 2013 wurden 368.688 Menschen aus den USA abgeschoben, 40% von ihnen sind nie straffällig geworden. 41% waren Eltern, die so von ihren Kindern getrennt wurden.

Dank massiver Unterstützung durch solidarische Netzwerke der Zivilgesellschaft und der medialen Öffentlichkeit kamen Elvira und ihre Mitstreiterinnen schnell frei und konnten weiter ziehen, während die Gerichte einen Anhörungstermin festlegen.


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