Portrait

Beauvoir in Karatschi

Zehra Khan. (Foto: medico)
Die Gewerkschafterin und Feministin Zehra Khan setzt sich für die entrechteten Heimarbeiterinnen ein.

Zehra Khan überraschte mich gleich beim ersten Zusammentreffen. Sie war die erste und blieb auf längere Zeit die einzige Frau in Pakistan, die mir zur Begrüßung die Hand reichte: eine Überschreitung des Erlaubten, die ihr strenge Missachtung einbringen kann. Das war im Februar 2012, als ich sie im Büro der National Trade Union Federation (NTUF) in Karatschi traf. Damals wussten wir noch nicht, dass wir über Jahre fast wöchentlich miteinander zu tun haben würden. Sechs Monate nach der ersten Begegnung brannte eine der Zigtausend Textilfabriken Karatschis ab. Das Feuer brach am 11. September aus und kostete 289 Menschen das Leben, Zehra und ihre Mitstreiter sprechen seither vom „Industrial 9/11“. In ihrer Doppelrolle als Gewerkschafterin und Feministin wurde sie zur Sprecherin der Überlebenden.

Zur politischen Arbeit fand sie schon während ihres Studiums. Schon damals beteiligte sie sich an Versuchen der Organisierung von Heimarbeiterinnen. Sie stehen ganz unten in der sozialen Pyramide, vereinzelt sind sie der Willkür ihrer Auftraggeber besonders ausgeliefert. Nach Abschluss ihres Studiums wurde Zehra Mitbegründerin der Homebased Womens Workers Federation (HBWWF), die 2009 offiziell als Gewerkschaft registriert wurde: ein politischer Sieg, weil die formelle Anerkennung der HBWWF zugleich die Anerkennung der Existenz von Heimarbeiterinnen war. Im tagtäglichen Einsatz für die Gewerkschaft, deren Generalsekretärin sie heute ist, hat Zehra die Verbindung zum Feminismus nie gelöst. Schon bei unserer ersten Begegnung erzählte sie mir von Lesekreisen, in denen Gewerkschafterinnen erst Clara Zetkin, dann Simone de Beauvoir lasen. Als sich die Lektüre von Das andere Geschlecht als zu schwierig erwies, verpflichtete Zehra einen der Gewerkschaft verbundenen Schriftsteller zur Teilnahme am Lesekreis.

Im Zuge der Kampagne um den „Industrial 9/11“ kam Zehra dann auch nach Deutschland. Dabei ging es um den von medico unterstützten Prozess, den vier Arbeiter und Arbeiterinnen aus Karatschi vor dem Landgericht Dortmund angestrengt haben. Prozessgegner ist der Discounter KiK, mutmaßlich einziger Auftraggeber der abgebrannten Fabrik. Zehra hat eine umfassende Dokumentation zum Brand erstellt, mit Hintergrundinformationen auch zu den allgemeinen Lebens- und Arbeitsbedingungen pakistanischer Textilarbeiterinnen. Darüber sprach sie auf dem Berliner „Umfairteilen“-Kongress und auf der „Blockupy “-Demonstration in Frankfurt, auf der die Polizei einen Teil der Demonstranten über Stunden einkesselte. Zehra blieb bis zum Schluss – bat uns allerdings, die festen Schuhe wieder ausziehen zu dürfen, die wir ihr gegeben hatten. Bis dahin allein das Tragen leichter Sandalen gewohnt, hatte sie sich die Füße mittlerweile wundgelaufen.

Das Urteil im KiK-Prozess steht noch aus, doch hat die Kampagne den Discounter 2018 zur Zahlung einer Entschädigung von über fünf Millionen Dollar gebracht. Die verdiente Pause im lange fortzusetzenden Kampf wird Zehra zur Fortsetzung ihres Studiums an der Universität Karatschi nutzen, wo sie als jetzt Vierzigjährige mit einer Arbeit über Frauenbewegungen in Südasien promovieren will. Erfüllt hat sie sich den lang gehegten Wunsch allerdings nur auf freundschaftlichen, doch nachhaltigen Druck ihrer engsten Gefährten.

Thomas Seibert


Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2018. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!


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