Ost-Ghouta

15 Kinder in Partnerschule durch bunkerbrechende Bombe getötet

Bergungsarbeiten in der zerstörten Untergrundschule in Erbin. (Foto: Lokales Komitttee Erbin)
Luftschutzkeller in Schulräumen gezielt zerstört / Schulprojekt mit Förderung aus Deutschland finanziert / Mehr als 17 Tote und 50 Verletzte / Russland verweigert Debatte über humanitäre Lage im Weltsicherheitsrat

Bei einem Luftangriff wurden gestern Abend gegen 19:45 (Lokalzeit) mindestens 15 Kinder und zwei Frauen in den Kellerklassenzimmern einer Schule in Ost-Ghouta getötet, mindestens 50 weitere Personen wurden verletzt. Die Schule im Untergrund wird seit fünf Jahren von den deutschen Hilfsorganisationen medico international und Adopt a Revolution finanziert und unterstützt.

Bei dem Angriff setzte die russische Luftwaffe eine bunkerbrechende Rakete ein, die drei Stockwerke durchschlug, bevor sie im Keller explodierte. Sowohl der eingesetzte Waffentyp als auch die Art der Zerstörung sind starke Indizien für einen Angriff durch die russischen Streitkräfte und schließen die Täterschaft der syrischen Armee weitestgehend aus. Zum Zeitpunkt des Angriffs befanden sich nach Angaben von lokalen Aktivisten rund 400 Menschen in der Schule, die dort Schutz vor dem heftigen Bombardement gesucht hatten. Die genaue Beschreibung der Ereignisse finden Sie unten.

„Der russische Einsatz bunkerbrechender Waffen gegen Luftschutzkeller dient keinerlei militärischem Zweck, sondern ist ein terroristischer Akt“, so Elias Perabo Geschäftsführer von Adopt a Revolution. „Ein solcher Angriff ist einzig darauf ausgerichtet, möglichst viele Menschen in den Tod zu reißen und Unsicherheit zu schaffen. Es braucht eine sofortige unabhängige Untersuchung dieses Massakers, sowie einen sofortigen Stopp des Bombardements.“ Gemeinsam mit medico international unterstützt die deutsch-syrische Hilfsorganisation die getroffene Schule seit ihrer Einrichtung 2013.

„Der erneute gezielte Angriff auf die Schutzräume von Schulen zeigt ebenso wie die Giftgasangriffe und die gezielte Zerstörung von Krankenhäusern, wie zuletzt in Afrin durch türkisches Militär, dass dies ein Krieg ist, der gezielt gegen die Zivilbevölkerung geführt wird. Der russische Bombenangriff war ein targeted killing von Kindern“, ergänzt Till Küster von medico international. Die Zivilbevölkerung werde so zur Flucht gezwungen. Nur, dass es keinen sicheren Ort für sie gebe, wohin sie fliehen könne.

Seit Ende Februar wurden knapp 30 Schulen in Erbin von der syrischen und russischen Luftwaffe angegriffen. Die Wucht der Explosionen war noch in anderen Schutzkellern im Umkreis von mehreren hundert Metern zu spüren. Verschiedene Projektpartner vor Ort berichten, dass zuvor mehrfach Drohnen und unbemannte Flugzeuge verfolgt hätten, an welchen Orten sich Menschen in Luftschutzkeller verstecken.

Die verbliebenen, noch unzerstörten medizinischen Einrichtungen in Ost-Ghouta können die notwendige Versorgung der verletzten Kinder und Erwachsenen nicht leisten. Eine Evakuierung Verwundeter und Schwerverletzter scheiterte in den letzten Monaten an der mangelnden Bereitschaft des syrischen Regimes.

Nur Stunden nach dem folgenschweren Luftangriff auf die Schule in Ost-Ghouta verhinderte Russland im Weltsicherheitsrat eine Debatte über die humanitäre Lage in Syrien, bei der auch der UN-Hochkommissar für Menschenrechte Seid al-Hussein einen Bericht zur Lage im Land abgeben sollte.

Die getroffene „Schule No. 3“ ist die größte im Verbund von insgesamt sechs Schulen in Erbin und bot rund 900 Kindern als Vor- und Grundschule säkularen Unterricht. Mit Beginn der syrisch-russischen Offensive auf Ost-Ghouta wurde sie als Luftschutzkeller für die lokale Bevölkerung genutzt. Aufgrund des seit Jahren anhaltenden Beschusses mit Granaten wurden die Schulen in Kellerräumen eingerichtet, wo die Kinder vor den Angriffen geschützt waren. Zivile Aktivisten hatten die Schulen gegründet, um eine Alternative zu den konfessionellen Religionsschulen von Islamisten in Ost-Ghouta aufzubauen.

Adopt a Revolution unterstützt in Ost-Ghouta sieben zivilgesellschaftliche Projekte, zwei davon in Kooperation mit medico international, sowie 21 weitere Projekte in den anderen Landesteilen Syriens.

Weitere getroffene Projekte mit Unterstützung von Adopt a Revolution und medico international

  • Bereits am 23. Februar war die von Adopt a Revolution und medico international unterstützte unterirdische „Schule No 2“ in Erbin durch eine Fassbombe getroffen und beschädigt worden. Eine Person wurde dabei getötet, rund 20 weitere Personen verletzt. Die Räume konnten mittlerweile notdürftig repariert werden und dienen während des kontinuierlichen Bombardements wieder als Luftschutzkeller. Aufgrund des Einsatzes von Chlorgas mussten die Schutzsuchenden einer anderen Untergrundschule, die Teil des gleichen Schulverbunds ist, während des Bombardements die Kellerräume verlassen. Vor der aktuellen Angriffswelle bot das Schulprojekt in Erbin rund 1.800 Schülerinnen und Schülern säkularen Unterricht, Schutz vor Bombardements und zuletzt auch eine regelmäßige Schulspeisung.
  • Auch das von Adopt a Revolution in Zusammenarbeit mit medico international unterstützte Frauenzentrum „Nisaa al-Ghouta“ in Douma wurde am 6. Februar durch eine Explosion in unmittelbarer Nähe des Zentrums beschädigt. Herumfliegende Splitter töteten die Kursleiterin sowie zwei Teilnehmerinnen eines Englischkurses. Das Frauenzentrum bietet Kurse, Fortbildungen, Rechtsberatung und psychosoziale Unterstützung an und wird seit Anfang 2016 von Adopt a Revolution unterstützt.

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