
Im Namen des Vorstandes der Stiftung medico international begrüße ich Sie zu unserem diesjährigen Symposium. Es ist sehr schön, dass unsere Einladung auf so großes Interesse gestoßen ist. Wir haben ein richtig volles Haus heute. Seit Gründung der Stiftung im Jahr 2004 ist dies unser 5. Symposium. Die Stiftung medico international hat nicht nur den Zweck, die Projektarbeit der Organisation medico international materiell zu unterstützen, sondern auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Zielen der Arbeit von medico unter breiterer Beteiligung der interessierten Öffentlichkeit zu fördern. Dazu dient auch dieses Symposium.
Wenn Hilfsorganisationen helfen, ist nicht ohne weiteres klar zu beantworten, wer eigentlich wem hilft. Ich möchte dazu zwei Länder als Beispiel anführen, von denen in dieser Veranstaltung ausführlicher die Rede sein wird, nämlich Afghanistan und Haiti. Beides sind Länder, deren Geschichte wesentlich von Kolonialmächten beeinflusst wurde. Dies hat unter anderem dazu geführt, dass sich funktionierende Staaten nach westlichem Muster kaum herausbilden konnten. Ihre Außenabhängigkeit ist offensichtlich. Entsprechend sind beide schon deshalb kaum in der Lage, eine eigenständige Politik im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung zu machen.
Wenn von Hilfe die Rede ist, müssen diese Bedingungen mit betrachtet werden. Sonst besteht das Risiko, dass nicht denen geholfen wird, um die es eigentlich gehen sollte, den Opfern von Krieg, Intervention und Ausbeutung.
In Afghanistan besteht die Gefahr, dass Hilfe der NGOs dahingehend instrumentalisiert wird, dass sie die militärische Interventionspolitik der westlichen Mächte begleitet und legitimiert. Die Einbindung der Hilfsorganisationen in die militärischen Operationen wird von dem neuen Entwicklungsminister Niebel mit seinem Konzept der vernetzten Sicherheit stark vorangetrieben. Wem dient hier also die Hilfe? Dient die Hilfe letztlich den Sicherheitsinteressen der Interventionsmächte oder ihrem Interesse an der Sicherung von Einflussgebieten und Rohstoffquellen?
Auch in Haiti geht es um Sicherheit, zunächst einmal der USA, die verhindern wollen, Migrationsziel einer verelendeten Bevölkerung zu werden - sicherlich ein Hauptgrund für die massive Hilfe, die von dort gekommen ist. In Haiti sind derzeit ca. 6000 Hilfsorganisationen tätig, die sehr unterschiedliche Interessen verfolgen. Und es sind erhebliche Zweifel darüber angebracht, ob diese Tätigkeit dazu dienen wird, die desaströsen ökonomischen, sozialen und politischen Verhältnisse in diesem Land wirklich zu verändern, insbesondere die Möglichkeiten der Bevölkerung zu verbessern, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Dient Hilfe in Haiti im Endeffekt also eher der Konsolidierung eines Protektoratsverhältnisses?
Das heißt in beiden Ländern besteht die Gefahr, dass Hilfe ökonomischen und politischen Interessen dient, die denen der jeweiligen Bevölkerung diametral entgegengesetzt sind.
Natürlich ist sich medico dieser Problematik sehr bewusst und versucht, - mit dem generell praktizierten Ansatz - entgegenzuwirken, relativ unabhängig von Staaten und Regierungen mit einheimischen Organisationen und mit der betroffenen Bevölkerung direkt zusammenzuarbeiten. Im Mittelpunkt steht nicht die Nothilfe, die unmittelbar nach einer Katastrophe natürlich geleistet werden muss, sondern stehen Projekte, die eine eigenständige Entwicklung fördern und damit zivilgesellschaftliche Strukturen stärken – eine Voraussetzung für die Entstehung und das Funktionieren demokratischer Staaten überhaupt. Dies ist allerdings angesichts der bestehenden Machtstrukturen und ökonomischen Interessen nicht einfach.
Die Bedingungen, Schwierigkeiten und möglichen Perspektiven werden Gegenstand der Referate und Diskussionen dieses Symposiums sein.
Ich wünsche uns allen einen informativen Tag mit interessanten Debatten.
Beitrag von Brigitte Kühn. Gehalten am 21.5.10 auf dem Symposium "Welche Hilfe für wessen Sicherheit?" der stiftung medico international.
