
Mit "Die Besatzung der Gebiete: Zeugenaussagen israelischer Soldaten 2000-2010" betrat "Breaking the Silence" politisches Neuland. Bislang dokumentierte die israelische Reservistenorganisation die alltägliche Besatzungsrealität in den besetzten Palästinensergebieten. Doch mit diesem 347-seitigen Bericht wird die Politik durchleuchtet, die den anhaltenden Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten zugrunde liegt. Das Ergebnis ist, so das angesehene literarisch-intellektuelle US-Magazin „New York Review of Books“ in einer ausführlichen Besprechung „eins der bedeutendsten Bücher über Israel / Palästina in dieser Generation“. Weil darin „Breaking the Silence“ die Puzzleteile des Besatzungsalltags akribisch zusammensetzen, so Autor David Shulman, und am Ende entsteht ein Gesamtbild, das die Raison d’Etre der Besatzung offenlegt: die Verdrängung der Palästinenser und die gleichzeitige Besitznahme von immer mehr Land.
Ins selbe Horn schlägt die Publizistin Ilana Hammerman in Israels Qualitätszeitung „Haaretz“: Die im Bericht minutiös dokumentierte grausame Willkür einzelner Soldaten sei nicht der Verrücktheit des Einzelnen geschuldet. Vielmehr stecke dahinter ein logisches System, so Hammerman; der Bericht „demonstriert die Reichweite der militärischen Kontrolle über die besetzten Gebiete, die wie das gigantische Siedlungsprojekt darauf abzielt, nicht die Bürger des souveränen Staats Israel zu verteidigen, sondern die zivile, politische und wirtschaftliche Kontrolle zu vertiefen.“
Dem widerspricht Elliott Abrams - berüchtigt für seine Rolle in der Gestaltung der US-Politik in Nicaragua und El Salvador in den 80ern und der sogenannten Demokratieoffensive von Bush Junior in Nahen Osten, die bekanntlich in der Invasion Iraks kulminierte, sowie für seine Verwicklung in der Iran-Contra-Affäre - im „Foreign Affairs“. In dem Sprachrohr des USA-Politestablishments bestreitet er, dass israelische Politik auf die Annexion von Land und die Verdrängung der Palästinenser hinaus ist. Die dokumentierten Fakten vor Ort tut er entweder als Einzeltaten von Soldaten, sprich als Kollateralschäden, die notwendigerweise bei der Terrorismusbekämpfung entstehen, oder als das Werk einer komplett vom israelischen Mainstream isolierten religiösen Siedlerbewegung. Insgesamt empfiehlt er sich nicht von den Tatsachen vor Ort und von etwaigen Menschenrechtsverletzungen leiten zu lassen und sich auf das Große Ganze einer ‚Realpolitik’ zu konzentrieren.
In diesem Zusammenhang versucht er „Breaking the Silence“ zu desavouieren, indem er ihr abspricht eine Menschenrechtsorganisation zu sein, indem er einen Gegensatz zwischen Menschenrechte und Politik konstruiert. Damit unterstützt er indirekt die Kampagne gegen „Breaking the Silence“ und andere israelischen Menschenrechtsorganisationen, die darauf abzielt, die Finanzmittel dieser Organisationen zu kappen und sie so zum Schweigen zu bringen.
medico international lässt sich hiervon nicht einschüchtern. wir unterstützen "Breaking the Silence" dabei die eigene Gesellschaft auf diese Verhältnisse aufmerksam zu machen; eine Vorbedingung für die Fähigkeit der Zivilgesellschaft die bestehenden Ungerechtigkeiten auch überwinden zu können. Gerade in diesen Tagen erscheint uns die Unterstützung dieser Initiativen wichtiger denn je. So unterstützten wir „Breaking the Silence“ bei der Erstellung des Berichts; zudem übersetzten wir Teile davon und stellten ihn der breiten Öffentlichkeit in Deutschland vor: Link.
PS: Ein Bericht über „Breaking the Silence“ in deutscher Sprache können Sie am Donnerstag, dem 1. September 2011, 10:05 bis 10:30 Uhr, auf SWR2 hören.
Link: Soldaten sprechen über Gaza
Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 30.08.2011 | 0 Kommentare
