14.05.2010

Menschenrechtsorganisationen gegen die Vertreibungs- & Umsiedlungspolitik der israelischen Armee

Zehntausende Palästinenser von neuer Verordnung betroffen

In Israel trat eine neue Verordnung in Kraft, mit der die israelische Armee zehntausende Palästinenser aus dem besetzten Westjordanland ausweisen kann. Dies betrifft Palästinenser, die aus israelischer Sicht illegal dort leben.

Die neue Regelung betrifft Tausende von Menschen und macht diese zu Illegalen im eigenen Land, die jederzeit und ohne Anhörung nach (israelischem) soldatischem Ermessen vertrieben werden dürfen. Israels Zivil- und Militäradministration stärkt ihren Würgegriff auf die palästinensische Zivilbevölkerung weiter, währen die israelische Regierung der Weltgemeinschaft verspricht, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in der Westbank aufzuheben.

Betroffen von der neuen Regelung sind auch Personen und Projekte die von medico unterstützt werden. So wird etwa unsere ehemalige Arbeitskollegin Hekmat N. laut neuem Gesetz zu einer Illegalen weil sie offiziell im Gazastreifen registriert ist, obschon sie seit Jahren in der Westbank lebt und eine sechsköpfige Familie gegründet hat.

Die medico-Partner „Ärzte für Menschenrechte -Israel“, Tel Aviv, und die Menschenrechtsorganisation „Al Mezan“ aus Gaza haben sich jetzt mit anderen israelischen und palästinensischen Organisationen zusammengetan, um gegen diese Verordnung zu protestieren. In ihrer Erklärung heißt es dazu: „Diese Verordnung definiert jede Person, die sich ohne Erlaubnis der israelischen Behörden in der Westbank aufhält, als „illegaler Eindringling“. Folglich ist dieser Personenkreis ab sofort Deportationen, Umsiedlungen sowie strafrechtlicher Verfolgung bis hin zu langen Gefängnisstrafen ausgesetzt. Die Verordnung ist so vage gehalten, sodass sie so gut wie jede/n treffen könnte, aber die Zielpersonen scheinen folgende zu sein:

  1. Besitzer von palästinensischen Ausweisen, die im israelischen Bevölkerungsregister in Gaza registriert sind,

  2. Individuen, denen die israelische Administration die Ausgabe von Ausweisen verweigert bzw. die willkürlich aus den Bevölkerungsregistern gestrichen wurden,

  3. In der Westbank arbeitende Ausländer.

Weiter heißt es: „Seit 2000 registriert Israel die palästinensische Bevölkerung immer restriktiver. Folglich sind Zehntausende von Menschen, darunter welche, die in der Westbank geboren sind oder in dort seit Jahrzehnten leben, in Gefahr, gewaltsam von ihren Familien, Bildungs- und Arbeitstätten getrennt zu werden. Weil Israel sie für „illegal“ erklärt hatte – im eigenen Land.“

„Diese Verordnung und die Abschiebepolitik verstoßen gegen Israels Verpflichtungen gegenüber dem Völkerrecht. Sie verletzen das im IV. Genfer Abkommen festgehaltene Verbot, gewaltsame Vertreibungen oder Umsiedlungen von zu schützenden Personen in besetzten Gebieten vorzunehmen. Sie verletzen weiter die Pflicht, die im „Internationalen Pakt über Bürgerliche und Politische Rechte“ festgeschrieben ist, Personen, die sich in ihrem Territorium legal aufhalten die Bewegungsfreiheit zu garantieren and ihren Wohnort selber aussuchen zu dürfen. Weiter, verletzen sie die in den Osloer Verträgen festgehaltene Verpflichtung die Westbank und den Gazastreifen als eine Einheit anzuerkennen, in der die Bewegungsfreiheit garantiert ist.“

Bewegungsfreiheit Teil 2 und Erpressung von Medizinstundenten

Unterdessen deckte die angesehene Journalistin Amira Hass in der israelischen Tageszeitung Haaretz auf, dass Medizinstudenten der (palästinensischen) Al-Quds University (Deutsch: Universität Jerusalem) durch die israelischen Geheimdienste zur Kollaboration erpresst werden sollten. Diese Studenten studieren zwar an der Jerusalem-Universität, doch für ein Praktikum in einem der palästinensischen Krankenhäuser in Jerusalem benötigen sie eine Einreisegenehmigung. Der Mauerverlauf trennt nämlich die Universität von der Stadt Jerusalem. Die Erteilung von Genehmigungen wurde offenbar von einem „Monitoring“ von KommilitonInnen abhängig gemacht. Der Bericht scheint auch deshalb glaubwürdig zu sein, weil er mit einem von medico mitfinanzierten Bericht der „Ärzte für Menschenrechte – Israel“ übereinstimmt. In diesem wird nachgewiesen, dass die israelischen Geheimdienste die aussichtslose Lage von schwer- und todkranke Patienten, die den Gazastreifen für medizinische Behandlung verlassen müssen, skrupellos nutzen, um sie zur Kollaboration zu zwingen. Siehe hierzu Bericht und Blogbeitrag: "Wenn Gesundheit als Geisel genommen wird" unter http://www.medico.de/themen/vernetztes-handeln/blogs/paradoxe-hoffnung/2008/09/22/20.

Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 14.05.2010 | 2 Kommentare

Kommentare

Tsafrir Cohen, 21.06.2010

Liebe Sabine Eulerich-Gyamerah,

leider ist die Situation in Israel/Palästina eine andere als in Südafrika, ein weiteres Land, in dem medico seit Jahren arbeitet. Dort ist der politische Konflikt mit einer historischen Versöhnung zu Ende gegangen. Auch deshalb können die einen die Lieder der anderen singen, auch deshalb ist heute eine Annäherung möglich. Die Lieder der anderen singen, dazu gab es auch hierzulande hoffnungsvolle Ansätze nach dem Abschluss der Osloer Verträge zu Beginn der 90er Jahre. Heute ist dies leider eine Seltenheit. Zu tief sitzt das Misstrauen, der erhoffte Frieden ist bis heute nicht gekommen. Die Palästinenser möchten nicht die Lieder derjenigen singen, die sie als ihre Gefängniswärter und Unterdrücker alltäglich wahrnehmen. Und die Israelis ängstigen sich vor den Palästinenser, die sie immer mehr nur noch als Terroristen wahrnehmen. Von ihnen glauben sie nämlich, dass sie Israel nie als Nachbar akzeptieren werden.

Ich habe in meinen Jahren hier oft mit unseren Partnern über dieses Thema gesprochen. Alles Menschen, die ihr Leben dem friedlichen, gleichberechtigten Zusammenleben widmen und einiges riskieren für ihre Vision - sei es in einem Staat mit gleichen Rechten, sei es in zwei lebensfähigen, befreundeten Nachbarstaaten. Fazit: Heute ist die einzige mögliche Art der Zusammenarbeit eine Kooperation auf der Basis gemeinsamer politischer Arbeit: Zusammen für gleiche Rechte, zusammen für die Bewegungsfreiheit und Sicherheit aller in der Region lebenden Menschen. Kooperationen und Projekte, in denen das Kernproblem nicht angesprochen wird, nämlich fehlende Gleichheit und Freiheit, sind zum Scheitern verurteilt. Weil die Realität ausgeblendet wird. Weil die einen wählen und frei verreisen können und Arbeit haben, während die anderen ihr Enklavensystem, in dem sie gefangen sind und in dem sie keine Arbeit haben, nicht verlassen können.

Diese Brücke schlagen, das tun unsere Partner Ärzte für Menschenrechte – Israel (PHR). Gemeinsam mit einem anderen medico-Partner, der Palestinian Medical Relief Society streiten sie um das Recht auf Gesundheit. Jeden Samstag sind ein Dutzend der etwa 1.500 Freiwilligen der PHR unterwegs in der Westbank. Mit ihren palästinensischen KollegInnen. Sie sind nicht der einzige medico-Partner, der diesen Weg gesucht hatte. In Jenin schlägt das Freedom Theatre mit Juliano Mer-Khamis, Sohn einer jüdisch-israelischen Mutter und eines palästinensischen Vaters den gleichen Weg ein. Hoch im Norden der Westbank kämpft das Theater mit den Mitteln der Kunst für die Freiheit aller. Im Süden der Westbank ringt die israelische Organisation Comet-ME zusammen mit palästinensischen Kollegen um das Recht, Licht zu haben. Da die israelischen Behörden den meist beduinischen Gemeinden in der Südhebron-Region den Anschluss an das Stromnetz verweigert, hilft Comet-ME den Gemeinden, Solar- und Windanlagen, die keiner behördlichen Genehmigung bedürfen, zu installieren.

Mehr Informationen über diese Partner befinden sich hier auf medicos Webseite. Per Suchfunktion finden Sie diese sehr leicht.

Mit solidarischen Grüßen

Tsafrir Cohen

Sabine Eulerich-Gyamerah, 13.06.2010

Lieber Tsafrir Cohen,
ich habe gerade im TV bei arte die Sendung \"Südafrika singt\" gesehen - und fand das sehr berührend. Es war ein Auftritt von mehreren Chören - schwarzen und weißen, sehr selten gemischten - die nun endlich auch die Lieder der anderen singen. Und am Schluss haben alle zusammen gesungen, u.a. ein Lied, das übersetzt \"Frieden\" heißt. - Gibt es das in Israel/Palästina? Die Lieder der anderen singen? Und wenn nicht: könnte man das versuchen? Ich singe selber nicht, aber ich bin überzeugt: von einem solchen Projekt kann eine große Kraft nach innen und nach außen wirken.

Gibt es irgendwo eine Aufstellung von Projekten, die Israelis und Palästinenser gemeinsam machen? (Ich hoffe, dass es außer der gemeinsamen Ambulanz wenigstens ein paar wenige solcher Projekte gibt).

Ich grüße Sie herzlich
Sabine Eulerich-Gyamerah

 

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