Khaled Mahmoud Faraj war schon auf dem Weg nach Hause. Es war kurz vor Mitternacht. Der Sänger und seine Band hatten gerade die Hochzeitgesellschaft der Luban-Familie im Gazaer Stadtteil Al-Scheich Radwan unterhalten, und waren gerade dabei, ihre Instrumente in ihren gelben Volkswagen zu verstauen. Als sie losfahren wollten, wurden sie von einem anderen Wagen geschnitten. Fünf, mit Gewehren bewaffneten Männer sprangen aus dem Auto und, so erzählte Khaled dem medico-Partner Al Mezan, zwangen ihn in ihren Wagen. Sie stülpten ihm einen Sack über den Kopf. Dann schlugen sie ihn mit einem scharfen Gegenstand auf den Kopf. Sie fuhren los, Khaleds Bruder lief hinter dem Auto hinterher. Nach etwa zwei Minuten hielten sie, schmissen Khaled aus dem Wagen und schlugen ihn weiter mit Knüppeln. Fünf Minuten dauerte es, bis Khaleds Bruder die Polizei holen konnte. Die Entführer suchten daraufhin die Weite. Khaled wurde ins Krankenhaus gebracht.
Etwa eine Woche davor überfielen sechs maskierte und bewaffnete Männer in einem weißen Volkswagen mit verdunkelten Fensterscheiben den Sänger Salah Jamil Al-Qeshawi, 39, seinen Sohn Noor Al-Din, 8, and zwei Mitglieder seiner Band, Mahmoud Al-Khawaja and Mohammed Abu Laila. Auch sie waren gerade dabei, eine Hochzeitsparty zu verlassen, wo sie für die Unterhaltung gesorgt hatten. Nachdem sie brutal zusammengeschlagen und beraubt worden waren, wurden die vier aus dem Wagen hinausgeworfen. Nachbarn fanden sie und brachten sie ins Krankenhaus. Al-Qeshawi erzählte der Menschenrechtsorganisation Al Mezan, dass die bewaffneten Männer Militäruniformen trugen und ihn wiederholt einen “Atheisten” schimpften; das Singen sei haram (islamrechtlich verboten).
Die Angriffe gelten einer der zentralen palästinensischen und arabischen Institutionen: der Hochzeit. Diese ist traditionell eine Riesenfete. Hunderte von Gästen werden geladen. Gegessen wird nichts, lediglich Getränke und Hochzeitskuchen werden serviert. Die Party dauert auch gern nur 2-3 Stunden. Die Hauptattraktion ist jenseits des Brautkleides die Musik. Arabische Volksmusik, live wenn genug Geld da ist, ansonsten aus der Konserve. Oder aber ein DJ, der die Menge anpeitscht mit extrem lauter arabischer Popmusik. Die selbsternannten Beschützer eines „wahren“ Islam möchten jedoch jede Musik verbieten, die nicht lediglich islamischen Inhalt hat und allein von Trommeln begleitet werden darf. Die alte, vielfältige Musiktradition, die in der arabischen und der muslimischen Welt seit vielen Jahrhunderten tradiert aber auch weiterentwickelt wurde, soll jetzt verschwinden.
Al Mezan hat nach Überprüfung der Tatsachen die Regierung in Gaza öffentlich daran erinnert, dass sie für die Einhaltung der Gesetze und für die Sicherheit aller Gazaer verantwortlich sei. Werden diese Taten nicht entsprechend geahndet werden, so fürchtet Al Mezan eine weitere Verschlechterung der Menschenrechtssituation im Gazastreifen. Das war nicht der erste Angriff auf die persönlichen Freiheitsrechte der Palästinenser im Gazastreifen heuer: Individuen aus der mittleren Verwaltungsebene, Beamte des Justizministeriums oder Schulleiter glaubten, nach der Machtübernahme der Hamas ihre Version von Zucht und Ordnung durchsetzen zu können. So wurde das Kopftuch für alle Schulmädchen oder als „islamisch“ definierte Kleider für Anwältinnen verpflichtend eingeführt, Briefe an Gaststätten geschickt, in denen das Rauchen von Wasserpfeifen in der Öffentlichkeit für Frauen für verboten erklärt wird. Die Hamas-Regierung ließ dies geschehen, übernahm aber die reaktionären Positionen nicht eins zu eins.
Die ständige Beobachtung dieser Tätigkeiten durch Al Mezan und andere Akteure stellte aber die Basis für eine zeitnahe Gegenreaktion dar. Öffentlicher Protest, Lobbyarbeit sowie juristische Schritte gegen diese in keinem Gesetz verankerten, teilweise rechtswidrigen Verordnungen führten schließlich dazu, dass viele von ihnen wieder rückgängig gemacht wurden. Auch wenn vieles darauf hinweist, dass den Attacken auf die beiden Sänger weitere Einschüchterungsversuche folgen werden, so hat sich gleichzeitig zivilgesellschaftlicher Widerstand etabliert und gezeigt, dass Gaza auch 2009 eine wirkungsmächtige Gegenöffentlichkeit hat.
Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 01.11.2009 | 0 Kommentare
