

Stephan Wolf-Schönburg, der zu diesem Blog zum zweiten Mal einen Gastbeitrag beisteuert, hat nach Abschluss seiner Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien ebendort u.a. an Taboris Theater „Der Kreis“ sowie am Volkstheater gearbeitet. Anfang der Neunziger kam er nach Berlin um an der Schaubühne zu arbeiten. Seine Theaterarbeit führte ihn u.a. auch zu den Salzburger Festspielen, dem Zürcher Schauspielhaus oder auch dem Braunschweiger Staatstheater, dem Maxim Gorki Theater und der Neuköllner Oper und zur Zusammenarbeit mit Tatjana Rese, Luca Ronconi, Karin Koller und Andrzej Wajda u.a. Bei Film und Fernsehen arbeitete er mit Regisseuren wie Jean-Marie Straub und Danièle Huillet, Armin Mueller-Stahl, H-C Blumenberg, Vivian Naefe, Paul Greengrass und Bille Eltringham.
Während des Gazakrieges unterrichtete ich bereits die Studenten des medico-Partners The Freedom Theatre (siehe Blogbeitrag vom 11.03.09). In der Zeit stellte sich heraus, dass in April-Mai ein Lehrerengpass die Schauspielschule belasten würde, und so entschloss ich mich noch mal zwei Monate in Jenin im Norden Palästinas zu arbeiten. Nach mehrfachen Gesprächen mit Juliano Mer Khamis, dem israelisch-palästinensischem Schauspieler und Direktor des Freedom Theatre, beschließen wir, dass ich mit den Studenten an Texten von Mahmoud Darwish aus dem Gedichtband „The Butterfly´s Burden“ arbeiten werde, der mehrere Gedichtbände aus den letzten Jahren in sich vereinigt.
Anfänglich habe ich die Texte als zu schwer empfunden, aber nachdem ich mich eine gute Zeit in Berlin damit beschäftigt hatte, entwickelte ich ein Konzept, mit dem wir einen ganzen Abend gestalten könnten. Jede/r einzelne Student/in bekommt zwei lange Gedichte, die eine Persönlichkeitsstruktur nahe legen und die ich in Kenntnis der StudentInnen so verteile, dass wir über die Gedichte die Geschichte einer Gruppe junger Menschen aus Jenin erzählen können, die sich nach Schulabschluss zum letzten Mal zu einem Gartenfest treffen. Beschlossen wird der Abend mit sehr kurzen Texten aus dem Epos „Under Siege“/ „Belagerungszustand“, die sich hervorragend als dialogisches Material eignen.
Also lande ich voller Tatendrang eines nasskalten Freitagabends Ende März in Ost-Jerusalem in der Bürowohnung von Tsafrir Cohen, dem medico-Repräsentanten für Israel/Palästina, um dann gleich am nächsten Morgen die dreistündige, odysseeische Fahrt ins siebzig Kilometer entfernte Jenin zu unternehmen, um die letzte Vorstellung der Studentenproduktion „Animal Farm“ zu sehen. Wie üblich geht es mit dem 18er Linienkleinbus nach Ramallah, wobei man den Mauercheckpoint von Kalandia passiert. Hinein geht es leicht, hinaus wie noch zu erleben sein wird, sieht es schon wieder komplizierter aus.
Nachdem wir uns sechs Wochen nicht gesehen hatten, ist die Wiedersehensfreude allerseits groß, und ich umarme und küsse mich mit den jungen Männern und begrüße die Frauen mit Handschlag. Alle Studenten sind erschöpft von der langen Probenzeit und den vielen Vorstellungen, die sie in der letzten Zeit vor vollem Haus gespielt haben. Dennoch ist ihre Vorfreude und Nervosität angesichts dieser letzten Vorstellung zu spüren. Für alle ist „Animal Farm“ mit positiven Folgen verbunden: zum Teil werden sie auf der Strasse in Jenin-Camp oder Stadt mit Rollennamen angesprochen, und gerade für die Studentin Dana ist der Familienstolz von großer Bedeutung.
Sie hatte, seit Studienbeginn im letzten Jahr, Tag für Tag zu kämpfen. Immer wieder musste sie sich dem Familienwillen widersetzen, um ihrem Ausbildungswunsch nachgehen zu können. Nun aber sind Mutter und Brüder begeistert von ihrer Begabung und der durch klare Bilder und straffe Handlung beeindruckenden Aufführung, die jedes Mal im Jubel und Getrampel des gemischtaltrigen Publikums zu Ende geht.
In „Animal Farm“ wird die Geschichte der russischen Revolution von George Orwell exemplarisch in Übertragung auf ein tierisches Gesellschaftssystem dargestellt. Schon bei den Leseproben im Januar war klar, dass die SchauspielschülerInnen mit diesem Material klare Bezüge zur eigenen politischen Situation herstellen konnten und wollten. Und dies wurde auf leicht erkennbare Weise so umgesetzt, dass sogar Kinder den politischen Andeutungen hörbar folgen konnten.
Die Schweine, die den Gedanken der Revolution verraten und die Macht über die anderen Tiere an sich reißen, und die Hunde, die aggressiv und verteidigend an ihrer Seite stehen, sind klar als Vertreter der Palästinensische Autonomiebehörde und ihrer Schutzmacht erkennbar. Der Mensch, mit dem sie am Ende paktieren, ist in Kleidung und Sprache als Mitglied der israelischen Armee erkennbar. Sogar in der internationalen und erstmalig auch in der israelischen Presse wurde „Animal Farm“ positiv bemerkt und beschrieben.
Auch diesmal bin ich im Gästehaus des Freedom Theatres untergebracht und treffe in meiner WG wieder auf Johanna aus Schweden, die in der Sponsoring-Akquise tätig ist, und Camilla Bakken, die norwegische Tanz- und Bewegungstrainerin, die ein halbes Jahr an der Schauspielschule unterrichtet. Das Gästehaus befindet sich im Verwaltungsgebäude des Theaters, in dessen Erdgeschoss sich das Medienzentrum und die kleine Bibliothek befindet. Das Haus gehört zum Gebäudekomplex unseres technischen Leiters Adnan Narnariye. Zwei seiner Brüder sind in israelischen Gefängnissen inhaftiert wegen ihrer Beteiligung an der zweiten Intifada. Der Eine für fünf, der Andere für 17 Jahre. Das Haus wurde als Reaktion zweimal durch die israelische Armee zerstört, wie viele andere hundert Gebäude in Jenin Camp. Und zweimal durch den langmütigen Adnan und seine Familie wiederaufgebaut.
Eines Morgens erwachen wir nach stürmischer Nacht, der Khamsin hat wieder den Staub und Sand der Arabischen Halbinsel nach Palästina getragen. Wir sehen wie Kotura, einer der Techniker des Theaters, mit hochgekrempelten Hosen in schwarzem Wasser stehend, die Tür des Freedom Theatre neu streicht. Er muss sie neu streichen, da in der Nacht ein Brandanschlag auf das Theater verübt wurde.
Es ist bereits der zweite Brandanschlag innerhalb kurzer Zeit. Das Musikzentrum Al Kamandjati in Jenin fiel kürzlich den Flammen zum Opfer. Wir haben Glück und der Schaden ist gering. Aber um das Freedom Theatre nicht zur Ruhe kommen zu lassen, folgt ein Flugblatt, in dem der „jüdisch-zionistische Leiter“ des Freedom Theatre mit dem Tod bedroht wird. Gemeint ist Juliano Mer Khamis, der sich ganz diesem Theater und der palästinensischen Befreiung mit friedlichen Mitteln, mit den Mitteln des Theaters, des Films und anderen kulturellen Ausdrucksmöglichkeiten verschrieben hat. Er, dessen Mutter bereits während der ersten Intifada in Jenin mit den durch militärische Gewalt traumatisierten Kindern Theater machte, und dessen palästinensisch-israelischer Vater ebenfalls ein politischer Aktivist war.
Über seine Mutter und die Kinder von Jenin machte er den Film „Arnas Kinder“, und für seine Tätigkeit hier lässt er eine überaus erfolgreiche Karriere als Schauspieler in Israel ruhen. Und er zieht weitere Freiwillige aus aller Welt für kurze oder längere Zeit ans Freedom Theatre, um den Kindern und Jugendlichen Unterricht in den verschiedensten künstlerischen und auch technischen Bereichen zukommen zu lassen. Juliano und alle anderen angestellten und freiwilligen Mitarbeiter werden nun mit Gewalt bedroht. Von anonymen Flugblattschreibern und Brandstiftern. Jetzt, wie auch schon während des Gazakrieges, drängt sich mir die Sinnhaftigkeit von Theater wieder auf. Hier kann Theater offensichtlich in existenzieller Weise bewegen und aufrühren.
Natürlich machen sich Angst und Sorge unter den Menschen des Theaters breit. Ich selbst versuche ruhig zu bleiben. Mir wird empfohlen, nicht durch das Camp zum Unterrichtsgebäude in Jenin-Stadt zu laufen, was ich aber dennoch tue. Die Strasse, die über einen kleinen Marktplatz mit zwei Gemüseständen, Autowerkstätten und kleinen Krämerläden führt, hat dörflichen Charakter, der sich auch in ihrer Enge ausdrückt und all den immer selben Menschen, die alltäglich vor ihren Geschäften sitzen. Wie auch die drei greisenhaften Scheichs, die ich auf meinem täglichen Weg ins sogenannte City Center immer auf ihren Stühlen sitzend antreffe. Wir grüßen uns freundlich, einer der drei war in den 60ern als Arbeiter in der BRD tätig, und auch zwischen den anderen Menschen auf der Straße und mir gehen arabische Grußfloskeln hin und her. Jeder weiß oder ahnt, dass ich im Freedom Theatre tätig bin, aber man begegnet mir in der Regel freundlich bis herzlich, verwickelt mich in kurze Gespräche, soweit mein kümmerliches Arabisch es zulässt, das ich mir in den Wochen in Berlin angeeignet habe und das sich hier im Alltag ein wenig erweitert.
Im City Center angekommen, nachdem ich das vom deutschen Künstler Thomas Kilpper mit Kindern und Jugendlichen gebaute Pferd passiert habe, nehmen sich die Studenten und ich der Texte von Mahmoud Darwish an. Ich habe die von mir zusammengestellten Texte des englisch-arabischen Buches im kleinen Copyshop am Busbahnhof zu einfachen Büchern binden lassen. Nun lesen wir Gedicht für Gedicht und arbeiten analytisch an den teilweise sehr schweren Texten. Sie sind in der arabischen Hochsprache (Fus’cha) verfasst, in ihren Themen aber den Lebenswelten der Studenten nah.
Ich freue mich zu hören, wie Rami Hweel nahezu flüssig sein zugleich lustiges, wie auch berührendes Gedicht über eine Fahrt im Sammeltaxi und sein Liebesgedicht „A lesson from Kama Sutra“ liest, das einen ganz eigenen berührenden und rhythmischen Zauber hat. Rami, der, verursacht durch die Besatzung und die dauernden Prügel seines Vaters, ein starker Stotterer war, konnte bei meinem ersten Aufenthalt kaum zwei Sätze hintereinander vorlesen. Jetzt liest er diese komplizierten Texte, die eine wahre Herausforderung darstellen, nahezu ohne abzusetzen.
Wir arbeiten mit einer Übersetzerin, Ruand Ra, wodurch wir zwar langsamer vorankommen, aber unser Verständnis füreinander und die Texte vielleicht noch vertiefen. Die Interpretationssitzungen sind teils recht wild und auch spekulativ, was die Erklärungen verschlüsselter und auch unverschlüsselter Stellen angeht, aber wir nähern uns immer mehr einer gemeinsamen Auffassung und Sprache.
Am Wochenende fahre ich anfangs immer noch nach Jerusalem und muss dann nach kleineren festen, wie auch fliegenden Checkpoints, immer wieder den 18-Linienbus verlassen und mich durch die Schleusen des grausamen Kalandia-Checkpoints pressen. Der einzige Weg, den Palästinenser nach Jerusalem gehen können. Falls er sich ihnen öffnet.
Es gibt zwei Vorschleusen mit engen Drehkreuztüren, die sich am Ende eines zu allen Seiten vergitterten Ganges befinden, aber von denen meist nur eine geöffnet ist. Hier drängt sich dicht an dicht eine Schlange aus bepackten Männern, kleinen Kindern, Greisinnen, jungen Studentinnen und hoffenden Jugendlichen. Nur bei grünem Licht dreht sich das Drehkreuz. Ansonsten heißt es: Warten. Die Enge und der vergitterte Himmel lässt die Klaustrophobie oft unerträglich werden und immer wieder kommt es zu Paniken und hysterischem Schreien, wenn ein Mensch das Eingesperrtsein nicht mehr aushält und den Käfig, der einmannbreit ist, verlassen will. Da gibt es kein Vor- und Zurück. Die hinten stehen, reagieren erst einmal nicht auf das Schreien aus der Mitte. Man möchte weiter.
Nach den Gitterschläuchen, die mich immer wieder an Legebatterien denken lassen, öffnen sich vier Gänge zu weiteren Drehkreuztüren hinter denen sich Sicherheitsschleusen wie am Flughafen befinden, durch die man seine Taschen, Jacken und Mobiltelefone fahren lässt. Oft steht man eine gute Viertelstunde, wie schon vorher, vor einer dieser nächsten Schleusen, die dann aber willkürlich mit kurzem menschlichen Bellen aus einem scheppernden Lautsprecher geschlossen wird, so dass man sich an der nächsten Schleuse anstellen muss, hoffend dass diese sich dann auch öffnen wird. Hier zeigt man dann durchs Panzerglas jungen SoldatInnnen seinen Pass. In der Regel ist der Ton hierbei sehr rau bis aggressiv und abfällig, damit die Menschen, die hier durch wollen auch nicht vergessen müssen, wo sie stehen. Abgewiesen werden immer wieder Einige. Sie gehen dann gesenkten Hauptes und gedemütigt mit ihrem Packen dahin, wo sie hergekommen sind. Oder versuchen ihr Glück in einer anderen Schleuse, um dort der Willkür ein Schnippchen zu schlagen. Manches Mal gelingt dies auch.
Nach der Panzerglaskontrolle geht man weiter durch einen kalten Betongang, der sich zur letzten Drehkreuztüre öffnet. Auch diese kann einem noch verschlossen werden. Dann geht es endlich wieder auf den Bus, der bereits auf dem Parkplatz wartet. Wenn man Pech hatte, hat man den Bus das letzte Mal vor einer Stunde gesehen.
Als ich nach dem Wochenende wieder nach Jenin komme, kündigt sich im Schaukasten des Theaters die Aufführung „The Magic Flute“ an. Hierbei handelt es sich um eine Variation auf den „Rattenfänger von Hameln“, die von der Kinder- und Jugendlichentheatergruppe aufgeführt wird, die eine Tournee in Frankreich vor sich haben. Wieder hat das zahlreiche Publikum viel Freude an dieser mit einfachsten Mitteln und sehr charmant, mit viel Witz erzählten Geschichte, die von Nabil Raee inszeniert wurde. Am Schluss wird der böse König von einer Königin abgelöst, die vom Volk erleichtert und mit Enthusiasmus begrüßt wird. Auch dieser Schluss ist durchaus als politischer Standpunkt zu verstehen, der in Folge auch noch diskutiert wird.
Nämlich wenige Tage später, als das Camp ins Theater zur Diskussion geladen ist. Die Einladung wurde mittels eines Gegenflugblattes ausgesprochen, in dem Juliano Mer Khamis auf das bedrohliche, anonyme Flugblatt reagiert, in dem er versichert, dass die Mitarbeiter des Theaters keineswegs Feinde des Islam und anderer Religionen seien und im Gegenteil die Traditionen des Camps berücksichtigen und die Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg zu geistiger Freiheit unterstützen. Auch verstünde sich das Freedom Theatre als Kämpfer gegen die Unterdrückung der Besatzung.
Die Diskussion, die auf der Versammlung geführt wird, ist lebendig. Die Diskutanten nehmen kein Blatt vor den Mund. Fragen die Rolle der Frau im Theater betreffend werden laut. Es sei eine Schande, dass Frauen auf der Bühne aufträten. Hier stellt sich Mo’men Sweitat vor seine Kommilitonin Batul Taleb, die, müde vom ständigen Kampf für ihr Dasein als Studentin der Schauspielschule, den Tränen nahe ist. Er verteidigt offen ihre Ehre und bietet sich als ihr Bruder zum Schutz an. Nach dieser Einladung zum Gespräch, bilden sich draußen auf dem Hof noch länger kleine Diskussionsrunden. Es scheint erstmal Ruhe im Freedom Theatre einzukehren.
Ein Wermutstropfen bleibt aber für viele der Mitarbeiter und Bewohner: der Abschied des kaufmännischen Leiter Jonathan Stanczak und seiner Frau Johanna, die das Freedom Theatre aufgrund aufgestauter Anspannungen in der Leitung und in tiefer Traurigkeit verlassen. Die Spannungen, die ich hier mitbekomme, sind schon aufgrund der bedrückenden Zustände, die die Besatzung verursacht, nachvollziehbar. Ich habe das Glück am Wochenende immer nach Jerusalem fahren zu können. Und: Nach dem Gazakrieg, war ich sechs Wochen in Berlin.
Aber immerzu in diesem sehr anstrengenden Land sein zu müssen, bedeutet eine ungeheure Belastung. Mir wird das bewusst, als ich am Ende meines Berlinaufenthalts eine Casting-Agentin aufsuche und von meiner Zeit während des Gazakrieges erzähle. Als ich von den Erzählungen Ralf Syrings berichte, der für medico in Gaza war, um nach Verstößen der israelischen Armee gegen das Menschenrecht zu fahnden, breche ich unkontrollierbar in Tränen aus.
Ständig solchen Belastungen ausgesetzt zu sein, die die Besatzung mit sich bringt, hat zur Folge, dass man sich ungeheuer zusammenreißen muss. Somit stauen sich Konflikte auf, die dann nicht mehr zu bewältigen sind. Juliano Mer Khamis, der eigentlich schwarzhaarig ist, hat heute nach 3 Jahren Jenin-Camp nahezu weißes Haar.
Im Kleinen merken wir den Druck, den die Atmosphäre im Camp ausübt, an jedem Donnerstag, wenn die Unterrichtswoche zu Ende geht. Wir alle sind auf eine Weise reif fürs Wochenende, wie man das so in einem Leben in Freiheit nicht kennt.
Als ich am Montag wieder auf meine StudentInnnen treffe, vermisse ich Dana Jarrar. Sie hat nun endgültig den Kampf gegen ihre Familie verloren. Nachdem diese doch so stolz auf ihr Können und ihre Begabung war, bekam ihr ältester Bruder und Familienvorstand mit, dass sie sich in Sami, einen der Techniker, verliebt hatte. Hierbei handelt es sich um ein äußerst unschuldiges Verhältnis, das in keiner Weise mit einer Liebesgeschichte mitteleuropäischen Zuschnitts im 21. Jahrhundert verglichen werden kann. Dennoch reicht es für Danas Familie aus, um sie ohne weitere Warnung aus dem Sündenpfuhl des Theaters zu entfernen. Es wir viel telephoniert. Danas Mutter wird von Frauen des Theaters aufgesucht, um Danas Unschuld zu beteuern. Keine Chance. Dana kommt nicht mehr zurück.
Für Batul, die andere Studentin, ist das eine Katastrophe. Nun ist sie allein mit den, zugegebenermaßen, sehr wilden Jungs. Keine Freundin an ihrer Seite. Keine Partnerin, mit der man sich in einer Szene oder bei Übungen vielleicht auch einmal berühren kann. Das zwischengeschlechtliche Berührungstabu wird nämlich weitestgehend eingehalten. Immer wieder stehen Batul in den nächsten Wochen die Tränen in den Augen, auch angesichts der für sie nicht mehr nachvollziehbaren Disziplinlosigkeit in der Studentengruppe.
Über ihre Verzweiflung angesichts der mangelnden Disziplin spricht sie mit mir, als wir vom Theater ins City Center gehen, um weiter an der Textanalyse zu arbeiten. Der kürzere Weg verläuft durchs Camp. Aber den geht sie nicht mehr. Sie ist die Beschimpfungen und die Anfeindungen leid, denen sie dort auf der Strasse immer wieder ausgesetzt wird. Das Risiko wieder einmal als ehrlose Person bezeichnet zu werden, möchte sie nicht eingehen.
Die Formlosigkeit im Gruppenverhalten und die mangelnde Konzentrationsfähigkeit hat selbstverständlich auch mit den traumatisierenden Folgen der Besatzung zu tun. Noch immer kann es sein, dass nachts die Tür zum Schlafzimmer aufgerissen wird und sich israelische Soldaten zur Kontrolle in der Wohnung befinden oder einen Wachposten für die Nacht einrichten. Das passiert nicht mehr so häufig, wie in der frühen Jugend der Studenten, aber es kommt vor.
Als wir im sonnighellen City Center mit seinen Zitronen-, Orangen- und Eskadiniabäumen ankommen sitzt die rauchende Horde teilweise schon auf den Stufen zum Eingang des bürgerlichen Stadthauses, in dessen Erdgeschoss sich die Unterrichtsräume befinden. Ahmed Alrokh, der aus dem Camp stammt, lächelt mich unter seine kurz geschorenen schwarzen Haaren an, die von vielen weißen Haaren durchzogen sind. Der 20jährige, den ich unter anderem wegen seines Witzes, seiner Intelligenz und seines sanften Wesens sehr schätze, hebt plötzlich sein T-Shirt, um mir seinen vernarbten Bauch zu zeigen. Er war ein dreizehnjähriger Knabe, als ihm ein israelischer Soldat auf offener Strasse in den Bauch trat und ihn mit dem Gewehrkolben traktierte. Damals schleppte er sich nach Hause. Nach drei Tagen waren die Schmerzen so unerträglich, dass man ihn ins Krankenhaus brachte, wo seine inneren Verletzungen operativ behandelt wurden.
Sehr oft, wenn einer der Studenten eines seiner Gedichte liest und analysiert, unterhalten sich die Anderen. Da werden Papierschiffchen gebaut, direkt nach der Pause muss mindestens einer aufs Klo, Zigaretten werden angezündet, Handys klingeln. Diese jungen Erwachsenen sind aufgrund ihrer grässlichen Erfahrungen in ihrem Verhalten wesentlich jünger. Auch Rabiye Turkman, der als ehemaliges Mitglied der Al Aqsa Brigaden in der Verfolgung durch israelische Armeeangehörige eine Niere verlor und ansehen musste, wie seine Schwester erschossen wurde, ist mit 24 der Älteste, sieht älter aus, aber benimmt sich teilweise wie ein Kind. Der Gedanke, dass er den Verlust seiner Kindheit und Unschuld heute nachholt, drängt sich in vielen Situationen auf.
Immer wieder muss man Einhalt gebieten. Ich habe mir vorgenommen, den Studenten als Partner zu begegnen, auf Augenhöhe, als Freund. Ich will und werde nicht schreien oder erkennbar autoritär auftreten. Gerade weil die Studenten ein solches Verhalten gewohnt sind. Dadurch erlebe ich natürlich immer wieder extrem anstrengende Arbeitssituationen, da mir der nötige Respekt des Öfteren verweigert wird.
Ich fordere die Studenten immer wieder auf, den Kollegen Respekt entgegen zu bringen. Respekt vor dem Anderen und auch Respekt vor sich selbst sind in unserem Beruf von nicht zu unterschätzender Bedeutung, da wir immer auch uns selbst, unsere Person ins Geschehen einbringen, uns selbst entäußern. Und das verlangt Mut und Vertrauen. Und eben auch Respekt.
Aber woher sollen sie den nehmen, wenn er ihnen kaum entgegengebracht wurde. So oft standen sie vor geschlossenen Schulen. Ihre Eltern sind mit dem Kampf ums Überleben beschäftigt. So viele von ihnen haben gesehen, wie ihre Häuser zerstört wurden, haben Brüder verloren, leben mit Vätern, die durch militärische Kopfverletzungen ihren Verstand verloren haben. All dies erschwert den Respekt für den eigenen Beruf und die nötige Disziplin, die sich Batul so sehr wünscht, sie, die täglich in ihrer Familie für ihre Berufswahl einstehen muss.
Das Freedom Theatre ist durch seinen Finanzmangel immer wieder dazu verdammt improvisieren zu müssen. Es ist darauf angewiesen, dass sich Freiwillige aus der ersten Welt hierher begeben, um den Studenten, aber auch den Kindern und Jugendlichen in den verschiedenen Gruppen, ihr Wissen und Können zu vermitteln. Da heißt es auch für die freiwilligen Lehrkräfte immer wieder flexibel zu sein. Jeder Tag fordert Anpassung an neue Umstände. Und damit meine ich nicht nur den Kampf um Konzentration und Arbeitsruhe.
Nachdem ich mich aufgrund eines voraussehbaren Lehrermangels entschlossen hatte wieder zwei Monate in Jenin zu sein, hatte ich wie bereits erwähnt ein Konzept entwickelt, dass von einem Arbeitspensum bis zu vier Unterrichtsstunden täglich ausging. Als ich aber ankam, waren die beiden Lehrer, die eigentlich weg sein sollten, doch noch da, und es kündigte sich auch noch ein Schauspielerpaar aus Schweden an, die einen zweiwöchigen Workshop geben sollten. Das bedeutete, dass sich meine Unterrichtszeit für die ersten vier Wochen erstmal verkürzte und ich meinen Zeitplan anpassen und verändern musste. Danach hätte ich wieder mehr Stunden zur Verfügung.
Solche Lehrangebote aus dem Ausland sind natürlich immer sehr willkommen, zumal wenn es sich wie bei Jan Tiselius und Britt Louis Tillbom aus Schweden, um zwei hervorragende Pädagogen handelt, die bereits das dritte Mal nach Jenin kommen und mit ihrem zauberhaftem Wesen auch noch unsere internationale WG beglücken.
Wenn dann aber immer wieder noch ein überraschender Lehrer kommt, der wiederum den Lehrplan, den man sich aufs Neue zurechtgelegt hat, zunichte macht, dann kann das schon sehr zermürbend sein. Und auch für die Studenten ist dieser ständige Strukturwandel belastend. So kann ein Geschenk aus der ersten Welt auch ein Danaergeschenk sein. Aber aufgrund der nötigen Flexibilität haben sich die vorhandenen Lehrkräfte mit den jeweils neuen Situationen anfreunden können. Darüber hinaus hat sich auch eine fruchtbare Strukturdiskussion an dem neu erfundenen mittwöchlichen Lehrertreffen entwickelt. Es wird vereinbart, dass neue Lehrer gemeinsam begrüßt werden und ein kurzer Überblick über den jeweiligen Stand der Studenten vorgestellt wird. Das ist auch für die interessant, die bereits zum wiederholten Male nach Jenin kommen.
Außerdem wird am Ende einer Unterrichtsphase immer eine schriftliche Evaluierung stattfinden, die dann wiederum von jedem eingesehen werden kann. Und wir hospitieren bei den jeweils anderen Lehrern, um deren Lehrmethoden kennenzulernen und eventuell in den eigenen Unterricht zu integrieren, um den Studenten so auch das Gefühl von Übereinstimmung zu vermitteln. Aber auch den Studenten sind wir in dieser Diskussion offen begegnet, da auch sie manches Mal von plötzlichen Stundenplanwechseln überrascht werden.
Somit habe ich mein Konzept immer wieder, nicht immer leichten Herzens, umwandeln müssen und letztlich gänzlich verändert, da andere Unterrichtseinheiten an Wichtigkeit zunahmen.
Bereits in Berlin habe ich auf Vermittlung von Juliano Mer Khamis Kontakt mit der KinderKulturKarawane aufgenommen, die durch den Artikel im medico-Rundschreiben auf das Freedom Theatre aufmerksam wurde.
Die KinderKulturKarawane plant eine Tournee mit den Studenten des Freedom Theatre, und ich wurde gebeten den Mittelsmann zwischen medico und den beiden Institutionen darzustellen, sowie meine persönlichen Kontakte zu nutzen, respektive mit Vorschlägen an andere Theater heranzutreten.
In Jenin hat hauptsächlich Micaela Miranda die Aufgabe übernommen, einen Abend mit dem Arbeitstitel „Fragments of Palestine“ zu entwickeln. Sie hatte bereits in Co-Regie an „Animal Farm“ mitgearbeitet und kommt als ehemalige Studentin von Lecoq in Paris vom Körpertheater.
Auch „Fragments of Palestine“ wird in spracharmer und körperbetonter Weise vom Leben in Palästina erzählen. Die Studenten sind schon begeistert und aufgeregt und fragen seit meiner Ankunft vor zwei Monaten immer wieder, ob wir uns dann auch in Deutschland sehen werden. Teilweise werde ich sicher auf der Tournee dabei sein, soweit es meine Zeit erlaubt. Ganz sicher wird es auch an verschiedenen Orten eine Anwesenheit von medico-Mitarbeitern geben, die in den anschließenden Diskussionen mit ihren Erfahrungen die Gespräche bereichern werden.
Nun geht meine Zeit hier zu Ende und ich kann auf aufregende, anstrengende aber auch sehr bereichernde Monate zurückblicken. Die StudentInnen haben mich immer wieder beglückt und ich hoffe, dass unsere Form der Textanalyse ihnen zugute kommt. Auf jeden Fall konnte ich in den letzten Wochen erkennen, als wir in die praktische Arbeit übergingen, dass heißt Improvisationen mit und über die Gedichte entwickelten, dass sie ihre Texte so durchdrungen hatten, dass sie zum Teil sehr persönlich und berührend wurden.
Qais Assadi legt seinem Gedicht „Murdered and Unknown“ die Erlebnisse mit einem seiner verlorenen Freund zu Grunde, der von einem israelischen Soldaten absichtlich überfahren wurde. Die Art und Weise, wie er mit der Sprache des Gedichts, der Wahrnehmung seiner augenblicklichen Situation und seinen Erinnerungen umging, unter Nutzung von Arbeitstechniken, die wir in den vorangegangenen Tagen erlernt hatten, ließ uns allen den Atem stocken, die Tränen in die Augen steigen. Selbst die unruhigsten Rabauken unter den wilden Kommilitonen verstummten und unterließen jede Störung.
Auch ihre Fähigkeit sich in entsprechenden Situationen konzentriert und aufmerksam zu zeigen, hat sich in den letzten Monaten so verbessert, dass die unruhigen Unterrichtsstunden immer wieder von erkennbar gesammelten abgelöst werden. Diese Entwicklung kommt auch dem Besuch von Henning Mankell und Michael Palin, dem ehemaligen Monty Python-Mitglied, zugute, die anlässlich des Palestinian Literary Festivals die Westbank bereisen. Mit den Studenten und einigen Mitgliedern leiten sie einen mehrstündigen Schauspielworkshop, der von Beider Reden über die Bedeutung des Freedom Theatre und des Theaters angesichts unterdrückender Strukturen eingeleitet wird.
Die Atmosphäre ist gelöst und heiter. Die Studenten sind aufgeregt und sehr kooperativ. Auch hier zeigt sich wieder, dass die Aufmerksamkeit von Außen für die Menschen im Camp von großer Bedeutung ist. Das Gefühl in anderen Teilen der Welt wahrgenommen zu werden, stärkt das Selbstbewusstsein und den Selbstrespekt.
Es wird spannend sein zu sehen, wie die StudentInnen mit den Erfahrungen auf der Tournee umgehen werden. Alle, außer Batul, waren noch nie im Ausland, geschweige denn in Europa. Die Tournee beginnt Mitte September und endet Ende Oktober, und sie werden von Kiel bis Graz viele Städte besuchen, etliche Menschen kennenlernen und einer Welt ausgesetzt sein, die mehr als fremd sein dürfte.
Auch ich habe bei meiner Rückkehr nach Berlin Schwierigkeiten dem Überfluss unserer Gesellschaft leidenschaftslos gegenüber zu stehen und muss mich auch an den Luxus einer eigenen Wohnung erst wieder gewöhnen, auch wenn ich mir manches Mal in Jenin meine Privatsphäre zurückgewünscht habe.
In den letzten Tagen hat noch eine norwegische, schauspielernde Akrobatengruppe bei uns gewohnt, die die SchauspielschülerInnen in Akrobatik unterrichteten. So waren sie am Nachmittag in meinen Stunden doch ein wenig erschöpft, aber haben in ihrer Entspannung auch sehr kreative Spiellösungen für ihre Gedichte gefunden.
Der Abschied nach dieser erlebnisreichen Zeit fiel uns allen ein wenig schwer, da wir uns wieder ein Stück näher gekommen sind. Aber wir wissen, dass wir uns im Herbst wieder sehen und ich weiß, dass ich auf jeden Fall wieder nach Jenin gehen werde. Um meine Freunde dort zu besuchen oder auch wieder mit den Studenten zu arbeiten.
Veröffentlicht von Stephan Wolf-Schönburg am 06.06.2009 | 3 Kommentare
