04.08.2008

„Kolonisierung“ des Jordantals

Grenzen in Israel und Palästina (4)

Die Mauer im Westen, im Norden und im Süden der Westbank, mit deren Hilfe Israel seine Sicherheit garantieren möchte und mehr noch, Teile der Westbank für sich de facto und vor einem Friedensvertrag annektiert, ließ den Osten der Westbank in Vergessenheit geraten. Doch gerade hier, an der Grenze zu Jordanien – mit dem Israel seit über einem Jahrzehnt beste Beziehungen unterhält, wird jedem Besucher klar, dass die israelische Politik vor Ort nicht vornehmlich durch Sicherheitsüberlegungen motiviert ist, sondern durch das Bestreben, die palästinensische Bevölkerung in dicht bevölkerte Enklaven zu verdrängen.

Tausend Meter Höhenunterschied liegen zwischen Jerusalem und dem Jordantal. Die einstündige Fahrt hier herunter führt von dem in dieser Jahreszeit recht heißen Jerusalem ins noch heißere Tal, in dem zu dieser Jahreszeit vierzig Grad keine Seltenheit sind. Jerusalem liegt an der Wüstengrenze, und schon nach wenigen Kurven eröffnet sich uns, dem Team von medico international, in der Region ein spektakuläres Wüstenpanorama.

Wir erreichen die grüne Oase Jericho, mit circa 20.000 Einwohnern die einzige Stadt der Region. Jericho, samt seinen zwei Flüchtlingslagern und einigen angrenzenden Dörfern insgesamt eine Fläche von etwa fünfzig Quadratkilometern, ist gemäß den Osloer Verträgen A-Gebiet, also ganz unter palästinensischer Verwaltung. Der Rest des Ostens, ein circa fünfzehn Kilometer breiter und hundert Kilometer langer Streifen, der von der Küste des Toten Meers im Süden bis Bisan (Hebräisch: Bet She’an) im Norden reicht, insgesamt etwa dreißig Prozent der gesamten West-bank, ist C-Gebiet, also unter voller Herrschaft der israelischen Administration, wobei einige hier befindliche Dorfkerne zum B-Gebiet gehören, das von der palästinensischen Ziviladministration verwaltet wird, aber unter israelischer Sicherheitskontrolle steht.

Unser Ziel ist jedoch das Dorf Jiftlik, etwa dreißig Kilometer nördlich von Jericho. Die Straße führt zwischen Dattelpalmplantagen, Gemüseäckern und Gewächshäusern. No’omi, Niran oder Argaman heißen die israelischen Siedlungen. Sie nutzen die großen unterirdischen Wasserreservoirs und das ganzjährig warme Klima, um Europa und Israel auch im Winter mit frischem Gemüse zu beliefern. Ein lukratives Geschäft.

Jiftlik ist aber ein palästinensisches Dorf, liegt indes zur Gänze im C-Gebiet und unterliegt damit komplett der Obhut der israelischen Administration. Hier ist das Elend so offensichtlich, dass meine Kollegin Hekmat, ein Kind Gazas, nur noch entsetzt feststellt, so was hätte sie nicht einmal in Gaza gesehen. Überall weht Staub, die Straßen sind kaum befestigt. Die Behausungen sind aus Lehmziegeln, Türen und Fenster bestehen aus einem verstaubten Tuch oder fehlen gänzlich. Für die über 4000 Einwohner gibt es weder Wasser noch Strom. Israel erkennt das Dorf einfach nicht an, und folglich ist jeder Bau im Dorf illegal – die Schule, die Klinik, die privaten Häuser und alle Infrastrukturen wie Wasser- oder Stromleitungen. Das Land von Jiftlik wurde etwa zur Hälfte zugunsten der Siedlungen konfisziert, der Rest gehört Großgrundbesitzern aus Nablus und anderen Orten. Dieses Land pachten die Jiftlik-Bewohner, doch da sie keine Brunnen bohren dürfen oder alte erneuern können ohne israelische Genehmigungen und diese werden grundsätzlich nicht erteilt, sind sie vor allem von Regenwasser abhängig, was in dieser regenarmen Region eine lohnende Landwirtschaft kaum ermöglicht.

Am Dorfeingang, bis dahin kommt das Wasserrohr der israelischen Wassergesellschaft Mekorot, treffen wir Zainab. Ihr Mann starb vor einigen Jahren, und seitdem leben sie und ihre beiden Kinder von der palästinensischen Witwenrente, 330 Schekel (etwa 60 Euro) im Monat. Diese bessert sie auf, indem sie Lehmziegel herstellt. Während andere Bewohner kommen und gehen, nachdem sie ihre Eimer mit Wasser aus dem Rohr aufgefüllt haben, transportiert sie Wasser mit einer Plastikschüssel zu ihrer nahe gelegenen Arbeitsstelle. Dort, unter der sengenden Mittagssonne, vermischt sie es mit Lehm und formt daraus Ziegel, die dann in der Sonne austrocknen. Damit können Häuser für die wachsende Bevölkerung gebaut werden. Später führt sie uns zur Frauengruppe des Dorfs. Die Wortführerin, eine dunkelhäutige Frau wie viele im Jordantal, erzählt, wie all ihre Hühner neulich durch einen Hitzeschlag starben. Jede der Frauenkooperative kaufte einige wenige Hühner, viele zahlten hierfür ihr letztes Geld, umgerechnet 50 Euro hat jede investiert. Als sie den Massentod feststellten, brachen sie alle in Tränen aus und waren tagelang untröstlich.

Viele Männer, aber auch Kinder, arbeiten in den nahe gelegenen Siedlungen als Tagelöhner. Umgerechnet zehn Euro am Tag erhalten sie, oft mit Verspätung, manchmal gar nicht. Sie können kaum dagegen vorgehen, denn einen Prozess anzustreben läge jenseits ihrer Möglichkeiten und überstiege vielleicht auch ihre Vorstellungskraft: Zu mächtig sind die reichen Nachbarn, zu rechtlos sind sie selbst – seit über vierzig Jahren. Auch während der beiden Intifadas ging vom Jordantal kaum Widerstand aus.

Wie mächtig die Siedler sind, sehen wir einige Kilometer weiter: Hier hat sich ein israelischer Einsiedler ein riesiges Areal gesichert. Am Straßenrand, unweit der Straße, die zu »seinem« Grundstück führt, baut er nach Gutdünken immer wieder einen privaten Checkpoint auf, erzählen die Dorfbewohner. Hier hält er vorbeifahrende Fahrzeuge an und fragt sie nach dem Zweck ihrer Reise, nach ihren Papieren. So mutig ist der Mann offensichtlich nicht: In Sichtweite gibt es einen offiziellen Checkpoint mit mehreren Soldaten, die sicherstellen, dass kein Palästinenser ihm Widerstand leistet.

Die Siedlungen im Jordantal gehören zu den ältesten Siedlungen in der Westbank: Zwei Jahre nach der Eroberung der besetzten Gebiete, 1967, wurde die erste gebaut. Die Arbeitspartei hat sie damals dorthin geschickt, um ganz im Sinne der alten zionistischen Besiedlungspolitik möglichst große Gebiete für sich zu beanspruchen. Um die Siedler dorthin zu locken, wurde und wird (auch nach Oslo) munter weitergebaut. Seit 1993 kam ein weiteres Dutzend neuer Siedlungen hinzu, wurden hier horrende Geldsummen investiert: Die Siedlungen verfügen über neueste Sicherheitstechniken und sind natürlich komplett umzäunt; Wasser gibt es zu Genüge – auch für Schwimmbäder und den eigenen Rosengarten; Steuern zahlen sie als »Zonenrandbewohner« kaum, und auch für das von den Palästinensern konfiszierte Land mussten sie nichts zahlen. Dafür werden dort zurzeit riesige, nur den Siedlern vorbehaltene Wasserreservoirs und industrielle Verpackungsanlagen für die landwirtschaftlichen Güter aufgebaut. Und im befreun-deten Europa finden die landwirtschaftlichen Produkte aus den Siedlungen ganz selbstverständlich ihren Markt.

Die Siedler haben mächtigen Rückhalt. Hinter ihnen steht eine gut geölte administrative Maschinerie, die wohl geplant mit allen Mitteln das Überleben der lokalen palästinensischen Bevölkerung erschwert. Da das gesamte Jordantal außerhalb der Dorfkerne – und wie im Fall Jiftlik zählen auch diese in mehreren Fällen hierzu - C-Gebiet ist, ist die israelische Administration für jede Art von Genehmigungen zuständig. Versucht etwa eine Organisation, landwirtschaftliche Infrastruktur aufzubauen, und sei sie auch noch so notwendig für den Grundbedarf der palästinensischen Bauern, so erhalten sie so gut wie nie Genehmigungen. Laut der israelischen Organisation Bimkom, die sich für Planungsrechte einsetzt, wurden seit 2000 etwa fünf Prozent der Anträge genehmigt. Deshalb bauen sie »illegal«. Sie erhalten postwendend eine Abrissorder und müssen darauf hoffen, dass der Bau im Nachhinein legalisiert wird. Manchmal funktioniert es, vor allem mit Hilfe ausländischen Drucks, doch oft werden private wie öffentliche Bauten einfach abgerissen, mit zunehmender Tendenz, wie die UNO-Organisation OCHA neulich berichtete.

Die israelische Administration verfolgt offensichtlich einen langfristigen Plan, dessen Ziel es ist, das Jordantal palästinenserfrei werden zu lassen. Dieses Tal hat einiges, was Israel für sich beanspruchen möchte: Es ist dünn besiedelt, außerhalb der Jericho-Enklave leben dort nur etwa 25.000 Palästinenser, hat die zweithöchsten Wasserreserven der Westbank und besitzt landwirt-schaftliches wie touristisches Potenzial.

Um die Bevölkerung dort zu verdrängen, wird jede kleinste Entwicklung verhindert. In der gesamten Westbank werden große Flächen zu Naturschutzgebieten erklärt, mit dem wenig verdeckten Zweck als Platzhalter für später zu bauende Siedlungen. Schaut man auf die Landkarte der OCHA, so sieht man, dass Sperrgebiete, Siedlungen und Naturschutzgebiete fast das gesamte Jordantal zu einer für Palästinenser verbotenen Zone machen. Darüber hinaus wird die lokale Bevölkerung vom eigenen Volk isoliert: Das Jordantal wurde lange Zeit für ein geschlossenes Militärgebiet erklärt, womit nicht im Jordantal registrierte Palästinenser das Gebiet nicht betreten durften. Und bis heute, zwei Jahre nach Ende der zweiten Intifada, ist das Tal durch mehrere Checkpoints von den palästinensischen Bevölkerungszentren getrennt. Mit Erfolg: Die verarmte Bevölkerung, zu großen Teilen (ehemalige) Beduinen oder Flüchtlinge, hat kaum eine Lobby im immer abgehobener wirkenden palästinensischen Machtzentrum in Ramallah. Das Jordantal scheint auf dem Radar der palästinensischen Öffentlichkeit kaum auf. Dagegen scheint die Rechnung der israelischen Besatzungspolitik aufzugehen: Die Palästinenser verlieren ihre soziale und politische Kohäsion.

Unter diesen Bedingungen wirkt folgende Geschichte nicht mehr wie eine kafkaeske Mär: Flieht ein Esel oder eine Ziege in ein für sie nicht vorgesehenes Gebiet, etwa in eine militärische Sperrzone, in Siedlerländereien oder in ein Naturschutzgebiet – die alle palästinensische Dörfer umgeben, werden die Tiere von Siedlern, ihren thailändischen »Gastarbeitern« oder Soldaten auf-gefangen und in ein Gefängnis für palästinensische Tiere gesteckt. Will der Besitzer das Tier wiederhaben, so muss er pro Tag und Tier etwa vier Euro hierfür bezahlen.

Zuerst erschienen in der Kommune, IV 2008

Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 04.08.2008 | 0 Kommentare

 

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