






Ein junges Mädchen hat die Fähigkeit zu fliegen, doch ein Checkpoint hindert sie daran. Eine Theatertruppe eilt ihr zu Hilfe, spielt spontan vor den Soldaten und verwirrt sie. Das Mädchen nutzt die Gelegenheit und fliegt hoch hinaus. Asma, das schüchterne, etwas verstörte Mädchen in der Theatertherapiegruppe, hat diese Phantasie eben zu Papier gebracht nach Vorgaben von Petra Barghouti, der Gruppenleiterin: Eine Geschichte mit einer Hauptfigur, ihr helfende und sie behindernde Figuren. Sie liest sie jetzt mit kaum hörbarer Stimme vor. Ihre Kameradinnen sprechen ihr zwar Mut zu, doch sie weigert sich, ihre Geschichte durch die Gruppe spielen zu lassen. Die burschikose Ghadeer hingegen, großgewachsen, mit langem braunem, offen getragenem Haar, prescht vor und erzählt ihre Geschichte: Ihre Heldin ist ein Mädchen, das sich als Junge kleidet, um sich unter die Jungengruppe mischen zu können. Sie lernt dort das freie Benehmen der Jungs kennen, kehrt zu ihrer Mädchengruppe zurück und bringt ihnen unbeschwertes Verhalten bei. Die Mädchen verbünden sich mit den Jungs, und gemeinsam stürzen sie den König, der die Mädchen reglementiert und beide Geschlechter bis dahin auseinandergehalten hatte. Das nachzuspielen macht den Mädchen offensichtlich Spaß, vor allem die Nachahmung von Jungs, Raufen und Boxen inbegriffen.
Wir befinden uns im Proberaum des Freiheitstheaters. In diesen Ort entfliehen Jugendliche dem tristen Alltag des Flüchtlingslagers Dschenin. Über zehntausend Menschen leben hier, etwa die Hälfte Kinder. Viele von ihnen haben schreckliches erlebt. Asma etwa: Als sie acht Jahre alt war, wurden zwei ihrer Brüder durch israelische Schüsse getötet. Sie und ein dritter, jugendlicher Bruder, der noch Jahre in einem israelischen Gefängnis vor sich hat, schlossen sich dem gewalttätigen, selbstmörderischen Kampf gegen Israel an. Als Strafe riss die israelische Armee das Haus der Familie nieder - zwei Mal. Die zweite Intifada flammte gerade im diesem Flüchtlingslager, in dem etwa ein Drittel der Bevölkerung dieser nördlichsten Stadt der Westbank leben, besonders stark auf. Etwa ein Dutzend Selbstmordattentäter stammten von hier. Die israelische Armee ihrerseits wütete hier in einer weltweit aufsehenerregenden Aktion, tötete Dutzende und zerstörte ganze Häuserblocks.
Vom Hügel aus sieht man den Norden Israels. Hier sitzen die Flüchtlinge seit über sechzig Jahren, eine Zukunft haben sie nicht. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, manch Familienvater bringt seine Familie als Tagelöhner durch; zudem sichern Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und materielle Hilfe des UN-Flüchtlingswerks das karge Überleben. In Israel dürfen sie natürlich nicht mehr arbeiten, die palästinensische Autonomiebehörde kann, bedingt durch die Zugangsbeschränkungen der israelischen Besatzung und der jahrelangen Abhängigkeit von der israelischen Wirtschaft, kaum eine Perspektive verschaffen.
Dschenin ist nicht erst seit der zweiten Intifada ein Ort des Elends. 1987 entschloss sich Arna Mer, eine jüdische Menschenrechtlerin und Künstlerin aus Haifa, die mit dem israelisch-palästinensischen Kommunisten Saliba Khamis verheiratet war – eine äußerst seltene Angelegenheit in Israel –, hier ein Kindertheater zu gründen. Es war nicht leicht für diese ungewöhnliche Frau, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, denn bis dahin betraten Israelis das Lager nur als Besatzer. Die erste Intifada brach bald darauf aus, doch Arna blieb ihren Kindern treu. Ihr Sohn, Juliano Mer Khamis, ein bekannter Schauspieler in Israel, arbeitete dort als Regisseur und filmte immer wieder die Arbeit seiner Mutter. Arna starb 1994 und mit ihr das Theater. Während der zweiten Intifada erkannte Juliano einige der Kinder von damals in den Nachrichten: Die lachenden Kinder von damals wurden zu hart gesottenen Kämpfern, die sich auch nicht vor Attentaten gegen Zivilisten scheuten. Es ließ ihn nicht los, und er kehrte nach Jenin zurück. Daraus entstand der Film "Arnas Kinder" (vieles ist über den Film geschrieben worden; für weitere Infos über den Film und über die legendäre Arna siehe www.arna.info). Der Film erregte weltweites Aufsehen, und Juliano beschloss - angespornt von einer Solidaritätswelle - das Werk seiner Mutter weiterzutreiben.
So entstand das Freiheitstheater: Im Theatersaal proben Jugendliche an ihrem nächsten Stück, während die Techniker an der Beleuchtung für ein Gastkonzert basteln. Aus den Gästezimmern steigen zwei Amerikaner, ein schwedischer Jude, ein israelischer Palästinenser ab. Es ist eine ungewöhnliche Atmosphäre, eine Mischung zwischen urbanem, alternativem Kunstbetrieb, in dem alles durcheinanderwirbelt, palästinensischer Gastfreundschaft und einem suburbanen Jugendzentrum. Das finden nicht alle im Lager gut. Manche raunen von einem schlechten Vorbild für die Lagerjugend, das die ausländischen Freiwilligen, die Kunstinteressierten aus anderen Teilen der Westbank und immer wieder auch palästinensische und jüdische Israelis – die dem Verbot, palästinensische Städte zu betreten, trotzen - abgeben.
Die Menschen im Lager sind sehr konservativ. Dass Mädchen und Jungs zusammen proben, widerstrebt ihnen. Das Theater macht Kompromisse: Filme werden nur gezeigt, wenn sie keine nackte Haut oder sogar unschuldige Kussszenen beinhalten; die Theatertherapiestunden sind strikt nach Geschlechtern getrennt – gemischtgeschlechtliche Gruppen gibt es nur bei der neuen Dependance in der Stadt selbst. Für den liberal denkenden und lebenden Juliano ist das bitter: reaktionäres Denken und (auto) aggressives Verhalten, wie ihn die Selbstmordattentäter verkörperten, seien die Folgen der Besatzung, die er für verhängnisvoller hält als die Besatzung selbst.
Deshalb sei die Theatertherapie so wirksam, sagt Petra, die an der Bir Zeit Universität unterrichtet und zwei Mal die Woche aus Ramallah kommt: In einem geschützten Raum können die Jugendlichen die eigenen Traumata aufarbeiten und lernen, gleichberechtigt in einer Gruppe zu agieren. Mit neuem Selbstwertgefühl können sie auch solidarisch sein und Hierarchien hinterfragen. Durch die ausverkauften Aufführungen am Ende des Jahres – ein Fest für die ganze Gemeinde - erfahren sie, dass sie ihre Bedeutungslosigkeit besiegen und aktiv die eigene Gesellschaft ansprechen und kritisieren können.
Das Freiheitstheater ist ein Kristallisationspunkt für Aktivisten aus aller Welt geworden, ein Symbol für Solidarität angesichts der fortwährenden Besatzung und der daraus resultierenden Fragmentierung der palästinensischen Gesellschaft, in der reaktionäre Kräfte eine Blüte erleben. Seine Macher hegen große Hoffnungen auf die Ausstrahlungskraft des Theaters. Dennoch wissen sie, dass ihre lokale Verwurzelung den Garanten für ihren Erfolg darstellt: Deshalb ist ihr mittelfristiges Ziel nicht Weltreisen auf dem Festivalkarussell, sondern der Versuch, die Bewohner von Dschenin-Stadt, die für gewöhnlich das "gefährliche und ärmliche" Flüchtlingslager nicht betreten, mithilfe des Theaters in das Lager zu locken. In der Mädchengruppe sind schon die ersten Anzeichen hierfür zu sehen: Die Hälfte von ihnen sind Mädchen aus der Stadt.
Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 24.07.2008 | 0 Kommentare
