











Bitterkeit und Wut sind seine Sache nicht. Sami Sadiq sitzt und strahlt seine Besucher an. Dabei hätte er allen Grund, etwas pessimistischer auf die Welt zu blicken: Seit seinem sechzehnten Lebensjahr sitzt er im Rollstuhl. Als er damals, 1971 auf dem Feld seines Vaters arbeitete, wurde er von drei umherirrenden Geschossen getroffen. Ein Jahr im Krankenhaus hat er verbracht, geheiratet hat er nie. Doch dafür Hajj Sami hatte auch kaum Zeit: Dieser charismatische Mann weiß, was er will: Sein Heimatdorf al-Aqaba retten und fördern.
Hajj Sami wurde am falschen Ort geboren. Al-Aqaba ist ein von den israelischen Behörden nicht anerkanntes Dorf. Es befindet sich am nord-östlichen Zipfel der Westbank an den Abhängen der Berge um Nablus und Jenin gen Jordantal. Der Osten der Westbank, sprich das Jordantal und das nördliche Ufer des Toten Meeres ist für Palästinenser nahezu gänzlich gesperrt. Dabei stellt dieser ca. 15-20 Kilometer breite und über 100 Kilometer lange Streifen etwa einen Drittel der gesamten Westbank dar und ist zudem eine fruchtbare landwirtschaftliche Zone. Al-Aqaba hat das Pech, gerade am äußeren westlichen Rand dieses Gebiets zu liegen. Vermutlich deshalb haben die Besatzungsbehörden alles in ihrer Macht stehende getan, die etwa 300 Bewohner des Dorfs zu vertreiben.
Zuerst hatte Israel das Dorf einfach nicht anerkannt. Das bedeutete, dass sie seit über vierzig Jahren weder eine Straße, noch Wasser- und Stromversorgung erhielten. Darüber hinaus durfte im Dorf auch nicht gebaut werden, da das Dorf als landwirtschaftliche Fläche deklariert wurde. Die Dorfbevölkerung wuchs, und alle Dorfbewohner stellten individuelle Anträge auf Erweiterung ihrer kleinen, ärmlichen Häuser oder auf einen Neubau auf ihren Grundstücken – ihre Einreichung kostete ca. 750€, was für die Bewohner eine schwere finanzielle Last darstellte. Doch die Behörden blieben stur. Heute gibt es für jedes Gebäude im Dorf, oder wie das israelische Militär es nennt – in diesem militärischen Sperrgebiet - eine Abrissgenehmigung, und der Abrissbagger könnte jeden Tag anrücken, wie 1999, als fünf Häuser, ein Wasserauffangbecken, sowie die Strom- und Telefonleitungen abgerissen wurden; 2003 folgten zwei weitere Häuser. Etwa 700 Töchter und Söhne al-Aqabas leben im benachbarten Tayasir, da sie es nicht wagen, weitere illegale Häuser zu bauen und die 45 bescheidenen Häuser des Dorfs schon längst überfüllt sind.
Da das Dorf für die israelischen Behörden nicht existiert, exerziert die israelische Armee gefährlich nah am Dorf, früher sogar zwischen den Häusern. Aus al-Aqaba kam noch nie bewaffneten Widerstand, nicht einmal eine Demonstration haben sie veranstaltet. Dennoch sind im Lauf der Jahre acht Dorfbewohner getötet, 42 – darunter Sami Sadiq – durch umherirrende Geschosse und nicht explodierte Munition und Minen zum Teil schwer verletzt, die Ernte jahraus, jahrein beschädigt worden. 2006 betrat ein offenbar verwirrter israelischer Soldat die Moschee, verbarrikadierte sich, schoss 106 Mal um sich und beging anschließend Selbstmord.
Die Dorfbewohner sind ihrerseits ein stures, in seinem Land tief verwurzeltes Volk, und: Sie haben eine tatkräftige und findige Führung. Hajj Sami benötigt mit seinem mechanischen Rollstuhl zwar immer eine schiebende Hand, die ihm durch die hügelige Landschaft führt, doch der Bürgermeister ist heute die unumstrittene Stimme al-Aqabas.
Weil er mit den israelischen Behörden nicht weiterkam, hat der perfekt Hebräisch sprechende Hajj ausländische Hilfe ins Dorf geholt. Viele konnten zwar nicht im Dorf bleiben, doch ihre Kinder schicken sie von Tayasir in den örtlichen Kindergarten. Dieser wurde aus dem Ausland finanziert und gilt als der beste in der Gegend. So bleibt der unmittelbare Kontakt zum Dorf bestehen, und darüber hinaus gibt es für einige Dorffrauen eine Einnahmequelle, ohne die auch sie das Dorf vielleicht verlassen müssten. Auf einem Dach des Dorfs hat der findige Bürgermeister eine Näherinnenwerkstatt initiiert, die für zwanzig Frauen Arbeit bietet. Sie erhalten Stoffe aus Israel, die sie zuschneiden, zusammennähen und zurück nach Israel senden. Der Lohn ist mit ca. 200€ monatlich miserabel, reicht aber, um einen Wegzug zu verhindern. Denn aufgrund des Verbots eine Infrastruktur aufzubauen, können die Menschen kaum überleben: Selbst der Bau einer Wasserleitung wurde untersagt, sodass Wasser mit Tanks gebracht werden muss, was die Kosten in die Höhe treibt und eine intensivere Bewirtschaftung des Lands verhindert.
Das Ausland für die Geschicke des Dorfs zu interessieren, erwies sich als kluger Schachzug: Zwar gibt es auch für den Kindergarten, die Näherei, die örtliche Klinik, die Moschee und die überfüllte Schule, für die der Hajj auf die Hälfte des eigenen Grundstücks verzichtet hatte, Abrissgenehmigungen, doch die israelischen Behörden zögern, mit ausländischer Hilfe gebaute Gebäude zu zerstören. Zu hoch wäre dann der politische Preis. Auch das oberste Gericht Israels hat sich davon beeindrucken lassen: Nachdem es die Abrisspläne genehmigt hatte, entschied es sich doch dafür, den Abrissbefehl für Häuser, die innerhalb eines imaginären Dorfkerns liegen (darunter natürlich alle öffentlichen Gebäude), einstweilig einzufrieren. Es betonte jedoch, dass alle Bauten nach wie vor illegal seien. Sogar das Militär lenkte eine und baute eins der beiden Militärlager ab.
Die Lage des Dorfs ist dennoch ernst. Die Angst vor der Armee und dem Abriss bleibt. Darüber hinaus haben die Kinder hier kaum eine Zukunft. Nur wenige können von der Landwirtschaft leben, zumal ohne Wasserzufuhr nur Getreide angebaut und Viehzucht betrieben werden kann. Sie melden sich für die „Armee“ der palästinensischen Autonomiebehörde, in die amerikanisches und europäisches Geld in großen Mengen fließt oder ziehen zum Studieren weg. Finden sie nur einige Kilometer entfernt Arbeit, so können sie nicht weiter im Dorf wohnen, da Checkpoints und Kontrollen auch kurze Wege zu unüberwindbaren Barrieren werden lassen (auch für mich, den privilegierten Deutschen, der kaum von Kontrollen behelligt wird und mit einem UN-Vierradantriebwagen daher kam, dauerten die 20 Kilometer von Nablus hierher länger als eine Stunde). Unter dem Johannisbrotbaum tagt das Dorfkomitee unter freiem Himmel. Hier hoffen sie bald Gäste zu empfangen, die ihnen dabei helfen können, Arbeit vor Ort zu organisieren. Vor allem aber hofft Hajj Sami darauf, dass er noch erlebt, wie sein Dorf endlich einfach Sein darf.
Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 19.05.2008 | 0 Kommentare
