medico international

26.04.2008

Stimme der Kinder

Ein Besuch in Nablus

Die mit Olivenbäumen bestandene und von kleinen Weizenfeldern durchzogene Hügellandschaft auf dem sechzig Kilometer langen Weg von Ostjerusalem nach Nablus, ist schon jetzt, Ende April, durch die Sonne teilweise verbrannt und könnte an die Toskana erinnern, wenn wir nicht immer wieder an Checkpoints angehalten würden. Vielleicht deshalb gibt es auch keine direkte Busverbindung zwischen diesen beiden großen Wirtschaftszentren der Westbank. Wir nehmen einen Minibus von Ostjerusalem und müssen zuerst den Checkpoint Kalandia passieren, der das annektierte Ostjerusalem und die nördliche Westbank trennt. Nachdem wir Minibusse in Ramallah gewechselt haben, müssen wir den Checkpoint Atara nördlich von Ramallah passieren. Wir fahren auf mit Schlaglöchern durchzogenen Straßen, um dann immer wieder auf die bestens ausgebauten Siedlerstraßen überzuwechseln.

Nach insgesamt zwei Stunden erreichen wir Huwwara, den berüchtigten Checkpoint der Westbank. Nablus ist von der Außenwelt durch etliche Checkpoints abgeschottet. Das zu den ältesten Städten der Welt zählende Nablus liegt in einem Tal, eingekesselt zwischen zwei imposanten Hügelketten. In den darauf liegenden Wäldchen befinden sich kaum sichtbar etliche israelische Militärstationen, die den Bewohnern das Gefühl ständiger Überwachung vermitteln. Diese beiden Hügelketten zu überschreiten ist für die Bewohner Nablus verboten und lebensgefährlich. Das ist schon daran zu erkennen, dass sämtliche Neubauten nur bis zu einer unsichtbaren Grenze unterhalb der Militärposten erbaut werden.

Die 150.000 Einwohner können ihre Stadt nur über die Checkpoints, sprich nur mit Erlaubnis der israelischen Armee verlassen. Damit ist die Stadt isoliert, und ihre wirtschaftliche Bedeutung schwindet zunehmend. Die bei den israelischen Medien als Terroristennest verrufene Stadt, aus der tatsächlich viele der Selbstmordattentäter stammen, muss immer wieder mit häufigen nächtlichen Militärstreifzügen rechnen. Diese gefängnisartige Situation lässt die konservative bis reaktionäre Gesellschaft immer mehr erstarken und das gesellschaftliche Leben bestimmen. Die letzten Geschäfte, die Alkohol anbieten, wurden während der zweiten Intifada geschlossen, ein Kino oder Theater sucht man vergebens. All dies wird von Teilen der Bevölkerung empfindlich vermisst. Zeigt man im Jugendzentrum einen Film auf DVD, müssen immer wieder Teile herausgeschnitten werden, will man keinen Skandal riskieren.

Die Human Supporters

An der so ausgedünnten Hauptgeschäftsstraße, der Jerusalemstraße, die durch Nablus Neustadt führt, liegt das Büro der Human Supporters. Wir werden von Wajdi Yaeesh durch den mit lärmenden und spielenden Kindern angefüllten Hinterhof in die im dritten Stock befindliche Büroräume geführt. Human Supporters ist eine Gruppe junger Aktivisten, die früher Freiwillige bei der medico-Partnerorganisation Palestinian Medical Relief Society waren. Angesichts der zunehmenden Isolation ihrer Stadt und der Hoffnungslosigkeit bei hiesigen Kinder und Jugendlichen haben sie sich entschlossen, eine eigene Organisation zu gründen.

Während der generellen Ausgangssperre und der blutigen Besatzung von Nablus auf der Höhe der zweiten Intifada arbeiteten Wajdi und seine Kollegen mit Kindern und Jugendlichen. Nablus ist traditionell ein Ort des Widerstands gegen die Besatzung. Die Kinder greifen diese vorherrschende Strömung dadurch auf, dass sie die israelischen Soldaten aus ihrer Eingeengtheit heraus mit Steinen bewerfen. Wajdi und seine Kollegen fragten die Kinder, was sie mit dem Steinewerfen ausdrücken wollten. Hier stellte sich heraus, dass es sich um eine verzweifelte Form der Kontaktaufnahme und damit auch ein Versuch, sich zu artikulieren und Verantwortung und Kontrolle über das eigene Leben zu erringen, handelte. Daraufhin stellte sich die Frage, wie man dem in anderer Form Ausdruck verleihen könnte. Und so entstand die Idee, schriftliche Botschaften an die israelischen Soldaten zu richten, was die Kinder in Form von kurz gehaltenen Sätzen auf Pappendeckel schrieben. „Freiheit für Palästina!“, „Wir wollen ein normales Leben“ und „Wir wollen Partys“ schrieben sie. Der Schriftwechsel blieb einseitig.

Die Human Supporters suchen generell nach gewaltfreien und originellen Formen des Widerstands: Um ihren berechtigten Anspruch auf Bewegungsfreiheit in ihrer Umgebung Ausdruck zu verleihen, hatten die Organisatoren die Idee, in unmittelbarer Nähe des Checkpoints ein Picknick zu veranstalten. Kaum hatten sie sich dazu niedergelassen, wurde das Picknick von den israelischen Soldaten beendet. Diese Picknicks fanden jedoch gänzlich ohne die Teilnahme von Kindern statt, um diese keiner zu erwartenden Gefahr auszusetzen. Um die angespannte Situation an den Checkpoints der Stadt zu entspannen, führen sie auch immer wieder Demonstrationen als Clowns verkleidet, durch, oder auch als Indianer, um auf ihr Leben im „Reservat“ aufmerksam zu machen.

Stimme der Kinder

Um die erstickende Leere des Alltags mit sinnvoller Tätigkeit zu füllen, wurde die Idee einer von Jugendlichen herausgegebenen Zeitschrift geboren. Hierbei handelt es sich, wie vielleicht nicht zu erwarten, um ein ungeheuer aufwendigen und zeitintensiven Prozess. Aus einer großen Anzahl von sich Bewerbenden muss leider eine Auswahl getroffen werden, da in dem jeweiligen Projekt nur circa 15 junge Menschen teilnehmen können. Das Zeitschriftenprojekt „Stimme der Kinder“ durchläuft über ein Jahr mehrere Entwicklungsstufen. Hierzu trifft sich die Gruppe alle zwei Tage (!) für mehrere Stunden. Nun könnte man all diese Zeit ausschließlich mit Spielen oder Sport ausfüllen; dies jedoch widerspräche der Grundideen der Human Supporters. Wajdi weiß, „dass man traumatische Erfahrungen nicht aus dem politischen Zusammenhang des Lebens der Kinder herausnehmen kann“. Daher ist es ihnen wichtig, eine Arbeitsmethode zu entwickeln, die psychologische Betreuung mit dem Erlernen gesellschaftlichen Bewusstseins und Handelns auch im Bezug auf die lebensbestimmende Besatzung, verbindet.

In der zweimonatigen Anfangsphase ist von größter Bedeutung, dass die 13-15Jährigen mit einer Psychologin zusammenarbeiten, um ihre Traumata und psychischen Bedürfnisse zu klären und darauf einzugehen. Die Kinder sollen durch verschiedene Aktivitäten zu einer Gruppe zusammengeschweißt, und das Selbstbewusstsein der Einzelnen gestärkt werden. In Folge entscheiden sich die Jugendlichen über Aktivitäten wie Begrünung der Straßen, Müllbeseitigung oder Altenheimbesuche, auf welchen Bereich sie sich konzentrieren wollen. Um sie ihren journalistischen Zielen näher zu bringen werden etliche Begegnungen mit Journalisten sowie Computerlehrgänge organisiert. Am Ende des Projektes steht die Herstellung einer Zeitschrift, die dann unter Jugendlichen in den gesamten besetzten Gebieten verbreitet wird.

Die "Stimme der Kinder" und die anderen Aktivitäten sollen einen spürbaren Einfluss auf das innergesellschaftliche und politische Leben nehmen. So werden die Jugendlichen, die ab dem fünften Lebensjahr und bis zur Universität geschlechtergetrennt leben, in eine gemischtgeschlechtliche Umgebung zusammengebracht.

Am Ende des jeweiligen Entwicklungsblocks stehen Partys in vielfältiger Form. Kleine Jahrmärkte, Clownerien und Zauberei sind fester Bestanteil dieser kostenlosen, auch für andere Kinder offene Partys, die ein wenig Farbe in das Leben dieser Jugendlichen bringt - in einer Stadt, in der allein der Fernseher ein Fenster zur Außenwelt darstellt, und in der sich die Menschen nach sechs Uhr abends in ihre Häuser zurückziehen.

Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 26.04.2008 | 0 Kommentare

 

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