


Tomer Gardi wuchs im Kibbuz Dan im nördlichen Zipfel Israels auf. Wie einige seiner Freunde war er schon als Jugendlicher in der Friedensbewegung aktiv. Sie waren verbunden in der Überzeugung, dass die Besatzung der Westbank und des Gazastreifens im Jahr 1967 der Anfang und die Wurzel allen Übels ist. Tomer lebte zwar an der Grenze zum Libanon und hörte auch, dass es dort palästinensische Flüchtlinge gibt, doch machte er sich nie darüber Gedanken. Weder in der Schule noch unter seinen friedensbewegten Freunden wurde dieses Thema je ernsthaft besprochen. Auch als junger Erwachsener stellte er sich nie die Frage, was es mit diesem Phänomen auf sich hat. 2002 zog er mit seiner Freundin nach Berlin, und sie bezogen eine Wohnung in Neukölln. Bei seinen Erkundungen durch die Stadt stieß er in Imbissbuden oder Minimärkten immer wieder auf eine Landkarte, die er kannte. Diese hatte die geografische Gestalt Israels samt den besetzten Gebieten, doch sie war zur Gänze in Grün, Schwarz, Weiß und Rot gehalten, den Farben Palästinas. Er war erstaunt und erschrocken, denn auf dieser Karte war weder für Israel noch für ihn, den Friedensbewegten, ein Platz vorgesehen.
Tomer stellte erst langsam fest, dass viele Palästinenser in Berlin leben. Er fing an, sich zu fragen, was sie dort tun, woher sie kommen und warum. Er kam ins Gespräch mit einigen von ihnen und nahm zum ersten Mal wahr, dass sich die palästinensische Frage nicht auf Israel und die besetzten Gebiete beschränken lässt. Die weit reichenden Folgen der Gründung Israels wurden ihm nach und nach bewusst, er fing an, sich damit zu befassen. Mit einer jungen Frau, deren Eltern 1948 aus ihrem Dorf flüchteten, führte er längere Gespräche. Sie erzählte ihm von der alten Moschee in al-Khalsa, deren Ruinen sich in Kirjat Shmona befinden, das nach der Gründung Israels auf dem Boden von al-Khalsa erbaut wurde, erzählte ihr ein Verwandter, dessen Familie in der Region bleiben konnte.
Nun liegt die Kleinstadt Kirjat Shmona wenige Kilometer entfernt vom Kibbuz Dan. Dorthin gingen die Kibbuzniks, wenn sie zur Bank mussten oder einen Falafel essen wollten. Doch Tomer konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, dort jemals eine Moscheeruine gesehen zu haben. Bei seiner nächsten Reise nach Israel fand er die Ruine tatsächlich. Dass er sie bis dato nicht wahrgenommen hatte, erstaunte den damals Endzwanziger. Plötzlich erinnerte er sich daran, als Kind immer wieder Ruinen gesehen zu haben, deren Existenz er aber nie hinterfragte. Tomer kehrte nach Israel zurück und fing an, über diese so nahe und ihm doch kaum bekannte Geschichte seiner Region zu forschen. Seine Forschungen begannen zu Hause: Im eigenen Kibbuz befindet sich ein schönes, der Regionalgeschichte gewidmetes Museum. Die ständige Ausstellung handelt von der Frühgeschichte und endet in etwa bei den Kreuzrittern. In der Region lebte der Stamm Dan. Dan ist der biblische Sohn Jakobs, einer der 12 Stämme Israels. Die Gründer des Kibbuz haben diesen Namen bewusst gewählt, um damit eine vorgestellte Kontinuität mit diesem Stamm aufzubauen und das nationale Recht auf das Land zu unterstreichen. Geschichte wird von den Siegern geschrieben, die über tausend Jahre islamischer Geschichte in der Region wird kurzum ausgeblendet: Wir, die Söhne Dans, lebten hier früher, und über eintausend Jahre blieb diese Erde leer und wartete auf unsere Rückkehr.
Auch der Museumsbau selber schien Tomer plötzlich merkwürdig: Er wurde mit altehrwürdigen Steinen gebaut; diese wirkten so fremd in einer Region, deren Siedlungen und Häuser in den Fünfzigern und Sechzigern preiswert und zeitgemäß aus Beton gebaut wurden. Es stellte sich heraus, dass diese aus einem »verlassenen« palästinensischen Dorf stammten, die dazu kostenfrei – da herrenlos – zur Verfügung standen. Bei seinen Recherchen interviewte Tomer die Kibbuz-Ältesten zur Geschichte der Region. Manche von ihnen ängstigten sich vor Fragen, wichen aus. Als er sie bedrängte, antworteten sie in einem sachlichen Ton: Ja, natürlich hätten sie die arabischen Dörfer systematisch zerstört, schließlich wohnte da keiner mehr. Das sei eine alte Geschichte, die niemanden mehr zu interessieren habe. Andere wiederum bedrängten ihn geradezu, ihre Erinnerungen aufzuschreiben und erzählten ihm lange, wie sie jede physische Erinnerung an die ehemaligen Bewohner der Region ausgelöscht haben – Dorf für Dorf, Haus für Haus. Sie schienen sich geradezu danach gesehnt zu haben, ihr mit großen Anstrengungen vollzogenes Schweigen endlich durchbrechen zu können.
Tomer kennen gelernt habe ich in seiner Eigenschaft als Redakteur der Zeitschrift Sedek, die durch meine Organisation medico international unterstützt wird. Sedek konzentriert sich ausschließlich darauf, das Bewusstsein für die Nakba – also die Urkatastrophe der Palästinenser, jenes tragische Spiegelbild zur umjubelten Staatsgründung Israels, die sich in diesem Mai zum 60. Mal jährt – im jüdisch-israelischen Diskurs zu fördern. Sedek heißt auf Hebräisch »Lücke«, und Tomer verbindet damit den Versuch, eine Lücke in das luft- und lichtdichte Geflecht israelischer Verdrängung zu reißen.
Sedek ist weder ein Politmagazin noch eine historische Zeitschrift. Sie arbeitet über die indirekten Zeichen von Zerstörung: Fotos von Ruinen, die langsam überwuchert werden, ein Bild von verbranntem Holz, aus dem es langsam grünt, Texte hebräischer Dichter und Denker. Arbeiten von Künstlern, die zumeist gar nicht die Nakba thematisieren, werden so in einen Nakba-Zusammenhang gestellt. Dadurch entsteht ein neuer Kontext, und das israelische Zielpublikum erlebt seine eigene, selbstverständliche Geografie und Geschichte in einer neuen Dimension, die auch eine andere Geschichte beinhaltet. Dies ist ein erstmaliges Erlebnis für viele Israelis, und darin liegt vielleicht der Erfolg dieser etwa 150 Seiten starken, großformatigen Zeitschrift, deren erste Ausgabe, etwa 1000 Stück, unerwartet schnell ausverkauft war.
Es ist ein wenig paradox, über die Nakba nicht durch einen zionistischen Blickwinkel zu schreiben, zu sprechen, zu sehen, sagt Tomer: Schließlich sei die Sprache selbst, also das Neu-Hebräische, ähnlich wie die hiesige Geschichtsschreibung, Kunst und Architektur, an sich schon eine zionistische Tat, ein Akt der Eroberung oder – nach zionistischer Lesart – Rückeroberung des Landes.
Eine neue Sprache zu ermöglichen: Das stellt das Herzstück der Arbeit von Zochrot dar. Zochrot ist die Organisation, die Sedeq herausgibt. »Wir erinnern uns«, heißt es übersetzt (dazu sehr politisch korrekt in der weiblichen Form gehalten; auch Verben werden bei semitischen Sprachen je nach Geschlecht dekliniert – Zochrim wäre die männliche Form). So dokumentiert Zochrot die Vertreibung der Palästinenser aus Israel in den Jahren 1948–49; die gewaltsame Verhinderung der Rückkehr und erneute Vertreibung dieser Flüchtlinge, die aus den Nachbarländern immer wieder versucht haben, zu ihren Dörfern zurückzukehren und in Israel nur als gewalttätige, willkürlich und hasserfüllt agierende Banden von Eindringlingen beschrieben wurden, aber auch die physische Auslöschung von circa 390 Ortschaften, darunter von bedeutenden, jahrhundertealten Moscheen.
Doch das Hauptaugenmerk von Zochrot liegt in der Gegenwart: Die Nakba stellt für sie nur einen Höhepunkt eines fortwährenden und gegenwärtigen Verdrängungsprozesses dar, in dem die palästinensische beziehungsweise arabisch-christlich-muslimische Präsenz insgesamt aus der israelischen Gegenwart ausgelöscht werden soll. Ihre Arbeit verstehen die Aktivisten von Zochrot nicht als einen Kampf um historische Gerechtigkeit, sondern als ein Angebot an ihre israelisch-jüdische Gesellschaft, die Gegenwart durch eine neue Lesart der Vergangenheit anders wahrzunehmen. Statt nach möglichst viel Land mit möglichst wenigen Palästinensern zu streben, wird die Möglichkeit einer gemeinsamen, demokratischen Zukunft eruiert. Dafür fehlen im israelischen Diskurs, so Zochrot-Kuratorin Norma Musih, die einfachsten Begriffe. Das »wir« ist ein solcher Begriff, bedeutet es doch für jüdische Israelis eben nur jüdische Israelis. Die Geschichte der »anderen« kann nur als eine fremde, feindliche Geschichte wahrgenommen werden. Dabei seien 20 Prozent der israelischen Staatsbürger Palästinenser, ihre Geschichte zentraler Bestandteil dieses Landes.
Damit trifft Zochrot auf den neuralgischen Punkt der meisten – auch friedensbewegten – jüdischen Israelis: Das Spannungsverhältnis zwischen »jüdischem« und »demokratischem« Staat. Die Nakba als Schlüsseldatum zu nehmen und nicht etwa den Sechstagekrieg 1967 heißt, ständig daran zu erinnern, dass die Gründung Israels nicht allein als ein gerechter und gerechtfertigter Befreiungsschlag wahrgenommen werden kann, sondern dass dieser durch unendliches und nach wie vor gegenwärtiges Leid eines anderen, an der jahrhundertelangen Verfolgung der Juden gänzlich unbeteiligten Volks zustande kam.
Diese offene Wunde wirkt durch den Anspruch von mittlerweile Millionen von palästinensischen Flüchtlingsfamilien im Libanon, Syrien oder auch in Berlin, von ihrem in nationalen und internationalen Menschenrechtskonventionen verankerten Recht auf Rückkehr Gebrauch zu machen, besonders akut. Für jüdische Israelis wirkt dies wie eine Androhung totaler Vernichtung: Sie können sich ihr Land nicht anders als einen jüdischen Staat vorstellen. Eine wie auch immer geartete Rückkehr symbolisiert für sie schlichtweg den Tod. Im Gegenzug stellt ein Großteil der Führung der palästinensischen Flüchtlinge die Rückkehr nach ihrem Palästina als eine Rückkehr in ein verlorenes Paradies dar; in dem die gesamte Familie generationsübergreifend und harmonisch unter Omas altem Feigenbaum sitzt. Währenddessen wissen die meisten Palästinenser, dass die Landschaft, aus der sie vertrieben worden sind, nicht mehr existiert.
Zochrot arbeitet daran, den israelischen Todesmythos zu rationalisieren und das Rückkehrrecht zu relativieren. Gar darüber nachzudenken, inwieweit eine Rückkehr mancher Flüchtlinge tatsächlich zu bewerkstelligen wäre, städtebaulich und real. Damit wird natürlich der israelische Konsens überfordert, der zurzeit lieber tausende von toten Zivilisten in Gaza akzeptieren würde als eine wie auch immer geartete Rückkehr palästinensischer Flüchtlinge. Doch Norma ist es gewohnt, am Rande des Konsenses zu stehen. Und sie ist nicht ganz hoffnungslos: »Wir bekriegen uns um dieses eine Land. Doch eben aus dieser intimen Verbindung zu diesem Land, die beide Seiten empfinden, kann auch eine gemeinsame Zukunft, eine gemeinsame Sprache entstehen.«
Zuerst erschienen in der Kommune, Heft 2 2008
Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 31.03.2008 | 0 Kommentare
