medico international

18.03.2008

Die Enge von Bethlehem

Von der Einengung der Lebensräume

In den letzten Monaten drehte sich alles um den Gazastreifen. Dabei mag der Eindruck entstanden sein, dass die Situation in Gaza eine Ausnahmesituation darstellt, die erst durch die Machtübernahme der Hamas entstanden ist. Doch ein Blick auf die vergleichbar befriedete Westbank zeigt, dass sich nicht allein Gaza in einem Zustand stetiger und zunehmender Isolation befindet.

Das Enklavensystem, das in den palästinensischen Gebieten entsteht und weiter ausgebaut wird, lässt sich schwer fassen: Obwohl ich die Region seit Jahrzehnten bereise und hier seit nunmehr sechs Monaten ununterbrochen unterwegs bin, entdecke ich immer wieder neue Aspekte, die ich vorher nicht einmal erahnt habe.

Dies gilt umso mehr, wenn die Situation Menschen in Europa verdeutlicht werden soll. Deshalb versuche ich heute, einen kleinen Teilaspekt – die Mauer in Bethlehem – mithilfe von Photos, die hier auf der Seite zu sehen sind, zu veranschaulichen und etwas verständlicher zu machen.

Gestern fuhr ich mit unserem Praktikanten Roland Zschächner in das Flüchtlingslager Aida in Bethlehem. Kurze zwanzig Minuten dauert es mit dem ortsüblichen, meist alt gedienten Minibus vom Zentrum Jerusalems zu den Toren Bethlehems. Früher führte die Straße direkt von Jerusalem über Bethlehem und weiter in den Süden, etwa nach Hebron, der zweitgrößten Stadt in der Westbank. Die Mauer in Bethlehem hat diese Hauptstraße gekappt und damit den gesamten Süden der Westbank von Jerusalem und den nördlichen Gebieten der Westbank isoliert.

Innerhalb dieser Teilung in einen Norden und einen Süden der Westbank gibt es weitere, kleinteiligere Binnengrenzen. Wenn ich „vor den Toren Bethlehems“ schreibe, so meine ich das wörtlich: Es gibt tatsächlich ein Eingangstor zu Bethlehem. Und durch dieses Tor müssen heute alle Menschen, die von Norden her nach Bethlehem möchten, denn eine massive, acht Meter hohe Betonmauer umschließt Bethlehem zu etwa 60%, vom Nordosten bis zum Südwesten. Die 30.000 Stadtbewohner sind damit einerseits von den benachbarten palästinensischen Dörfern, andererseits von ihrer nahen Metropole Ostjerusalem getrennt, die sie nicht ohne eine schwer erhältliche Erlaubnis betreten dürfen.

Neben dem Eingangstor wünscht das israelische Tourismusministerium auf einem überdimensionierten Plakat „Peace be with you“. Es wirkt wie Hohn. Auf der anderen Seite der Mauer geht die Hauptstraße weiter. Gerade im touristischen Bethlehem ähnelte in vergangenen Tagen diese Straße einem belebten Markt. Touristen wie Einheimische kauften in den florierenden Geschäften ein und legten in einer der Imbissbuden oder Cafés eine Pause ein.

Heute gleicht die Gegend einer Geisterstadt. Die Hauptstraße ist zu einer Sackgasse geworden von der einen Seite durch das Tor des Check-Points, auf der anderen durch die Mauer verriegelt. Kaum ein Mensch bewegt sich auf der Straße, fast alle Geschäfte sind geschlossen. Die Mauer hat den Touristenstrom umgeleitet: Heute übernachtet kaum noch ein Tourist in Bethlehem, sie lassen ihr Geld in den israelischen Hotels Westjerusalems und kommen höchstens mit dem Bus zu einer Stippvisite der heiligen Stätten.

Unser Ziel ist das Flüchtlingslager Aida (wörtlich: ‚die Rückkehrerin’). In ihm leben ca. 5.000 Flüchtlinge, die 1948 aus dem heutigen Israel fliehen mussten. Aida liegt zwar unweit des Tors, doch die Mauer trennt nicht nur zwischen dem Süden und dem Norden der Westbank, zwischen Bethlehem und seiner Umgebung. Die Mauer dringt weit in die Stadt ein, umfasst das für Juden heilige Grab Rachels, in dem auch ein Militärlager untergebracht ist und gestaltet so die Wege, und damit das Leben der Menschen neu. Der Mauerbau hat die ehemals kurze Strecke zu einem langen Schlingelpfad doppelter und dreifacher Länge werden lassen.

Auf unserem gewunden Weg, den die Mauer uns vorgibt, sehen wir, wie nicht nur einzelne Bezirke voneinander getrennt, sondern wie einzelne Häuser von drei Seiten eingemauert wurden. Die Mauer verläuft durch die Straßen und die vielen anliegenden Wohnhäuser schauen nur noch auf eine 8 bis 12 Meter hohe Mauer. Die Zugangsstraßen sind zu engen, dunklen Gassen geworden.

Angekommen in Aida laufen wir an einer Mädchenschule der UN vorbei. Diese ist noch gekennzeichnet durch den häufigen Beschuss der israelischen Armee. Durch ein elektronisch zu öffnendes Eisentor in der angrenzenden Mauer rücken die Soldaten immer wieder in das Flüchtlingslager ein, um etwa gegen Steine werfende Jugendliche vorzugehen.

Wir erreichen unser Ziel, das Gemeindezentrum. Es ist der einzige Ort in Aida, der den Kindern und Jugendlichen geblieben ist: Die Olivenhaine, in dem sie früher gespielt haben, sind in Sichtweite, doch durch die Mauer unerreichbar geworden. Jerusalem liegt auf einem anderen Planeten und das Meer haben die Jüngeren nie gesehen. Sie dürfen weder nach Gaza, noch ans Tote Meer, dessen Ufer zwar innerhalb der besetzten Gebiete liegt doch, wie das gesamte Jordantal nur für israelische Touristen zugänglich, für Palästinenser aber gesperrt ist.

Die Armut und die Spuren der Besatzung sind überall sichtbar, doch gilt Aida als ein Flüchtlingslager, dessen soziales Gefüge noch intakt ist. Allerdings auch hier verschlechtert sich die Situation zunehmend. Und so greifen die Jugendlichen, die an den im Gemeindezentrum angebotenen Film- und Photographiekurse teilnehmen, den Alltag in Aida auf. Die meisten Arbeiten der Teilnehmenden beschäftigen sich mit den sozialen Folgen der Enge und der Hoffnungslosigkeit. Sie sprechen Themen an, die die Probleme widerspiegeln, wie etwa den zunehmenden Drogenmissbrauch unter den Flüchtlingen oder die immer früheren Ehen. Das Zentrum wird im Sommer vielleicht geschlossen – aus finanziellen Gründen.

Veröffentlicht von am 18.03.2008 | 1 Kommentar

Kommentare

Sonnenschirme, 15.05.2009

Super Post, macht immer Spass hier mitzulesen :)

 

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