medico international

02.03.2008

Gaza blutet aus

Ein israelischer Politker warnt: Die Gazaer bringen eine Shoah über sich

Da ich im Februar vor allem mit einem Projekt beschäftigt war, das die Arbeit der mobilen Kliniken unseres Partners Palestinian Medical Relief Society (PMRS) in Gaza sichern sollte, bin ich nicht dazu gekommen einen weiteren Eintrag für den Blog zu schreiben. Die PMRS besitzt im Gazastreifen zwar zwei mobile Kliniken, doch es fehlte das Geld für Medikamente, Mitarbeiter und Gas, sodass das eine Team freigestellt wurde, während das zweite nur in halber Kapazität arbeiten konnte. Auch in den vier Klinken der PMRS fehlten notwendige Medikamente, einfachstes medizinisches Material wie Handschuhe und Verbandszeug, sowie Babymilch. Hauptsächlich durch Mittel des Auswärtigen Amts konnten wir die Finanzierung dieser gerade jetzt so notwendigen Strukturen für die nächsten sechs Monate sichern.

Doch seit Mittwoch sieht alles anders aus. Donnerstag früh wurde ich mit einer Hiobsbotschaft geweckt: Die israelische Armee bombardierte in der Nacht die PMRS-Zentrale in Gaza. Offensichtlich war das Innenministerium das Ziel - an sich ein skandalöser Vorgang -, doch es gab auch, wie es so schön steril heißt, „Kollateralschäden“. Es war natürlich nicht anders zu erwarten, schließlich warfen F16-Kampfflugzeuge und Hubschrauber Bomben mitten in einer Stadt ab, die größer und weit dichter bevölkert ist als Frankfurt. Das Innenministerium soll man sich nicht als einen Solitär vorstellen, es ist vielmehr in einem mehrstöckigen Gebäude untergebracht, das dicht an anderen, ähnlichen Bauten liegt, in denen sich auch die Zentrale der PMRS und eine Schule für Flüchtlingskinder befinden. Die Büros und die Hauptpharmazie der PMRS wurden schwer beschädigt, die nebenbei parkende mobile Klinik völlig zerstört. Auch die Schule wurde getroffen, und dabei starb der sechs Monate alte Mohammad Nasser Al-Borey, der Sohn des Hausmeisters.

Während wir und unsere Partner in Ramallah noch beratschlagen, wie wir dennoch unseren Auftrag erfüllen und die Schwächsten im ohnehin verarmten Gazastreifen versorgen können, bombardiert Israel momentan den Gazastreifen unaufhörlich fort. Dabei starben bislang über einhundert Menschen, etwa die Hälfte von ihnen Zivilisten, so der einjährige Malek, der achtjährige Ali und Jacqueline, 12 Jahre alt. Israels Vize-Verteidigungsminister Vilnai hatte derweil die Gazaer wörtlich vor einer "Shoah" gewarnt, die sie "über sich bringen". Es wäre interessant zu wissen, was Angela Merkel dazu sagt, die in zwei Wochen mit ihrem halben Kabinett nach Israel kommt, um die aus den Schrecken der Shoah herzuleitende besondere Beziehung zu Israel zu feiern.

Letzte Woche habe ich Sderot besucht. Diese ärmliche, abgelegene israelische Stadt an der Grenze zum Gazastreifen ist seit Jahren das Opfer der Qasam-Raketen, die aus dem Gazastreifen abgefeuert werden. Diese primitiven, selbstgebastelten Raketen haben die Bevölkerung dort in Angst und Schecken versetzt, und mittlerweile möchten viele die Stadt für immer verlassen. Kein Mensch, den ich dort gesprochen habe, verstand, warum die Gazaer sie weiter bombardieren, schließlich hätte Israel das Gebiet ja verlassen. Den Gazastreifen haben die meisten nie besucht, und sie verstehen auch nicht, dass die Gazaer nicht etwa in die Freiheit entlassen wurden, sondern eher einen Wechsel von einer direkten Besatzung hin zu einem Enklavensystem erleben, das eher an ein riesiges Freiluftgefängnis erinnert und schon lange vor dem Putsch der Hamas seinen Anfang nahm.

Und während in Israel die Qasam-Raketen gezählt werden, zählen die Gazaer ihre Toten: Das sind über 900 in den letzten beiden Jahren. Zwischen Gaza und Israel besteht ein ungleicher Zermürbungskrieg. Er wird nicht aufhören, ehe eine Lösung für den Konflikt gefunden wird. Doch, es ist nicht die Zeit der großen Hoffnung: Gestern Abend sprach ich mit einer deprimierten Ruchama Marton von den Physicians for Human Rights - Israel. Sie war mit der israelisch-palästinensischen mobilen Klinik in der Westbank unterwegs. In der Kleinstadt Tulkarem traf sie einen alten palästinensischen Kollegen. Als sie sich wie gewohnt aufmachten, durch die Stadt spazieren zu gehen, hatte er sie darum gebeten, sich nicht als Israelin kenntlich zu machen. Seit zwanzig Jahren und durch zwei Intifadas hindurch arbeitet sie hier. Dabei hatte sie sich stets als das ausgegeben, was sie ist: eine unerschrockene Grenzgängerin und Friedenskämpferin. Besonders empört sie sich über "die bedingungslose Unterstützung der israelischen Politik durch die deutsche Bundesregierung: Die Regierenden in Israel haben eine neue Stufe der Täterschaft erreicht: Das Zitat von Vilnai zeuge davon, dass sie jede Verantwortung für ihre Taten abschütteln: Die Palästinenser seien nach ihrer Lesart an ihrer heraufkommenden Shoah selber Schuld. Was wird Merkel an Lehren von ihrem Besuch mit nach Hause bringen: Etwa dass die Deutschen von Israel lernen und sich ihrerseits aller Scham und Verantwortung für die Shoah entziehen?"

Die vierzig Jahre dauernde Besatzung und die daraus folgende Gewaltspirale fordern momentan ihre Opfer und unterminieren auch die letzten Möglichkeiten solidarischen Handelns. Doch, wer Ruchama kennt, weiß, dass sie nächste Woche wieder da sein wird, mit einer mobilen Klinik irgendwo in der Westbank.

Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 02.03.2008 | 0 Kommentare

 

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