medico international

27.01.2008

Von der Einsamkeit

Über zwei Demonstrationen am Check Point Erez und im nächtlichen, besatzungsvergessen Tel Aviv

Es war eine bunte Mischung, die sich am Check Point Erez zusammenfand: Kreuzbergisch anmutende Anarchisten (gegen die Mauer) mischten sich mit israelischen, Kopftuch tragenden Palästinenserinnen aus dem Galiläa und dezent gekleideten israelischen Akademikern mit typisch runder Brille, und alte israelische Kommunisten und junge lateinamerikanische Marxisten schwenkten Fahnen neben etwas konsternierten Großstädtern aus dem wohlhabenden Norden Tel Avivs. Alle zusammen, etwa ein Tausend Menschen, wirkten etwas verloren vor dem überdimensioniert geratenen, mit teuren Materialien gebauten „Grenzübergang“ Erez. Erez wirkt wie ein zu groß geratener Provinzflughafen, vor ihm auf einem umzäunten Gelände stehen Gepäckwägelchen, die auf eine elegante Dame zu warten scheinen, die mit legerer Bewegung ihre Louis-Vuitton-Tasche auf eins von ihnen hinlegt. Vergebens. Erez ist ein Solitär, vor ihm eine platt gewälzte Brachlandschaft, hinter ihm eine Mauer bis an den Horizont, weit und breit nichts, nur Dutzende Soldaten, kläffende Polizeihunde, drei oder vier berittene Polizisten vor den Toren.

Es war zu erwarten: Die mitgebrachten Lebensmittel konnten nicht an Ort und Stelle überbracht werden. Mit der Armee wird noch verhandelt, ob die Lebensmittel durch können. Die Aktion war diesmal auch eher symbolisch geplant. Dafür konnte man mit der Gegenseite ein wenig kommunizieren: Als auf „unserer“ Seite Uri Avneri und andere jüdische und palästinensische Israelis sprachen, konnten die Demonstranten auf Gazas Seite - die freilich nicht so nah an die Mauer herantreten konnten, dass sie in Hörweite wären – die Reden über Telefonverbindung mitverfolgen. Auf gleicher Weise konnte der renommierte Menschenrechtler und Psychiater aus Gaza Iyad As-Saradsch von der anderen Seite aus zu uns sprechen.

Es war ein langer Tag: Diese Menschen haben ihren ganzen freien Samstag geopfert, um an diesem surrealen Ort zu stehen. Sie standen auf um Sieben Uhr früh und waren erst lange nach Sonnenuntergang wieder zuhause. Es war ein Gefühl der Dringlichkeit in ihren Gesichtern zu erkennen. Neben mir stand Meir Mendelssohn, aus der großen deutsch-jüdischen Familie. Mit breitem schwarzen Hut und makellos reinem blauen Pullunder stand er da, und betrachtete die Umgebung professionell, er ist halt Maler. Doch auch er war fassungslos. Der Friedensaktivist Uri Avneri, Schulkamerad von Rudolf Augstein (dieser würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, dass der Spiegel die Situation in Gaza einfach mit der verächtlichen Bemerkung abtut, die Menschen in Darfur würden sich doch freuen, wenn sie nach Gaza könnten), schon in seinen Achtzigern, mit Hörgerät und doch ganz der Alte, schien mit seinen Worten die Gemütslage zu treffen: „Diese Trennungsmauer wird wie die Berliner Mauer fallen. Diese unmenschliche Blockade der israelischen Regierung und der israelischen Armee findet in unserer aller Namen statt und wird in aller Grausamkeit fortgeführt. Wir bringen mit uns Notwendiges, um der Öffentlichkeit zu sagen: Wir nehmen an diesen Verbrechen nicht teil. Wir empfinden Scham. Ihr Menschen in Gaza: Verliert nicht den Glauben, wir werden uns an dieser Stelle noch treffen wie zwei Völker, die freundschaftlich nebeneinander leben.“

Zwei Nächte davor begleitete ich Ruhama Marton, die Begründerin der Physicians for Human Rights – Israel (PHR), zu einer spontanen Demonstration Mitten in Tel Aviv, etwa sechzig Kilometer nördlich von Gaza, die Küste entlang. Etwa 150 Menschen versammelten sich um Zehn Uhr abends und liefen in einem Protestmarsch durch Tel Aviv. Auf dem Weg in die nächste schicke Kneipe beäugten die besatzungsvergessenen Tel Aviver die kleine Truppe ungläubig: Warum störten sie denn unsere hübsche Wochenendlaune, stand auf den Gesichtern geschrieben. Äußerte sich doch wer, so wurde den Demonstranten und gern auch allen Kindern Gazas ein grausamer Tod gewünscht. Angesichts des Zynismus mancher Kommentatoren im Ausland und des schieren Hasses im eigenen Land verstand ich Ruhama viel besser, als sie davon sprach, dass „die wichtigste Erfahrung, die die PHR machen, die der Einsamkeit sei, sowohl zuhause als auch im Ausland. Das soll nicht heißen, dass wir keine Unterstützung von unseren Kollegen im Ausland bekommen, sondern betont vielmehr, dass diese Form der Einsamkeit etwas selbst Gewähltes ist. Als Teil einer Gesellschaft von Tätern haben wir kaum Alternativen“ (aus einer Rede, die Ruhama Marton bei der medico-Konferenz „Macht und Ohnmacht der Hilfe“ hielt und hier in voller Länge gelesen werden kann).

Veröffentlicht von Tsafrir Cohen am 27.01.2008 | 0 Kommentare

 

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