medico international

14.01.2008

Barenboim in Ramallah

Ein Hauch von Hoffnung

Dr. Rami kenne ich durch gemeinsame Sitzungen mit der Palestinian Medical Relief Society, mit der medico seit Jahrzehnten zusammenarbeitet. Am Sonntag traf ich ihn im Kulturpalast von Ramallah. Dort fand ein besonderes Konzert statt: Daniel Barenboim spielte Klavierstücke von Beethoven. Jedes Jahr, umsonst, für die Bevölkerung von Ramallah. Dr. Rami brachte seinen Sohn Ahmad mit. Er sei zwar nur sechs Jahre alt, doch Dr. Rami nimmt ihn zu solchen Veranstaltungen immer mit und hofft, dass diese ihm seine Angstzustände lindern. Als er ein Jahr alt war, floh er mit der Mutter zusammen zu den Großeltern nach Nablus, um den Schrecken der Intifada zu entkommen. Doch Nablus wurde von der israelischen Armee eingenommen, das Haus von israelischen Soldaten besetzt, die von ihm aus zehn Tage lang die Straße kontrollierten und beschossen. Alle Bewohner, insgesamt fünfzehn Personen, wurden für diese zehn Tage in zwei Zimmer gepfercht, ohne genügend Wasser und Essen. Seitdem ängstigt sich das Kind vor Soldaten und Israelis. Wenn sie unterwegs sind, halten diese seinen Vater immer wieder fest, da seine Papiere ihrer Meinung nach nicht in Ordnung sind, und eine Lösung aus diesem bürokratischen Albtraum ist noch immer nicht in Sicht.

Dr. Rami kann Ahmad nicht einmal zuhause vor der ständigen Anwesenheit israelischer Soldaten bewahren: Die Familie wohnt im letzten Haus vor der Mauer in einem Vorort zwischen Ramallah und Jerusalem. Die Nachbarnkinder links wohnen seitdem in „Israel“ und sind durch die Mauer von ihnen getrennt. Dass die Mauer direkt an der Haustür gebaut wurde, bedeutet nicht nur, dass der Ort zweigeteilt wurde mit allen Konsequenzen für das Gemeinschaftsleben, sondern dass die israelische Armee dort ständig patrouilliert, zu Fuß oder mit großen gepanzerten Fahrzeugen. Dr. Rami versucht deshalb, seinen Sohn an die israelischen Soldaten zu gewöhnen. Er geht mit ihm zu ihnen hin, spricht mit ihnen, sagt dem Kind, dass sie ihm nichts tun würden. Am Sonntagabend konnte Dr. Rami seinem Sohn zeigen, dass es einen Israeli gibt, der keine Uniform trägt und ihn bedroht.

Ein israelisch-palästinensischer Dirigent

Barenboim veranstaltet jedes Jahr ein Konzert für die Menschen in Ramallah. Damit hatte er begonnen, weil Israel Palästinensern die Einreise nach Jerusalem, wo seine Konzerte stattfanden, verbietet. Israelischen Siedlern ist es freilich erlaubt, palästinensisches Land zu betreten und zu rauben oder Siedlungen nach Gutdünken zu bauen, doch Israelis ist es unter Androhung horrender Strafen verboten, palästinensische Städte zu betreten, etwa um ein Konzert oder Freunde zu besuchen. Beide Vöker werden in gegenseitiger Ignoranz gehalten. Dennoch befanden sich Dutzende Israelis im überfüllten Saal, die später in verschiedenen Lokalen in Ramallah mit palästinensischen Kollegen und Freunden zusammen saßen.

Daniel Barenboim ist einen Schritt weitergegangen. Nach dem Konzert verkündete er, dass ihm als ersten israelischen Bürger die palästinensische Staatsbürgerschaft angeboten wurde, und dass er diese auch angenommen hatte – als Symbol dafür, dass „das Schicksal beider Völker unzertrennlich miteinander verwoben ist. Man kann es als Segen oder als Fluch betrachten. Ich bevorzuge Ersteres. Musik hat nicht die gleiche Botschaft für alle Menschen und ist kein Mittel zu politischen Zwecken. Doch Musik ist nicht nur eine legitime Art die Welt zu vergessen, sondern auch eine Möglichkeit, die Welt zu verstehen.“

An diesem Abend konnte der Hauch einer Welt erahnt werden, in der „nicht die Tatsache, dass ein solches Ereignis überhaupt stattfindet, besonders ist, sondern allein die musikalischen Qualitäten des Abends den Ausschlag geben.“ Im Foyer wartete schon die Spendenbüchse für die Kinder von Gaza.

Veröffentlicht von am 14.01.2008 | 0 Kommentare

 

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