
Sadats Besuch in Israel werde ich nie vergessen. Das ganze Land war in Aufruhr, Wochen und Monate lang war er einziges Gesprächsthema. Mein Vater nahm mich mit zu einem abendlichen Spaziergang. Seine Augen glänzten, als er mir, noch einem Kind, erklärte, wie sich alles hiernach ändern wird. Er schaute dabei auf die Sterne, und es schien, als wäre der ganze Kosmos zum Greifen nahe. Der Osloer Prozess war ein ähnlich großes Versprechen. Als Journalist war ich in der Region unterwegs, und selten habe ich so hoffnungsfrohe Menschen gesehen. Eine neue Ära stand unmittelbar bevor, und der Nahe Osten würde nie mehr Schauplatz dauerhafter Konflikte.
In Tel Aviv nahm man jetzt von Annapolis kaum Notiz. In dieser besatzungsvergessenen Stadt boomt die Wirtschaft, und Sderot, eine arme Kleinstadt nahe des Gazastreifens, die häufig Opfer von ‚Qassam-Raketen’ ist, scheint auf einem anderen Planeten zu liegen. Es läuft doch nicht so schlecht mit der einseitigen Trennung, sagen die Meisten.
Das sieht ganz anders aus, wenn man Palästinenser ist. Als ich auf dem Weg von Jerusalem nach Ramallah neulich einen mitreisenden palästinensischen Arzt auf Annapolis ansprach, lächelte er nur müde und zeigte auf einen weißen Wohnblock, an dem wir gerade vorbeifuhren: „Diese Siedlung konnte man von der Straße aus bis letztes Jahr nicht sehen. Jetzt haben sie auch diesen Hügel bebaut, weitere Hunderte leben jetzt hier. Was glauben Sie: Sollen hier zwei Staaten entstehen?“
Tatsächlich werden just in dem Moment, in dem in Annapolis über eine Zweistaatenlösung gesprochen wird, enorme Anstrengungen seitens Israels unternommen, Teile der Westbank de facto zu annektieren, und der Siedlungsbau dies- und jenseits der Mauer erreicht neue Hochstände. Es entstehen nicht zwei getrennte Staaten, sondern mehrere dicht bevölkerte, voneinander getrennte palästinensische Enklaven. Damit soll die „demografische Bombe“, sprich eine absehbare palästinensische Mehrheit im Land, entschärft werden. Diese Enklaven stünden nämlich nicht mehr unter offizieller israelischer Kontrolle, und ihre Bevölkerung würde dann nicht mehr als besetzt zählen. Gleichzeitig möchte Israel die tatsächliche Kontrolle über sie behalten und unterminiert nach Gutdünken lebensfähige staatliche Strukturen.
Wie solche Enklaven funktionieren, habe ich in Bait Sahur, ein Zehntausendseelendorf, das wie das benachbarte Bait Dschalla mittlerweile Kleinstadtcharakter hat und zusammen mit Bethlehem eine Einheit bildet, erlebt. Das durch die Mauer abgeschnittene Umland einerseits (Die umliegenden Dörfer sind teilweise von allen Seiten umzäunt und von der Welt abgeschnitten) und die Trennung von Jerusalem andrerseits, die konfiszierten Äcker: All dies hinterlässt nicht allein Spuren wirtschaftlicher Art. Ich frage eine junge Frau, wann sie zuletzt Jerusalem, dessen südlichste jüdische Siedlung Har Khoma – die sich zu einer massiven, weißen Trutzburg auf einem Berggipfel auftürmt - am Horizont von hier aus nicht zu unübersehen ist, Ramallah oder Hebron besucht hätte. Jahre sei es her. Nach Jerusalem dürfe sie nicht, ihre Freundinnen dort hätte sie fast schon aus den Augen verloren, und sie scheue sich vor möglichen Demütigungen auf dem mit Check Points übersäten Weg in andere Städte. Abgesehen davon, was solle sie da, schließlich kennen nur noch die Älteren in ihrer Familie Menschen dort. Sie sei erst fünfundzwanzig und kennt Leute nur aus der Umgebung. Die Besatzung hat ihr Ziel erreicht: Die wenigen Zehntausende, die in dieser Region wohnen, erleben nicht einmal einen gemeinsamen Alltag mit Palästinensern, die nur wenige Kilometer entfernt leben.
Der Gesundheitssektor ist ein Spiegelbild dieser Entwicklungen: Die drei Ortschaften haben – wie die gesamte Westbank - keinen Zugang zu den Jerusalemer Krankenhäusern, die das Rückgrat der palästinensischen Gesundheitsversorgung darstellen. Israel bietet seit den Osloer Verträgen keine Gesundheitsdienste in den besetzten Gebieten, und erschwert es den Palästinensern, es selber zu tun: Vor einigen Jahren bediente Jerusalems Gesundheitssystem zu 80% auswärtige Patienten. Heute können Palästinenser diese Dienste allein mit einer schwer erhältlichen israelischen Genehmigung, die manchmal nur gegen Spitzeltätigkeiten erhältlich ist, in Anspruch nehmen.
Was ändert sich durch Annapolis? Wir werden es nicht allein durch Presseerklärungen der verhandelnden Parteien, sondern vor allem durch einen Blick auf die tatsächlichen Geschehnisse vor Ort feststellen können. Da werden wir in den nächsten Monaten sehr genau nachschauen müssen.
Veröffentlicht von am 01.12.2007 | 0 Kommentare
