15.04.2010

Fotos aus der Höhle des Löwen (aktualisiert)

Kampagnenstart auf der Daimler-Hauptversammlung

Als Mpho Masemola aus Südafrika ans Mikrofon gerufen wird, sinkt der Geräuschpegel im ICC-Kongresszentrum in Berlin deutlich. Die Anspannung im Saal steigt merklich. Auch Mpho ist sichtlich nervös und obwohl er öffentlich Auftritte gewöhnt ist, fangen seine Hände leicht an zu zittern.

Seine Zuhörer auf der Jahreshauptversammlung (HV) der Daimler AG bestehen aus 5000 Aktionären inklusive Konzern-Vorstand und Aufsichtsrat. Ihnen geht um weltweite Geschäftsentwicklungen und um ihre Dividende. Mpho aber will darüber sprechen, was eben diese Geschäfte in einem Land wie Südafrika anrichteten. Konkret wirft er Daimler vor, mit der Lieferung von Fahrzeugen und Maschinen an Polizei und Militär des alten Apartheidregimes Beihilfe zu schweren Menschenrechtsverletzungen geleistet zu haben. Nach Berlin wurde er von medico eingeladen und sein Rederecht im höchsten Organ der Aktiengesellschaft verdankt er den Kritischen Daimler-Aktionären, die ihm das Stimmrecht einer Aktie und damit die Rechte eines Anteilseigners übertragen hatten.

Angekommen am Rednerpult wirkt Mpho gefasst. Nur drei Minuten Zeit hat er, um den Opfern der schmutzigen Daimler-Geschäfte im alten Südafrika Geltung zu verschaffen und damit öffentlichkeitswirksam die Kampagne „Daimler - Star of Apartheid“ bekannt zu geben. Die Aktion, die in Deutschland von mehreren NGOs unterstützt wird, will die Aufmerksamkeit durch die WM in Südafrika nutzten, um den Druck auf den Konzern und Hauptsponsor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu erhöhen. Drei Minuten kann Mpho auf der Versammlung einen anderen Ton anschlagen. Auch er redet über Profite. Allerdings sagt er, dass der Profit nie über Menschenrechten stehen dürfe.

Auf dem Podium hört Vorstandsvorsitzender Dr. Zetsche aufmerksam zu, sein Gesicht zeigt weder Empathie noch Ablehnung. Als die blinkende rote Lampe am Pult das Ende seiner Redezeit anzeigt, sucht Mpho den direkten Blickkontakt zum erhöht sitzenden Zetsche: „Sehr geehrter Herr Dr. Zetsche, ich bin weit gereist um heute hier zu sein. Die Opfer der Apartheid verlangen nach Aufklärung, um dieses dunkle Kapitel der Geschichte Südafrikas endlich abschließen zu können. Ich bitte Sie, sich mit uns an einen Tisch zu setzen und einen Dialog zu beginnen bevor ich wieder aus Deutschland abreise.“

Während seiner Rede muss Mpho eine Sonnenbrille tragen. Die grellen Scheinwerfer in der Halle machen ihm zu schaffen, denn n seinem Schädel stecken seit 20 Jahren Schrapnelle, die operativ nicht entfernt werden können. Im wahrsten Sinne des Wortes Überreste der Apartheid. Im Jahr 1991, kurz nach seiner Entlassung aus Haft und Folter auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island, organisierte er eine große Demonstration für die Freiheit der politischen Gefangenen und gegen rassistische Polizeigewalt. 20.000 Menschen kamen und wollten vom Township ins Stadtzentrum ziehen. Mpho war ganz vorne mit dabei. Die Sicherheitskräfte ließen die friedliche Demonstration jedoch in eine Falle laufen. An einer Straßensperre wurde die Versammlung für illegal erklärt und als die ersten Schüsse fielen, flüchteten die Menschen in Panik. Mpho versteckte sich in einem Haus, in das die Polizei eine Handgrante warf:„Mein Kopf brannte und das weiße T-Shirt färbte sich rot. Ich brach zusammen und wachte erst bei einem befreundeten Arzt und Genossen wieder auf. Seit dem habe ich sehr spektakuläre Röntgenbilder“, erzählt Mpho später und lacht.

Diese Röntgenbilder wurden zu einem Beweismittel in der Klage, die medico-Partner Khulumani gegen Daimler und andere Apartheidprofiteure in den USA eingereicht hat. Denn Mpho, der selbst ein Khulumani-Aktivist ist, ist auch Augenzeuge für den Einsatz der umgebauten Mercedes-Unimogs, mit denen die Sicherheitskräfte, die ihm die Schrapnelle verpassten, auf der Demonstration vorgingen. Ein New Yorker Bundesbezirksgericht ließ im April 2009 die Sammelklage gegen Daimler zu. Außerdem auf der Anklagebank: die deutsche Rheinmetall, Ford, General Motors und IBM.

Auf der Hauptversammlung in Berlin verliest Daimler-Vorstandsmitglied Bodo Uebber unterdessen eine Standard-Antwort auf Mpho, die sich nicht von der Argumentation seiner Anwälte in New York unterscheidet: Die Geschäfte mit dem damaligen südafrikanischen Regime seien legal und von der Bundesregierung genehmigt gewesen. Daimler sehe deshalb keine Notwendigkeit zu einem Gespräch mit den Apartheidopfern.

Das war zu erwarten. Mpho ist dennoch enttäuscht. Noch bis Ende des Tages sitzt er auf seinem Platz und hofft, dass ihn ein Daimler-Mitarbeiter anspricht. Zwischenzeitlich wird er interviewt. Das Medieninteresse und die Unterstützung durch die Kampagne in Deutschland geben ihm Mut. Bereits vor Beginn der HV hatten Aktivisten rund 1000 Protestpostkarten an die Daimler-Aktionäre verteilt. Bis zum Herbst sollen Unterschriften gesammelt und anschließend öffentlich an Dr. Zetsche übergeben werden.

Bereits am Vorabend der Daimler-HV lief im ARD-Nachtmagazin ein Beitrag über Mpho und die Aktionen für Apartheidentschädigung während der WM. Titel: "Der Schmutz am Stern des Autobauers". Der Clip ist hier auf der Homepage der Tagesschau online.

Mehr Infos von medico zur Kampagne gibt es hier.

Veröffentlicht von am 15.04.2010 | 0 Kommentare

 

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