medico international

09.03.2010

Militär statt Hilfe

Das Erdbeben in Chile hat auch ein politisches Nachbeben

In der Novelle „Das Erdbeben von Chili“ erzählt Kleist exemplarisch die Möglichkeiten, die ein solcher katastrophaler Einschnitt, im Leben einer Gesellschaft bietet. Option A: Die Klassenschranken fallen, man findet sich zu einer solidarischen Gemeinschaft zusammen und hilft sich gegenseitig. Option B: Man sucht einen Sündenbock und stellt mit dessen Verteufelung die alte Ordnung wieder her. In Kleists Novelle wird erst die solidarische gegenseitige Hilfe praktiziert, um dann durch kirchliche Vertreter wieder beseitigt zu werden. Nach einem der schwersten Erdbeben der Geschichte ist Chile von diesem Kleistschen Paradigma gezeichnet. Eine Welle der Solidarität erfasst das Land, Leute stehen Schlange beim Blutspenden, bei Charity-Shows werden Abermillionen Dollars gesammelt und zugleich rückt die Armee vor. Ausgangssperren zwischen von 22 Uhr bis 12 Uhr Mittags in den am meisten betroffenen Gebieten, das Vorrücken des chilenischen Militärs, nachdem erste Plünderungen bekannt wurden, sind für die einen notwendige Schutzmaßnahme und für die anderen eine schreckliche Reminiszenz an Diktatur-Zeiten. Das Militär kam aber ohne Lebensmittel, Decken, Wasser.

„Terremotos, terremotos – aprovechemos a matar algunos rotos“ – Erdbeben, Erdbeben – nutzen wir die Zeit ein paar Arme umzubringen“ – so ein Spruch, der unter Chilenen kursiert. Wie bei Kleist die Liebenden, die sich über Klassenschranken hinweg setzten, so ist in Chile heute der Plünderer, der Lumpenproletarier als Feind ausgemacht. Unter dem Beifall der Umstehenden, so berichtet der FAZ-Korrespondent aus der Küstenstadt Talcahuano wurden des Plünderns Verdächtige vom Militär zu Boden geworfen, gefesselt und mit Militärstiefeln getreten. Es sei zu Schießereien zwischen „Plünderern“ und Militär gekommen, heißt es allenthalben. Und die Erklärungen klingen, als wolle man die genaueren Umstände nie aufklären. Der „Lumpen“ ist unter diesen Bedingungen vogelfrei. Ihre Behandlung erinnert an die Standards der Pinochet-Ära. Aber jetzt handelt es sich ja nur um „gemeine Verbrecher“. Es geht in Chile heute nicht mehr um Links oder Rechts sondern Drinnen (in der Gesellschaft) oder Draußen. Und dieser Konflikt kommt scheinbar ganz unpolitisch daher als Sicherheitsproblem.

„Die harte Hand, daran ist man schon gewöhnt, für den gemeinen Verbrecher“, schreibt Juan Pablo Cardenas, einer der angesehensten chilenische Journalisten, der sich auf Internet und Radio verlegte, weil sich eine qualitativ gute Zeitung im neoliberalen Post-Pinochet-Chile nicht rechnet. Für die „Plünderer in Schlips und Kragen aber“, so setzt Cardenas fort, habe die Regierung nicht als Komplizenschaft übrig. Die Armen und all die anderen, die da nicht nur Lebensmittel raubten, sind die Kehrseite eines Landes, das sich seit dem Pinochet-Putsch 1973 konsequent neoliberalisiert und entstaatlicht hat. Dazu gehört auch, dass Chile das erste Land Lateinamerikas war, das einmal im Jahr einen „Teletón“ organisiert, eine 24stündige Fernsehgala zugunsten privater Organisationen zur Armutsbekämpfung. Auch die fand wenige Tage nach dem Erdbeben mit einem Rekordergebnis statt. Der bittere Kommentar eines chilenischen Autoren: „Die Hilfe wird heute durch einen Teletón organisiert von Don Francisco (einem rechten chilenischen Komiker), der Stiftung zur Überwindung der Armut, Heim Christi und ein Dach für Chile. Erst als 5. Element kommt die Regierung. Selbst die Katastrophenhilfe ist privatisiert?“

Ab dem 11. März regiert nach 20 Jahren Pause die chilenische Rechte wieder. Der neue Präsident, Sebastián Pinera, ein Milliardär und Profiteur des Neoliberalismus, hatte eigentlich weitere Privatisierungen angekündigt und mehr Jobs im Niedriglohnbereich. Die Gewerkschaften hatten bereits Protestaktionen zur Amtsübernahme angekündigt. Im Zeichen der nationalen Katastrophe liegt alles auf Eis – auch der Widerstand. Pinera hat ein großes nationales Wiederaufbauprogramm angekündigt und an die Privatindustrie appelliert. Ein öffentliches Wohnungsbauprogramm wird wohl nicht darunter sein. 500.000 Häuser sind zerstört worden. Für die Opfer der Katastrophe stehen weiterhin harte Zeiten bevor.

Veröffentlicht von am 09.03.2010 | 0 Kommentare

 

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