
Heute waren wir in Cité Siclait. Wie unsere haitianischen Begleiter sagten, Cité Soleil (die Sonnenstadt) sehr ähnlich. Sie wollten uns zeigen, in welchem Umfeld und unter was für Bedingungen sie dort über Jahre gearbeitet hatten. Mit dem Einsturz ihrer Gesundheitsstation ist die Hauptstruktur für ihre Programme verloren gegangen. Was wir sahen, waren auch „Schäden“, die mit den bloßen Folgen des Erdbebens vom 12. Januar nichts zu tun haben.
Natürlich ist das Ausmaß der Zerstörung überwältigend; dazu die Präsenz des US-Militärs und der UN-Truppen, die Helikopter, die alle paar Minuten im Tiefflug über die Stadt rauschen, so dass man sich zeitweilig wie in einem Kriegsgebiet fühlt. Dieser Slum aber, wenn man sich die eingestürzten Häuser wegdenkt und versucht sich vorzustellen, unter welchen Bedingungen die Menschen hier auch ohne das zusätzlich durch das Erdbeben verursachte Leid leben, war sehr bedrückend.
Der Schmutz, in dem die Menschen leben, der Müll, der nicht entsorgt wird, die offene Kloake, die, auch aus anderen Stadtvierteln gespeist, unermüdlich fließt und ihren Gestank verbreitet, die verdeckte Arbeits- und Verdienstlosigkeit von Menschen, die von morgens bis abends dasitzen und darauf hoffen, dass ihnen jemand ihre Kurzwaren oder drei Kilo Tomaten abkauft – all das hat nichts mit der Naturkatastrophe zu tun. Hier sieht man in aller Deutlichkeit die Folgen einer sozialen Katastrophe. Es sind die unrühmlichen Resultate gescheiterter Wirtschaftsreformen und der Liberalisierung der Märkte. Cité Siclait ist der Ort, an dem man das Versagen sowohl der haitianischen Regierung als auch der internationalen Gemeinschaft betrachten kann. Eine urbane Enklave Ausgeschlossener.
Trotzdem sind viele Menschen hier entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Keine zwei Wochen nach dem Beben hat ein junger Mann eine Baustelle eröffnet. Verwandte und Freunde helfen ihm. Er sagt: „Um mein Haus wieder aufzubauen, muss ich es zuerst komplett einreißen. Es ist nicht gut auf dem aufzubauen, was stehen geblieben ist. Man muss ein neues Haus bauen.“
Ob er dabei die noch massivere Übernahme sozialer und politischer Strukturen in seinem Land durch große Hilfsorganisationen, die Gebergemeinschaft und ausländisches Militär im Sinn hatte, das ist fraglich – auch wenn momentan Viele in der Hauptstadt froh sind über die Hilfe aus dem Ausland, auch über die Präsenz des US-Militärs.
Die internationale Hilfe ist zwar unerlässlich, aber ohne die haitianischen Initiativen, wie beispielsweise die eingangs beschriebene Gesundheitsstation, die eng an und mit der Bevölkerung agieren, wird eine grundlegende Verbesserung nicht möglich sein.
Veröffentlicht von Riad Othman am 26.01.2010 | 0 Kommentare
