
Ereignisse werfen heute nicht nur ihren Schatten voraus, sie kündigen sich auch per Email an. Deutlich zugenommen haben bei medico die Emails aus Sri Lanka. Hält man sich an die guten Nachrichten, besteht Anlass zur Hoffnung. Über die Hälfte der 280.000 internierten tamilischen Flüchtlinge im Lagerkomplex Manik Farm wurden freigelassen. Zwar wurden die meisten der Freigelassenen einfach auf Busse und LKW verladen und ohne weitere Unterstützung irgendwo ausgesetzt, doch immerhin. Dasselbe gilt für über 700 tamilische Rebellen, die bis dahin in völlig unzugänglichen Sonderlagern festgehalten wurden: auch sie sind jetzt wenigstens auf freiem Fuß. Freigelassen wurde auch der Journalist Tissa, für des es eine auch von medico unterstütze internationale Kampagne gab. Im März 2008 verhaftet, wurde der schwer kranke Journalist noch im August 2009 wegen zweier kritischer Artikel zur Kriegführung der Regierung zu 20 Jahren Haft verurteilt.
Der Grund für die plötzliche „Wende“: Am 26. Januar wird in Sri Lanka gewählt. Das hätte nicht sein müssen, abgelaufen wäre die Amtszeit des Präsidenten Rajapakse erst 2012. Doch der Präsident wollte seine Popularität nach dem Sieg über die Rebellen nutzen, schrieb vorgezogene Neuwahlen aus – und verrechnete sich. Denn General Fonseca, bis dahin Oberkommandierender der Armee und in der singhalesischen Mehrheit ebenso populär wie Rajapakse, überwarf sich mit seinem Dienstherren und will jetzt selbst Präsident werden - nicht ohne Chancen. Beide werben um tamilische Stimmen: die 2, 5 Millionen Tamilen, 12, 5% aller Einwohner/innen Sri Lankas, könnten die Wahl entscheiden.
Sri Lankas Menschenrechtler bleiben da ebenso skeptisch wie die medico-Partner in der Flüchtlings- und Vertriebenenhilfe. Mehr noch: Auf ihren Emaillisten kursieren schon erste Warnungen, werden erste Verabredungen für den Fall getroffen, dass es um den Wahltag herum zu Übergriffen und Anschlägen, wenn nicht zu Schlimmerem kommt. Tatsächlich sind Wahlen auf Sri Lanka traditionell eine blutige Angelegenheit, und auch dieser Wahlkampf hat schon mehrere Opfer gefordert.
Hinzu kommt, dass die Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen ihre eigene Gewalt produziert. So hat sich die Einwohnerzahl der Stadt Vavuniya im tamilischen Norden gleich mehrfach verdoppelt, Tausende Menschen sind gezwungen, ihr Überleben am Straßenrand zu fristen, durch Bettelei und zunehmend auch durch Diebstahl und Überfälle. Und: den Versprechungen der beiden Spitzenkandidaten sind bis jetzt einmal Pläne gefolgt, über die wenigstens zu streiten wäre. Noch immer hausen über 100.000 Menschen unter unerträglichen Verhältnissen in Manik Farm, weitere 12.000 in über das ganze Land verstreuten Sonderlagern, zu denen niemand Zugang hat. Der Ausnahmezustand dauert an, auch nach der Wahl.
Veröffentlicht von Thomas Seibert am 20.01.2010 | 0 Kommentare
