15.10.2009

Guatemala – Ein Land in Angst

Nachrichten aus der mexikanischen Provinz VII

Die Fahrt vom mexikanischen San Cristobal nach Playa Grande im guatemaltekischen Ixcan führt durch eine der umstrittensten Regionen im mexikanisch-guatemaltekischen Grenzgebiet. Man sieht es dieser tropischen Natur nicht an. Bis auf 3000 Meter Höhe bewaldetes Hochgebirge, Nebel- und Regenwald, Schluchten, Felsen, breite klare Flüsse mit sich ausbreitenden Auen und Strände, dazwischen hinein geworfen jadegrün glitzernde Seen, an deren begehbaren Ufern sich kleine Hütten ansammeln und auf die spärlichen Touristen warten. Auch wenn wir uns mitten im Kernland der Maya befinden und die berühmte Ausgrabungsstätte Palenque 300 Kilometer entfernt ist – die Gegend scheint unberührt.

Noch im mexikanischen Teil leben Chamulchen-Indianer in ihren Ejidos, in denen sie eine besondere Form von kollektivem Eigentum betreiben. Per Losverfahren erhält jedes Gemeindemitglied ein Stück Land zugewiesen, das er bearbeiten kann, aber es bleibt gemeinsames Eigentum. Ihr besonderes Verständnis von gemeinsamen Eigentum, das archaisch und hochmodern zugleich ist, hat sie bislang gegen alles Ansinnen von internationalen Pharmariesen und Agrobusiness bewahrt, die ungeheure Pflanzenvielfalt zu patentieren. (Allerdings auch deshalb, weil die Provinzregierung versuchte einige Gemeinden zwangsweise zu enteignen, ein kapitaler Fehler. Denn nun ist der Widerstand immens). Das Kollektivverständnis ließ sie auch während des guatemaltekischen Bürgerkrieges in den 1980er und 90er Jahren Flüchtlinge aufnehmen und ihnen Land zuweisen. So randständig ist die Region nicht, wie sie auf den ersten Blick erscheint.

Mexikanisches Grenzregime

Seit die Straße entlang der guatemaltekischen Grenze asphaltiert ist, erst recht nicht. Denn wurde hierhin ein Teil der US-amerikanischen Südgrenze verlagert. Mexiko erhält enorme Militärhilfen, um bereits hier Einwanderer aufzuhalten und zurückzuschicken. Für Guatemalteken wurden die Einreisebestimmungen nach Mexiko verschärft, zum Beispiel durch die Einführung einer Reisepass- und Visumspflicht. Einzig die Bewohner der Grenzregion können sich, wenn sie denn regisitriert sind, eine Erlaubnis zum freien Bewegen bis San Cristobal abholen. Humberto und Elisabeth, mit denen ich hier unterwegs bin, kennen die Region seit Jahrzehnten. Die beiden sind seit ihrer Studentenzeit politisch aktiv. In diesem vermaledeiten Guatemala, das seit dem durch die USA 1954 betriebenen Sturz von Jacobo Arbenz in semifeudalen Strukturen gefangen ist, kostet jedes soziale und politische Engagement große persönliche Opfer. Nicht zuletzt die Isolation von der eigenen ignoranten Kaste. Humberto und Elizabeth haben diesen Preis angesichts der unerträglichen Ungleichheit in Guatemala bezahlt. Ihre Kinder mussten sie während der Diktatur- und Bürgerkriegszeit außer Landes schaffen, weil es in Guatemala zu beliebten Foltermethoden zählte, Angehörige zu inhaftieren und zu misshandeln, um Oppositionelle unter Druck zu setzen. In ihren Familien waren und sind sie als schwarze Schafe verschrien. Ihre jahrelange Angst vor Folter und vor Mord kann nicht einmal erzählt werden. Während wir die Grenze passieren und von asphaltierter Straße auf Ruckelpiste übergehen (20 – 30 km/h Höchstgeschwindigkeit), erinnert sich Elizabeth, wie sie wochenlang durch die ans Alpenvorland erinnernde Bergregion wanderte, um die Medikamentenversorgung in den geheimen Dörfern sicherzustellen. Jene Dörfer, die sich vor den guatemaltekischen Militärs fast 10 Jahre lang in der Urwaldregion versteckten. Damals begann auch die Zusammenarbeit mit medico international. Wir unterstützten die medizinische Versorgung der guatemaltekischen Flüchtlinge im Land und in Mexiko.

Alte Geschichten? Nein, in Guatemala ist nichts Vergangenheit. Nicht das Gute und nicht das Schlechte.

Zuerst das Gute: medico, ACCSS – die Gesundheitsorganisation, die Humberto und Elizabeth mit gegründet haben, sind seither alte, gleichberechtigte Partner von medico. In einem Land, in dem nichts sicher ist außer die systematische Missachtung all derer, die nicht zum kleinen weißen Kreis der Elite gehören, ist eine solche jahrzehntelange Beziehung und die gemeinsame Arbeit ein Licht im Tunnel. Die guatemaltekische Gesundheitsorganisation hat seit Ende des Bürgerkrieges in über 70 Dörfern von indigenen Gemeinden, darunter fast 30 in der nördlichen Grenzregion Ixcan und Altaverapaz Gemeinwesenarbeit betrieben. Was heißt das? Zum Beispiel die Ausbildung von Gesundheitspromotoren, die in ihren Gemeinden häufig die einzigen Ansprechpartner für Gesundheitsfragen sind. Einige treffe ich in dem Aus- und Fortbildungszentrum, das ACCSS mit Hilfe von medico und Mitteln des deutschen Entwicklungsministeriums in der Nähe von Playa Grande errichtet hat.

Das Zentrum ist eine Oase des respektvollen Umgangs und der Achtung untereinander. Es herrscht eine Atmosphäre der Geborgenheit und des Aufgehobenseins. Die Gesundheitspromotoren, die Jugendlichen, die hier Computerkurse absolvieren und Handwerksberufe erlernen, alle die hier zeitweise leben, lernen und arbeiten, beherrschen die gemeinsam erstellten Regeln der Achtsamkeit untereinander, mit der Natur, mit dem Haus und seinem Inventar. Guatemala ist das Land der systematisierten Vernachlässigung. Hier ist dagegen die Arche Noah eines anderen Miteinanders. Was für eine Erholung für jeden und jede, die sich aufhalten darf.

Jungs beim Abwasch

Neben der Küche, in der gerade die Jungs vom Computerkurs abwaschen, sitze ich mit vier Gesundheitspromotoren, die von ihrer Arbeit erzählen. Sie haben alle mit Zahngesundheit angefangen, gelernt Zähne zu ziehen, zu füllen, Zahnprothesen herzustellen und vieles mehr. Mittlerweile haben sie Kurse in chinesischer Heilkunde belegt, beherrschen Akupunktur und sind Fachleute in Pflanzenmedizin. Sie haben eine Vorstellung von der Anatomie des Menschen und von seinem organischen Innenleben. Unter der Woche arbeiten sie als Bauern, am Wochenende als Gesundheitspromotoren. Santos berichtet, wie er einem Mädchen eine Geschwulst unter der Zunge wegoperierte. Der Vater kam zu ihm und bat diese Operation vorzunehmen, weil er nicht noch ein Kind verlieren wolle. Er war bereits im 5 Stunden entfernten Kreiskrankenhaus gewesen. Dort hatte man seine Tochter ins zentrale Krankenhaus nach Guatemala-Stadt überweisen wollen. Weitere 5 Stunden Fahrt, für die ein Bauer in Guatemala keine finanziellen Ressourcen hat, geschweige denn für Essen, Unterkunft, Anästhesie-Mittel, Medikamente in der Hauptstadt. Viele aus Ixcan erleben diese Irrfahrt auf der Suche nach medizinischer Hilfe. Am Ende landen sie im Krankenhaus der Hauptstadt. „Nur, um dort einsam zu sterben“, sagt Elizabeth. Deshalb hat Santos die Kleine operiert. „Sie ist heute gut verheiratet“, lacht er. Jeder der vier hat eigene Geschichten dieser Art zu erzählen. Es geht aber nicht nur um sinnvolle Hilfen, sondern darum, dass die Promotoren sich eine andere Einstellung zu ihrer Arbeit bei diesen Ausbildungen angeeignet haben. Nicht zuletzt deshalb, weil sie auch Buchhaltung gelernt haben. Das hilft ebenso in der Landwirtschaftskooperative.

Diese Gemeinwesenarbeit bleibt aber nicht bei solchen wichtigen sozialarbeiterischen Ansätzen stehen. An runden Tischen mit Vertreten der lokalen und regionalen Gesundheitsbehörden kämpfen die Promotoren um eine andere öffentliche Gesundheitspolitik. Sie sind eine Form von Gesundheits-Watch für die Region. Und Gesundheit ist für sie eben auch eine soziale Frage: wie können die Menschen in der Region leben und arbeiten? Die Dörfer, in denen ACCSS mit Gesundheits-, Sozial- und Jugendarbeit tätig ist, sind eben auch die bestorganisierten Gemeinden. Sie wollen bei der zukünftigen Entwicklung des Ixcan mitreden. Und hier stoßen ähnlich wie in Chiapas die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung und die Interessen des Biosprit-Business, der erdölfördernden Industrie und der großen Stromkonzerne heftig aufeinander. Sieben Wasserkraftwerke sind im Norden Guatemalas geplant, Öl wird bereits gefördert und neue Quellen entdeckt worden. Zuckerrohr und Palma Africana für das Biosprit-Programm der nördlichen Nachbarn breitete sich aus wie ein Waldbrand (auch im direkte Sinne - die Rodung der letzten Urwälder im Norden ist schon anvisiert).

Menschenrechtsarbeit

Die Arbeit von ACCSS ist ein Beispiel von vielen. In Guatemala sind es letztlich diese zivilgesellschaftlichen Gruppen, die Menschenrechtsgruppen, die psychosozialen Organisationen und viele mehr, die verhindern, dass das Land völlig verfällt und dem Regime der Angst und der Gewalt preisgegeben wird.

Denn das hier ist ein kleiner Ausschnitt der schlechten Nachrichten:

Guatemala ist ein Land mit zehn Millionen Einwohnern, zwei Millionen Migranten, die hier zwischendurch leben und arbeiten, um die Weiterreise zu finanzieren und 1,5 Millionen Migranten in den USA. Guatemala ist ein Land, in dem sich der Staat nur zeigt, wenn er hochgerüstet mit Militär und kasernierter Polizei die Interessen legaler oder illegaler Machtkartelle durchsetzen will. Die Frauenmorde in Mexiko sind ein Thema der Weltpresse und Hollywoods. Nur der Feminizid in Guatemala, in meinen Augen ein Ausdruck für Zerstörung der sozialen Bezüge und für die Errichtung eines Systems aus Terror und Angst, ist in Guatemala weitaus höher. 600 Morde an Frauen im Jahr – das ist Guatemala. Fast keiner wird bestraft oder durch die Polizei verfolgt. Es herrschen italienische Verhältnisse der Straflosigkeit, nur dass die Verbrechensrate und die Zahl der Morde ungleich höher sind. Ein Auftragsmord kostet in Guatemala 300 Quetzales, das sind 30 Euro. Es ist das Maß für den Wert menschlichen Lebens.

Es gibt in Guatemala drei strikt von einander getrennte Welten. Die der Reichen und obereren Mittelschichten, die der Touristen (nur Landschaft), und die der weitgehend indigen geprägten Bevölkerungsmehrheit. Für letztere braucht man nicht die Wirtschaftsdaten der Entwicklungsberichte, bei denen Guatemala zu den Schlusslichtern in Lateinamerika zählt. Es genügt ein Spaziergang durch Playa Grande, ein Provinznest wie aus einem Wildwest-Film, oder durch Coban schon eine der größeren Städte, erst recht Guatemala-Stadt. Egal wo, man sieht kaum geparkte Autos. Sie werden auf bewachten, hinter kleinen Einfahrten versteckten Parkplätzen untergebracht. Auto-Diebstahl ist Alltag in einer Überlebensökonomie. Um zehn Uhr Abends werden die Bürgersteige hoch geklappt. Nicht etwa, weil alle so arbeitsam sind, sondern weil eine diffuse Angst umgeht, die spätestens um diese Uhrzeit die Straßen beherrscht. Bäume, Plätze, Blumen, Parkbänke – alles, was der Mensch zu einem sozialen öffentlichen Leben in städtischen Raum braucht, vermisst man in Guatemala. Einzig die besser Betuchten haben sich in der Hauptstadt eine gut gesicherte zona rosa geschaffen, in der junge Leute in teuren Autos ihren Vergnügungen auch noch nach zehn Abends nachgehen können.

Straflosigkeit

Die Straflosigkeit ist das zentrale Problem des Landes. Dabei ist Straflosigkeit ein harmloser Begriff für das, was sich dahinter verbirgt. Denn es ist ein fortgesetztes Phänomen. Am offiziellen Ende des guatemaltekischen Bürgerkrieges 1996 hat der deutsche Völkerrrechtler Tomuschat die Menschenrechtsverletzungen in Guatemala untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass es sich um ein genozidales Verbrechen gehandelt habe: 200.000 Ermordete, darunter ganze indigene Dörfer, die vernichtet wurden, und 49.000 Verschwundene. Diese Verbrechen sind weitgehend ungeahndet geblieben. Die Verantwortlichen zählen bis heute zur Machtelite des Landes. Die fehlende Strafverfolgung, die ungebrochene Macht der Verantwortlichen hat nicht nur ein fortgesetztes Klima der Angst bei allen potentiellen Gegnern hervorgerufen, sondern auch eine unerträglich hohe Kriminalitäts- und Gewaltrate, die sich scheinbar gegen alle und jeden, aber am Ende doch vor allen Dingen gegen Arme, Marginalisierte, Oppositionelle und Frauen richtet. Gäbe es nicht die auf Druck der guatemaltekischen Zivilgesellschaft eingesetzte UN-Kommission gegen die Straflosigkeit sähe die Lage düster aus. So aber hoffen und arbeiten kontinuierlich im Stillen Frauen- und Menschenrechtler daran, in paradigmatischen Prozessen einige Verantwortliche vor Gericht zu bringen. Und so vielleicht endlich die Täter in Angst zu versetzen.

Veröffentlicht von Katja Maurer am 15.10.2009 | 0 Kommentare

 

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