
Es gibt wahrscheinlich kein Land in Mittelamerika, das mit solchen Argus-Augen verfolgt, was in Honduras geschieht, wie in Guatemala. Die linken Strömungen ebenso wie die Rechten.
Hier in Guatemala-Stadt sind sich die meisten unserer Gesprächspartner einig, dass Guatemala und Honduras die beiden schwächsten Glieder in der Kette zentralamerikanischer Länder sind: mit einer Oligarchie, die ungestraft außerhalb des Gesetzes agiert, mit brutalsten Unterdrückungsmethoden gegenüber allen, die sie für gefährlich halten.
Honduras und Guatemala sind die Länder, in denen die Angst systematisches und tradiertes Herrschaftsinstrument eben dieser Oligarchie ist. Wer Micheletti im Fernsehen gesehen hat, der weiß, wovon die Rede ist. Auch wenn die gesamte Organisation Amerikanischer Staaten aufmarschiert, ihn kann das nicht beeindrucken.
Von außen betrachtet könnte man das alles für einen Operetten-Putsch halten. Tatsächlich steht für die Menschen sehr viel auf dem Spiel, die hier versuchen den Staatsverfall, die alles durchdringende Vernetzung zwischen kriminellen und staatlichen Insitutionen, die unerträgliche Straflosigkeit gegen Machenschaften der herschenden Eliten und schließlich die Aufarbeitung der vergangenen Verbrechen durchzusetzen. Michelettis Putsch wird deshalb hier als Passe Par Tout für die Eliten betrachtet. Setzt sich Micheletti durch, könnte man auch in Guatemala über ähnliche Maßnahmen nachdenken. Einen stillen Putsch hat der ohnehin schwache guatemaltekische Präsident Colom schon erlebt. Und er hat wirklich nicht viel unternommen, um diesen Eliten wirklich zu schaden. In Guatemala hat die Zivilgesellschaft jedoch durch einen langen, beharrlichen Einsatz erreicht, dass immerhin ein paar Militärs wegen der Massaker an der indigenen Bevölkerung vor Gericht stehen.
Die Verfolgung der Frauenmorde, die in Guatemala ein noch viel höheres Ausmaß angenommen haben als in Mexiko, hat zumindest in einigen exemplarischen Fällen stattgefunden. Und zum ersten Mal stehen Verhandlungen um die kollektive Entschädigung einer indigenen Gemeinde an, die in den 70er Jahren auf die gewohnte gewalttätige Art von ihrem Land vertrieben wurde, um ein Wasserkraftwerk zu errichten. Nun haben diese Organisationen gemeinsam mit der von UNO eingerichteten und immerhin von Colom gedulteten Kommission gegen Straflosigkeit erreicht, dass 3 bereits vom Parlament in einer Nacht- und Nebelaktion bestätigte Mitglieder des Obersten Gerichtshofes zurückgezogen wurde, weil sie in Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Menschenhandel verwickelt sind. Für die guatemaltekischen Eliten alles mehr als unangenehm. Da wirft man schon mal einen Blick ins Nachbarland.
Eine Psychologin des langjährigen guatemaltekischen medico-Partners ECAP, der mit seiner Menschenrechts- und psychosozialen Arbeit an diesem Netz aus zivilgesellschaftlichen Organisationen beteiligt ist, berichtete, dass sie Kollegen in Honduras unterstützt haben, die nach dem Putsch in ihren Einrichtungen erheblichen Zulauf hondurenischer Landsleute wegen Angstzuständen erlebt haben. Auch Kolleginnen aus Guatemala fuhren hin, um die Honduraner zu unterstützen. Ebenfalls seien Honduraner nach Guatemala gekommen und hätten sich therapeutische Hilfe bei ECAP geholt. Gerade deshalb sei es unglaublich, dass seit zwei Monaten Zivilgesellschaft unablässig gegen den Putsch demonstrieren würde. In Guatemala hätten das viele nie für möglich gehalten, dass in diesem Herrschaftssystem der Angst ein solcher Widerstand möglich sei. Ganz unabhängig davon, wie hoch die Zahl der Beteiligten an den einzelnen Aktionen ist.
Bei den Auseinandersetzungen geht es aus guatemaltekischer und wohl auch aus honduranischer Sicht deshalb nicht allein um eine Unterstützung des gewählten Präsidenten Zelaya. Die Frage lautet viel mehr, gelingt es den weiteren Staatszerfall in Honduras (die organisierte Kriminalität ist hier neben Guatemala am höchsten) aufzuhalten oder setzen sich die Putschisten durch, deren Vernetzung mit eben dieser Kriminalität nicht von der Hand zu weisen ist. Das ist auch für Guatemala die entscheidende Herausforderung.
Veröffentlicht von Katja Maurer am 09.10.2009 | 0 Kommentare
