medico international

08.10.2009

Hoffnung als magischer Realismus

Geschichten aus der mexikanischen Provinz V

Wir sind tatsächlich in der Provinz gelandet. Chiapas am südlichen Ende von Mexiko mit einer langen Grenze zu Guatemala ist bekannt für Palenque, einer Ausgrabungsstätte der Mayas, das in Max Frischs Homo Faber seine literarische Verewigung gefunden hat und für den Aufstand der Zapatisten, der sympathischsten Guerilla-Bewegung der letzten Jahre: mit einem undogmatischen Erscheinungsbild und einer militärischen Strategie, die sich auf Verteidigung beschränkt. Während der Tourismus in der Region so weit gedeiht, wie die Sicherheitslage es zulässt, ist es in den vergangen Jahren um die Zapatisten still geworden. Von außen betrachtet, scheinbar ein Thema das sich erledigt hat. Man könnte Chiapas in eben der traurig-abgeklärten Tonlage erzählen, die meine Eindrücke zuvor bestimmte. Kaum sind wir im pittoresken San Cristobal angekommen, ereignet sich eine überraschende Erfahrung. In einer Seitenstraße mit einer Kette geduckter einstöckiger Häuser, unweit des zentralen Marktplatzes, der als Ensemble die Kolonialzeit evoziert: Häuser mit langen Arkaden, in der Platzmitte eine Grünfläche mit Palmen und ein Pavillon mit schmiedeisernen Verzierungen, auf dessen Dachterrasse und Samstags-Nachmittag Marimba-Spieler musizieren. Das kleine Büro der Gesundheitsinitiative EAPSEC, die Gesundheitspromotoren in abgelegenen Dörfern untersützt, hat den abgeblätterten Charme einer Provinzorganisation. Alte Plakate hängen hier schon seit vielen Jahren an den gelbgestrichenen Wänden. Mein Kollege Dieter Müller und ich treffen hier Gabriel, Dagmar und Leonel zu einem schlichten Treffen unter Partnern. Denn die Gesundheitsorganistion arbeitet mit in der lateinamerikanischen Struktur des People´s Health Movements und medico unterstützt derzeit ein gemeinsames Projekt von Gesundheitsorganisationen in Chiapas, Guatemala, El Salvador und Nicaragua, die die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Gesundheitssituation der Menschen in ausgewählten Regionen untersuchen. Kaum sitzen wir Tisch erzählen Leonel und Dagmar aufgeregt von ihren Erfahrungen bei den Befragungen in den ausgewählten indigenen Dörfern von Chiapas. In manchen Dörfern gibt es kaum noch Kinder als Folge der Programme zur Familienplanung. Doch die Lebenssituation hat sich deshalb nicht verbessert, häufig sogar verschlechtert. In anderen Dörfern sind viele Jugendliche in die USA ausgewandert. Diese frühe Migration führt oft dazu, dass sie sich ganz von ihrer Familie unabhängig machen. Sie schicken kein Geld mehr. Die Erfahrungen mit den Sozial- und Gesundheitsprogrammen der Regierung, das „Programm der Möglichkeiten“, eine Art Sozialhilfe auf allerniedrigstem Niveau, und die „Volksversicherung“, eine minimale Gesundheitsversorgung funktionieren offenbar gegenüber den Zahlen, die die Bundesregierung von Chiapas angibt wesentlich schlechter. Unklar ist, wer die mexikanische Überlebenshilfe bekommt und wer nicht. In Chiapas ist das eine willkürlich, wenn nicht klar nach Interessen geordnete Angelegenheit. Die Gesundheitsversorgung ist das Papier nicht Wert, auf dem sie steht. Keine Ärzte, keine Medikamente. Das alte mexikanische Lied? Die Kollegen von EAPSEC sind deshalb so aufgeregt, weil sich bei den Befragungen herausstellt, wie wichtig es den Leuten ist gehört zu werden. Weil klar ist, dass man all die Ergebnisse in die befragten Gemeinden zurückbringen wird und dort gemeinsam darüber diskutieren wird, welche Schlussfolgerungen man daraus zieht. Leonel, Dagmar und Gabriel kamen von ihren Befragungen mit dem Eindruck zurück, dass die unheimliche Ruhe, mit der die Marginalisierten ihre Ausgrenzung an dieser Stelle aufbrechen könnte. Ich frage Gabriel, woher er nach 25 Jahren Arbeit in den marginalisierten Gemeinden noch die Kraft nimmt, an einer Veränderung zu arbeiten. Gabriel ist Arzt. Aber er verweigert sich diesem Titel. Der rufe nur falschen Respekt und Überheblichkeit seines Trägers hervor. Die Mutlosigkeit, so sagt er, sei ein Produkt des Neoliberalismus. Genauso wie die Erfolgsdiskussion, die alles an Ziffern festmacht und Gesundheit auf Müttersterblichkeitsraten reduziert. Und dann sitzen wir in diesem armseligen Zimmer und diskutieren über Gesundheitskonzeptionen, über Fragen von gegenseitiger Solidarität, darüber, dass es heute um das „gute Leben“ gehe und darum ein neues Denken zu etablieren, das das Soziale und Gemeinsame wieder neu buchstabiert. Wir sprechen also über etwas, das uns alle gleichermaßen angeht. Mitten in einem verlorenen Winkel der Welt?

In Mexiko hatte ich den Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II nach der aus ferner westlicher Sicht fragwürdigen Fortexistenz des Zapatismus gefragt. Taibo II hat nur abgewinkt. Sie werde es weiter geben und sie würden weiter von Bedeutung sein. Hier in San Cristobal verstehe ich, was er meinte. Die Erfahrung des Widerstands, die Politisierung, die diese Region nach wie vor erfasst, der Bezug zur Welt, den die Zapatisten in diesem verlorenen Winkel wenigstens zeitweise hergestellt haben, macht aus Chiapas nach wie vor ein Ort, an dem Hoffnung gedeiht. Eine neue Form von magischem Realismus vielleicht, weil Gabriel, Leonel, Dagmar, aber auch die anderen, die wir treffen und von denen noch die Rede sein muss, so erstaunlich unbeirrt an Vorstellungen von Sozialität und solidarischer Gemeinschaft festhalten, und behaupten, man könne dem gefräßigen Monster des Kommerzes widerstehen und glücklich sein.

Veröffentlicht von Katja Maurer am 08.10.2009 | 0 Kommentare

 

Kommentar

Hier können Sie Ihren Kommentar schreiben


  1. Die eMail-Adresse wird nicht veröffentlicht
  2.  Bitte geben Sie die angezeigten Buchstaben ein.

Senden

 

medico Hausblog

Annäherungen an die Welt

 

die Medicos

 

Das medico-Büro in der ersten Etage eines siebenstöckigen Bürohochhauses ist in vielfacher Hinsicht ein besonderer Ort, sich der Welt zu nähern. Das Haus stammt aus den Jahren, da Frankfurt eine sozialdemokratische Hochburg war. Ein funktionaler Kasten mit immerhin großen Fenstern, dessen bauliche Ästhetik noch die spießige Aufbruchstimmung der 60er Jahre atmet. Aber wer die postmodernen Büropaläste kennt, die soviel versprechen und so wenig halten, lernt ein solches inspirationsloses Unikum mit seinem abgeblätterten Charme zu lieben. Und das ist die Umgebung für den Ausgangspunkt unserer Weltsichten: Mitten in ein Wohngebiet hineingepflanzt ist unser Bürohaus umgeben von Sozialbauten aus eben derselben Zeit und angrenzend an einen Bio-Supermarkt, der vorwiegend von der jungen betuchten Mittelschicht eines immer wohlhabenderen Stadtteils frequentiert wird. Trotz im Viertel stattfindender Verdrängung der Armen ist unser naher und ferner Blick noch einigermaßen in der Wirklichkeit geerdet. Mit dem "medico-Hausblog" wollen wir diese Nah- und Fernsichten mit jedem/r, den/die es interessiert, teilen.

RSS-Feed

medico international