medico international

25.09.2009

Theater und Wirklichkeit

Der Auftritt des Freedom Theatre aus Jenin in Frankfurt

Es gibt selten diese Momente, da man glaubt etwas Grundlegendes aus der medico-Arbeit verstanden und zugleich gefühlt zu haben. Am vergangenen 17. September bescherten uns die Schauspielschüler des Freiheits-Theaters Jenin und ihr Direktor einen solchen unwiederbringlichen Moment. Mit einer Kraft, Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit kämpften, tanzten, sprangen, liebten und starben die 9 jungen Männer und Frauen aus der palästinensischen Westbank auf der Bühne, dass wir Zuschauer teil hatten an ihrer Sicht auf die „Fragmente Palästinas“. In dem Stück, das sich die Schauspielschüler selbst für die Tournee erarbeitet haben, kommen die Toten nicht zur Ruhe, wollen die Märtyrer nicht sterben, werden Frauen ans Kreuz geschlagen. Ein Symbol dafür, dass einem Unrecht immer noch das nächste folgen kann. „Fragments of Palestine“ ist mit seinen knapp 40 Minuten Psychodrama, expressives Theater und radikaler Selbstbehauptungswille in Einem. Das war keine Good-Will-Veranstaltung, auf der wir freundlich die Kunst-Übungen der Marginalisierten entgegennahmen. Hier, in der Unwirklichkeit einer längst verlassenen Fabrikhalle haben uns die Schauspielschüler ihre Realität vor die Füße geworfen, die uns trotz aller Medienberichterstattung unbekannt ist. In „Fragments of Palestine“ beharrten sie mit ihrem Körpertheater auf einem selbstbestimmten und selbstgestalteten Dasein. Der Entkörperlichung und Entindividualisierung, die der öffentliche Rezeption des palästinensischen Unglücks eigen ist, stellten sie ihr Werk entgegen.

In der anschließenden Diskussion machten die Schauspielschülerin Batool Taleb und der Direktor des Freedom Theaters Juliano Mer Khamis deutlich, dass Selbstbehauptung in der schieren Unauflöslichkeit des israelisch-palästinensischen Konflikts mit seinen extremen Auswirkungen auf beide Gesellschaften Kunst ist. Eine Kunst, die keinen Marktwert und keinen Zeitgeist kennt. Sie ist nur der Wahrheit verpflichtet, einen haltbaren Ausdruck für die erlebte Wirklichkeit zu finden. Dazu gehören die Biografien der beiden, die im Gespräch offenkundig wurden. Die Israelis hielten ihn für einen Palästinenser und die Palästinenser für einen Juden, so Mer Khamis: „Ich sitze auf der Mauer“, erklärte der einstige israelische Schauspieler und Elite-Soldat aus einer jüdisch-arabischen Familie. Auf der Mauer ist ein unbequemer und gefährlicher Ort. So wie der zwischen den Stühlen, in dem sich die Studentin Batool Taleb befindet. Sie hat in langen Auseinandersetzungen mit ihrer Familie und deren Umfeld durchgesetzt, Schauspielerin zu werden. In der Diskussion erklärte sie selbstsicher, dass ihre Generation eine andere Vorstellung vom Leben habe. Ein selbstbewusster Auftritt gegen eine palästinensische Gesellschaft, die unter den gegebenen Bedingungen der Besatzung ihr Heil im patriarchalen Islam sucht. Alle sieben Jahre gebe es einen Aufstand der palästinensischen Jugendlichen gegen die Besatzung und die Beschneidung ihrer Lebenschancen, analysiert Mer Khamis. Daran würden auch die Shoppingmalls, die nun in Jenin gebaut würden, um die Palästinenser still zu halten, nichts ändern. Akteure darin könnten auch die Schauspieler aus dem Freedom-Theater sein, ausgestattet mit den Gedichten von Mahmoud Darwish, solchen Stücken wie Animal Farm und der Fähigkeit zum freien Denken.

Die Daten zu den noch kommenden Vorstellungen und weitere Informationen zum medico-Projektpartner finden Sie hier.

Veröffentlicht von Katja Maurer am 25.09.2009 | 0 Kommentare

 

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