
Die internationale Universität des People`s Health Movement will ein weltweites Netz von jungen Gesundheitsaktivisten und Experten befördern. Ein Erfahrungsbericht aus Bangalore.
Das indische National Institute for Tuberculosis, in dem die 11. International People‘s Health University für 10 Tage im September 2009 zu Gast war, repräsentiert die alte „Gartenstadt Bangalore“ in ihrer ganzen Größe und Schönheit. Das Forschungsinstitut befindet sich in einem ehemaligen Palast einer Prinzessin der Maharadscha-Dynastie von Mysore und ist umgeben von einem 24 Hektar großen Garten mit uraltem Baumbestand. Auch gesundheitspolitisch ist der Ort von Bedeutung. Hier weihte in den 50er Jahre der erste indische Premierminister das Tuberkulose-Institut ein, um symbolisch den Kampf gegen die Krankheit zu verkünden. In der indischen Tuberkulose-Bekämpfung hat auch der „Vater der Primary Health Care“, Halfdan Mahler, seinen Platz. Bevor er zum Generaldirektor der WHO gewählt wurde arbeitete er als Arzt im indischen Tuberkuloseprogramm.
Das Tuberkulose-Institut drückt auch das Dilemma der nationalen Gesundheitspolitik aus. Sie ist nicht über solche krankheitsspezifischen Anstrengungen hinaus gekommen und hat es versäumt ein umfassendes Gesundheitssystem für alle Bürger zu entwickeln. Gerade 1,2% des nationalen Budgets werden in das öffentliche Gesundheitssystem investiert, auf das vor allem die ländlichen Armen angewiesen sind. in den Städten hat sich eine öffentliche Basisgesundheitsversorgung nie entwickelt, neben überlaufenen öffentlichen Krankenhäusern und einigen Präventions- und Behandlungsprogrammen (gegen Kinderlähmung, Tuberkulose, Malaria und seit neuestem auch endlich HIV/AIDS) gibt es nur den wachsenden „Gesundheitsmarkt“ privater Kliniken und Praxen, deren Dienstleistungen die Armen und mitunter auch die Mittelklasse bei schweren Gesundheitsproblemen in den finanziellen Ruin treiben.
Vor diesem Hintergrund diskutierten auf der International People´s Health University in Bangalore 60 Gesundheitsaktivistinnen und -aktivisten aus 15 Ländern. Sie nahmen an einer Mischung aus Crashkurs in politischer Ökonomie der Gesundheit und kompetentem Erfahrungsaustausch teil – und schon die Zusammensetzung der Gruppe garantierte spannende Debatten. Neben den indischen TeilnehmerInnen aus einem Dutzend Bundesstaaten des Landes waren Sri Lanka, Nepal, die Philippinen, Kenia, Äthiopien, Georgien, Frankreich, Deutschland, die Niederlande und Kanada mit einzelnen Personen oder kleineren Gruppen vertreten.
Ein Seminarthema wie „Konflikt und Gesundheit“ ist bei den meisten Teilnehmern nicht nur eine abstrakte Reflektion über gesundheitliche Folgen von Gewalt und spezifische Bedürfnisse vulnerabler Gruppen, sondern unmittelbare Erfahrung aus nächster räumlicher und zeitlicher Nähe, die in den Plenumsbeiträgen auch zur Sprache kam. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka, die Repression der indischen Armee und Regierungsbehörden im Bundesstaat Chittorgarh gegen maoistische Aufständische und jede Form kritischer Öffentlichkeit, die ethnischen Konflikte in Kenia, die sich erneut verstärkenden politischen Spannungen in Nepal, verdichteten sich zu einer allen geläufigen und doch jeweils spezifischen Analyse, in der auch Handlungsoptionen ausgetauscht werden können.
Am meisten beeindruckt aber hat mich, der ich als Teil des „Lehrkörpers“ aus erfahrenen PHM-Veteranen an diesem Intensivseminars teilgenommen habe, das breite Spektrum der persönlichen und professionellen Hintergründe und Erfahrungen der Teilnehmer. Es kamen keine Theoretiker zusammen, sondern hier debattierten Menschen, die an der Basis direkt mit den Problemen und Gesundheitslagen der Ausgegrenzten konfrontiert sind. Sie stellten sich der Diskussion mit anderen und lernten dabei die verschiedenen Strategien im Einsatz für einen gleichen Gesundheitszugang aller kennen. Diese Gesundheit geht über die reine Gesundheitsversorgung hinaus.
Die Juristin Marina unterstützt so in Georgien die (nicht nur gesundheitsbezogenen) Menschenrechte von Gefangenen. Eric Owuor kämpft mit seinem Paralegal Trust in Kenia für einen Zugang für Arme zum Rechtssystem und hat in den letzten Monaten besonders Frauen unterstützt, die rechtswidrig in öffentlichen Krankenhäusern in Nairobi festgehalten wurden, weil sie die Rechnungen für die medizinische Betreuung ihrer Risikogeburten nicht bezahlen konnten. Sapna von Basic Needs India hilft psychisch Kranken und ihren Angehörigen in den Slums von Bangalore, in die lokalen Selbsthilfestrukturen integriert zu werden und gemeinsam ihre Rechte gegenüber der Stadtverwaltung und der Gesundheitsbehörden durchzusetzen.
Celso Jr. ist Lehrer an einer Krankenpflegeschule und langjähriger Aktivist der Health and Democracy Alliance auf den Philippinen und dort am Aufbau von Basisgesundheitsdiensten auf der Insel Isabella beteiligt. Atis aus Nepal will als ausgebildeter „moderner“ Pharmazeut der traditionellen tibetischen Medizin zu Anerkennung im neuen Gesundheitssystem verhelfen. Vijay aus Bangalore dokumentiert filmisch die Einführung des Community Monitoring, das die Aufgabe hat ländlichen öffentlichen Gesundheitszentren durch die Gemeinden selbst zu sichern und zu kontrollieren.
Sarojini und Aastha von der Frauenorganisation Sama in Delhi betreiben einen Watch zu Medikamenten- und Impfstoffversuche der multinationalen Pharmakonzerne mit Frauen in verschiedenen indischen Bundesstaaten. Varun hat seinen gutbezahlten Job als Agrar- und Nahrungsmittelingenieur bei einem großen multinationalen Konzern in Lucknow gekündigt, um seine Kenntnisse in Logistik und Versorgungsstrukturen für die Verbesserung der ländlichen Gesundheitsdienste in Indien einzusetzen. Mit Hilfe des indischen People’s Health Movement bereitet er gerade eine 5monatige Motoradtour durch den ganzen Subkontinent vor, um in möglichst vielen verschiedenen Regionen deren jeweiligen Gesundheitsnöte und Projekte zu deren Bewältigung kennenzulernen. Die Kollegen vom PHM haben es nicht versäumt, ihm neben guten Kontakten und Tipps auch das Reisetagebuch von Che Guevara mit ins Gepäck zu legen, das der 26jährige „Aussteiger“ noch nicht kannte.
Gerade diese Mischung macht die Stärke einer solchen IPHU aus, die den Rahmen eines gewöhnlichen Uni-Blockseminars aber auch der üblichen post-graduierten Ausbildungsgänge sprengt. Zwar werden auch hier Vorträge gehalten und Powerpoint-Präsentationen gezeigt, aber der Schwerpunkt liegt in der systematischen Integration der TeilnehmerInnen ins Programm – etwa mit eigenen Kurzbeiträgen in Ergänzung zu den theoretischeren Vorträgen über Globalisierung und ihre Auswirkungen auf Gesundheitssysteme, Konzepte der Community Health und der sozialen Determinanten der Gesundheit, TRIPS und Patente, in Rollenspielen, in denen die Dynamik zwischen NGO Aktivisten und armen Gemeinden untersucht oder Kommunikationsstrategien für das „Recht auf Gesundheit für Alle“ entwickelt werden usw.
Veröffentlicht von Andreas Wulf am 20.09.2009 | 0 Kommentare
