medico international

15.09.2009

Inside International People´s Health University

Health for all – Now!

Der Austausch von Wissen in verschiedenen Kooperationen und Netzwerken ist ein wichtiges Element der Arbeit von medico international. In diesem Zusammenhang werden auch die Aktivitäten der internationalen Gesundheitsbewegung People´s Health Movement (PHM) und der International People´s Health University (IPHU) unterstützt.

Die IPHU fand bereits in verschiedenen Teilen der Welt (Südamerika, Nordamerika, Südasien und Nordafrika) statt. Jeweils 30-50 junge Gesundheitsaktivisten und Gesundheitsprofessionelle beschäftigten sich dort mit den Themen, Analysen, Erfahrungen und Projekten der globalen Gesundheitsbewegung.

An der letzten IPHU in Bangalore nahm auch Judith Kasper teil. Sie ist Medizinstudentin und engagiert sich bei GandHI (Globalisation and Health Initiative). Für medico berichtet Sie über die IPHU in folgendem Blog-Gastbeitrag:

Health for all – Now!

Unter dem Motto “Gesundheit und Gerechtigkeit“ fanden am 01.09.2009 über 60 Gesundheitsaktivisten (und solche, die es einmal werden wollen) verschiedener Bundesstaaten Indiens, sowie aus Nepal, Georgien, Sri Lanka, den Niederlanden, Australien, Kanada, Pakistan, Kenia und Deutschland zusammen um für die kommenden 10 Tage über die aktuelle Lage der Weltgesundheit und ihre beeinflussenden Faktoren zu diskutieren, Erfahrungen, Ideen, Meinungen auszutauschen und besondere Freundschaften zu schließen.

Der erste Tag war geprägt vom gegenseitigen Kennenlernen und der Aufregung, auf so viele fremde Menschen so vieler verschiedener Orte und unterschiedlicher “Aktionsfelder“ treffen zu können.

Zum Beispiel Marina, die in Georgien mit der Organisation “Article 42 of the Constitution“ arbeitet, welche sich für das Recht auf Gesundheit HIV/AIDS-erkrankter Gefangener einsetzt.

Oder Erick, der sich mit dem Kamukunji Paralegal Trust (KAPLET) der Aufklärung seiner kenianischen Landsleute über ihre in der Konstitution festgesetzten Rechte und deren Verteidigung widmet, sowie kenianischen Polizeibeamten das komplizierte Rechtssystem mit seinen Pflichten näherbringt und auf diesem Weg dazu beiträgt, dass sie als solche anerkannt und eingehalten werden.

Oder Sant, der für die Community Health Cell (CHC) in Indien die Möglichkeiten eines “direkten Monitorings der örtlichen Gesundheitsversorgung“ untersucht hat.
Seine Arbeit bestand darin, über vier Tage hinweg mehr als 200 Bewohner des Ortes Pati Block im District Barwani mit Ärzten der Region zusammenzubringen, die Untersuchung der Patienten direkt durch Mitarbeiter der lokalen Rural Health Mission beobachten zu lassen, während gleichzeitig Personal des CHC die sich gerade nicht in Behandlung befindlichen Dorfbewohner über ihr Recht auf Gesundheit (einschliesslich adäquate Gesundheitsversorgung) aufklärten.
Außerdem wurde während dieser Zeit Raum für Dialog und Diskussion zwischen Dorfbewohnern und Ärzten über die aktuell schlechte Gesundheitsversorgung der mittellosen Landbevölkerung gelassen. Seit Durchführung des Projekts bestellen die Ärzte ihre Patienten weniger von der staatlichen Einrichtung zu einer erneuten, angemessenen aber kostenpflichtigen Vorstellung in ihren Privatpraxen; sie benutzen ungebrauchte, sterile Nadeln; Apotheker beginnen davon abzusehen, selbstständig nach Blickdiagnose Medikamente zu verschreiben.

So konnte ein jeder von uns seinen eigenen Hintergrund, seine persönliche Motivation und Erfahrung einbringen, während wir über Themen wie Globalisierung, sozialen Determinanten der Gesundheit, Recht auf Gesundheit und Zugang zu adäquater Versorgung, Gleichberechtigung von Frauen und Minderheiten und das People´s Health Movement selbst, sowie seine Rolle all diese Punkte betreffend, diskutierten.

Als jüngste Teilnehmerin des Kurses, dazu immer noch Studentin (alle anderen Teilnehmer stehen bereits mit beiden Beinen im Berufsleben und haben meist jahrelange Erfahrung vorzuweisen), war es faszinierend, motivierend und richtungsweisend mit all diesen engagierten Menschen sprechen zu können, von ihren Projekten und Erfahrungen zu hören und mit den oft sehr ernsten, konfliktreichen Situationen ihrer Länder mehr als nur durch Zeitungsartikel und Bilder konfrontiert zu werden.

“Im Krieg sind wir alle gleich in unserer Angst“ antwortet die Lehrerin ihrer Grundschülerin in einem Lied , welches mir Padma aus Sri Lanka an einem Abend vorgesungen hat.
Dieses leise, traurige, von einer Augenzeugin mit gebrochener Stimme vorgetragene Lied macht wirklich klar, wie tiefe Wunden der Konflikt zwischen Tamilen und Singhalesen in der Bevölkerung hinterlassen hat.

Um die Verletzung des Rechts auf Gesundheit zu erleben, muss man jedoch nicht nach Sri Lanka oder in einen indischen Slum gehen. Es genügt, sich in Deutschland umzusehen. Wie kommen sogenannte “Papierlose“, illegale Migranten, an medizinische Versorgung ohne eine Meldung bei den Behörden und die damit verbundene Abschiebung fürchten zu müssen?

Und müssen wir uns nicht auch mit den sozialen Ursachen der steigenden Zahl chronischer und psychischer Erkrankungen in unserer Bevölkerung auseinandersetzen?

Auch was das People´s Health Movement (PHM) angeht stießen wir auf Grenzen, Fragen, Kritik. Wie können wir erreichen, in der breiten Masse ein Bewusstsein für das Recht auf Gesundheit zu schaffen?

Wie stellen wir sicher, dass das PHM nicht zu einem reinen intellektuellen Diskussionsforum ohne wirklichen Effekt auf den Zustand der Gesundheitsversorgung der Weltbevölkerung wie unserer Patienten vor Ort reduziert wird? In wie weit genießen wir eigentlich die Legitimation der Menschen, mit denen und für die wir arbeiten, uns für die Verwirklichung ihrer Rechte einzusetzen?

Nach 10 wunderbaren gemeinsamen Tagen haben wir viel gelernt, Kontakte geknüpft, Informationen ausgetauscht, Motivation gewonnen und werden sicher versuchen, die junge Generation des PHM aktiv zu stärken.

Um unser gemeinsames Ziel es “Health for all – Now“ auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene erreichen zu können, wird jedoch noch viel Einsatz, Kampf, Zusammenarbeit und vor allem kritische Selbstreflexion nötig sein.

Veröffentlicht von Judith Kasper am 15.09.2009 | 1 Kommentar

Kommentare

Frank, 17.09.2009

Es ist toll, daß sich die Jugend (zumindest Teile davon) mit den wirklich wichtigen Problemen der Welt beschäftigen. Den Eltern kann man zu so einer Tochter nur gratulieren!

 

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