medico international

09.07.2009

Paradies gerettet?

Staudammprojekt in Hasankeyf gestoppt - vorerst!

Manchmal lohnt sich eine jahrzehntelange Mühe und es gibt sogar richtige Siege zu feiern, die beileibe keine kleinen sind. Dann ringt die Gegenseite, die ansonsten um keinen PR-Trick verlegen ist und selten verliert, förmlich um Atem. Alexander Schwab von der österreichischen Baufirma VA Tech, Sprecher des internationalen Konsortiums zum Bau des Staudamms im kurdischen Hasankeyf, muss gestern in einer solchen für ihn offenbar völlig ungewohnten Situation gewesen sein. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung rang er offensichtlich um Fassung: „Nein“, sagt er da, „ich bin 30 Jahre im Geschäft - aber so etwas habe ich noch nie erlebt.“ Stimmt, kann man ihm nur entgegnen, denn bislang schaffte es noch keine Protestbewegung, europäische Kreditgarantiezusagen aus sozialen, kulturellen und ökologischen Gründen für ein derartige Großprojekt wie den Tigrisstaudamm zu Fall zu bringen. Aber genau das geschah gestern: Das europäische Konsortium zog sich nach jahrelangen Querelen und Prüfungen des Bauvorhabens, aber vor allem nach immer massiver und prominenter vorgetragenen Protesten europäischer und türkisch-kurdischer Intellektueller aus dem Großprojekt zurück. Der Dammbau ist geplatzt - zumindest gibt es keine Geldgarantie mehr aus Europa dafür.

Was war geschehen? Das ursprüngliche gigantische Wasserbauprojekt Südostanatolien (GAP) reicht bis in die 1950er Jahre zurück. Schon vor Jahren versank die antike Siedlung Samosata - Hauptstadt des kleinen Reiches von Kommagene - in den Fluten des Atatürk-Stausees im Südosten der Türkei. Damalige Proteste der Archäologen hatten nichts gefruchtet. Dasselbe Schicksal sollte die uralte orientalische Stadt Hasankeyf ereilen: Hier plante Ankara den Ilisu-Stausee, den letzten Superlativ des GAP-Staudammprojekts: Der Tigris sollte auf 65 Kilometer vor der irakischen Grenze gestaut, ein Gebiet von 313 Quadratkilometern mit 52 Dörfern und Kleinstädten überflutet werden. Hasankeyf (oder Hisn-i Kaifa), das an einer Furt am Tigris liegt, beherbergt wertvollste Zeugen einer Vergangenheit, die bis in das Neolithikum zurückreicht. Die Wege aller Kulturen Anatoliens haben sich dort gekreuzt. Antike Nekropolen, römische Mosaike und jahrhundertealte Moscheen und Karawansereien sollten geflutet werden. Hisn-i Kaifa („Felsenburg"), wie der jetzt vom Tode bedrohte Ort korrekt heißt, beschützt in seinen Sedimenten jahrtausendealte Artefakte aus mamlukischer oder ayyubidischer, artukidischer, christlicher oder islamischer Zeit.

Tausende Jahre alte Menschheitszeichen gegen ein paar Megawatt

Nur unweit entfernt vom Tigris-Tal liegt Urfa, die dortige Abrahamsgrotte wird seit der Jungsteinzeit als heilige Quelle verehrt, dazu der sagenumwobene Göbekli Tepe („Nabelberg“), vielleicht die erste Kultstätte der Menschheit, wo vor 11.000 Jahren, als Obermesopotamien aus dem Eis des Spätglazial erwachte, die Wildbeuter Stelen und Totempfähle aus dem Fels schlugen. Hier, in dem sanft ansteigenden Vorland des Taurusgebirges, im Grenzgebiet zwischen Iran, dem Irak und der Türkei, könnte sich der kulturelle Sturz nach oben des Homo Sapiens abgespielt haben: Aus dem Nomaden und Jäger wurden Viehzüchter, der Mensch erfand den Kochtopf (ca. 7000 vor Christus) und aß zum ersten Mal Schleim aus zerstoßenem Wildgetreide. Vor kurzem generierten Biologen des Max-Planck-Instituts aus 68 modernen Einkornsorten einen gemeinsamen Urhalm: Die Wildpflanze, gleichsam der Ahnherr allen Getreides, wächst noch heute an den Hängen des erloschenen Vulkans Karacadag im kurdischen Vorland des Zagrosgebirges. Wenn Adam und Eva wirklich als erste Menschen Mehlspeisen aßen, dann also möglicherweise hier.

Die konkreten Bauvorhaben wurden von Ankara im Jahr 1997 projektiert. Die Weltbank lehnte eine Finanzierung rundweg ab, nach wiederholten Protestaktionen zogen sich britische, italienische und die Schweizer Bank USB aus dem Projekt zurück. Vor drei Jahren legte der Ministerpräsident Erdogan dennoch den Grundstein für den Untergang von Hasankeyf. Denn die österreichische Firma VA Tech, seit 2007 in deutschem Siemens-Besitz, hatte das Konsortium umgruppiert und die Regierungen Deutschland, Österreichs und der Schweiz sagten Exportkreditgarantien in Höhe von 450 Millionen Euro zu: Die deutsche Euler-Hermes, die Österreichische Kontrollbank und die Schweizerische Exportrisikoversicherung wollten das Bauwerk finanzieren, dass die kahle Region landwirtschaftlich erschließen und durch 22 Talsperren künstlich bewässern sollte. Die Kreditversicherer hatten zuletzt auf Druck der Proteste das Projekt an strenge Auflagen für den Schutz von Flora und Fauna und Kulturgütern sowie zur Umsiedlung der Bewohner gebunden.

Die Türkei habe diese Auflagen „trotz teilweise erheblicher Verbesserungen innerhalb der vertraglich festgelegten Frist nicht erfüllt“, erklärten die drei Versicherer. "Daher sind die Grundlagen für eine Fortführung des Projekts mit staatlicher Absicherung aus den drei Ländern nicht mehr gegeben. Als Folge davon enden die Exportkreditgarantien." Es ist eine Entscheidung, die sich seit Wochen abgezeichnet hatte. Allein die Bundesregierung wollte für 150 Millionen Euro haften. Da die Auflagen jedoch nicht erfüllt wurden, waren die Bauverträge seit Dezember 2008 ausgesetzt. Am Dienstag um Mitternacht lief eine letzte Frist für Nachbesserungen aus. Zuletzt hatte auch die irakische Regierung in einem förmlichen Schreiben um die Aufhebung der Kreditgarantien gebeten, fürchtet man doch in Irakisch-Kurdistan und Bagdad, dass die Wasser des Euphrat und Tigris durch die Vollendung des Atatürk-Staudamm-Projektes endgültig zur Neige gehen würden.

Sieg im Zeichen der Schildkröte

Aber ist das wirklich das Ende des Dammes? Hasankeyf ist bei Google 863.000 Mal gelistet. Ungezählte Petitionen gingen an Verantwortliche in Ankara, an die EU, die Konzerne, die Bundesregierung, unzählige Delegationen reisten in die vom Wasser bedrohte Region, dazu Symposien, ob in Brüssel, Wien oder im kurdischen Diyarbakir: Seit Jahren kämpfen Umweltschützer, Archäologen, Menschenrechtler, mit Unterstützung der lokalen Bevölkerung, um den Erhalt der unersetzbaren kurdischen Stadt Hasankeyf am oberen Lauf des Tigris. Und medico international war in Deutschland einer der Ersten: Bereits Mitte der 1990er Jahre wandten sich kurdische Menschenrechtler an uns, damals noch per Fax und in einem maschinengeschriebenen Brief, die lokale Bevölkerung von Hasankeyf im Kampf gegen das Staudammprojekt zu unterstützen, und im Jahr 1998 starteten wir den vielbeachteten Appell „SAVE HASANKEYF!“ an die damalige rot-grüne Bundesregierung, die drauf und dran war, die Kredite aus außenpolitischem Kalkül zu garantieren. Darauf folgte eine zehnjährige Kampagne, die in der jüngsten Zeit vor allem von der Initiative Gegenströmung und dem österreichischen Stop-Ilisu-Bündnis getragen wurde. Im April dieses Jahres dann präsentierte die türkische Naturschutzorganisation Doga Dernegi dem Kulturministerium in Ankara einen Bericht, der darlegte, dass Hasankeyf neun von zehn Kriterien erfüllt, um in die Unesco-Liste des Welterbes aufgenommen zu werden - die Chinesische Mauer erfüllt fünf, dass Taj Mahal nur eines der Kriterien.

Die Türkei zeigt sich in den ersten Reaktionen auf den europäischen Ausstieg unerschüttert: Der türkische Umweltminister Veysel Eroglu, der in seinem früheren Leben Chef der türkischen Wasserbehörde war und als glühender Staudamm-Lobbyist gilt, will mit aller „Entschlossenheit“ an dem Bauvorhaben in Hasankeyf festhalten. Nur wird ihm das notwendige Geld fehlen. Die internationale Finanzkrise hat die türkische Wirtschaft um knapp 14 Prozentpunkte schrumpfen lassen. Die Bewohner von Hasankeyf aber sind glücklich über die getroffene Entscheidung. „Neunzig Prozent unserer Bürger wollen diesen Damm nicht. Und die wenigen, die für ihn sind, versprechen sich individuelle finanzielle Vorteile”, sagte heute der Bürgermeister von Hasankeyf, Abdulvahap Kusen, gegenüber der türkischen Tageszeitung ZAMAN. Und weil er seine Regierung gut kennt ergänzt er: „Wir sind froh, aber wir werden weiterkämpfen, bis die Pläne in Ankara formell aufgehoben werden.“ Es bleibt zu hoffen, dass die türkische Regierung nicht doch noch beginnt, die Menschen von Hasankeyf umzusiedeln. Offziell sollen noch immer die wertvollsten Gebäude abgetragen und an anderer Stelle in einem archäologischen Themenpark der Öffentlichkeit gezeigt werden. Abu Simbel lässt grüßen.

Die Euphrat-Weichschildkröte im Banner. Umweltschützer in der Türkei werben mit der vom Dammbau bedrohten Flussschildkröte für den Erhalt von Hasankeyf.

Veröffentlicht von Martin Glasenapp am 09.07.2009 | 0 Kommentare

 

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