
Elizabeth Ibarra arbeitet seit Jahren beim guatemaltekischen medico-Partner ACCSS in der Aus- und Weiterbildung. Zzt. ist sie zusammen mit 6 Dentalpromotoren von ACCSS im haitianischen Leogane.
Hier ihr Update:
Wir sind jetzt seit 2 Wochen in Leogane und haben bereits einiges erreichen können.Wir arbeiten ohne Zeitbegrenzung, um eine größt- und bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. Neben der Arbeit im Camp haben wir auch die Besuche der ländlichen Gemeinden von Leogane fortgesetzt. Bislang waren wir in 11 comunidades, einige davon in der Bergregion südlich von Leogane. So z.B. Orange, das 1.500 Meter hoch gelegen ist. Die beiden Kollegen, die dort waren versichern , dass der Fußmarsch dorthin kein Spaziergang war. Eine Straße dorthin gibt es nicht. Die Einwohner der Dörfer haben sich immer sehr dankbar gezeigt und uns ihr bestes Essen angeboten. Konstant war der Wunsch wir mögen doch länger bleiben.
In den 2 Wochen haben wir bei 300 Personen die Zahngesundheit diagnostiziert und 100 Personen behandelt. Wie mit medico international abgesprochen, haben wir entschieden bei jeder Patientin, jedem Patienten nur die dringensten Probleme zu beben, denn angesichts der Menge an Karies bei den meisten Patienten/innen und dem Zeitwaufwand für deren Entfernung wären andere Personen sonst nicht zum Zuge gekommen.
Besonders gerührt waren wir am vergangenen 3. Juni, als eine Gruppe Jugendlicher (Mädchen und Jungen im Alter von 13 – 20 Jahren) aus den Dörfern zur Behandlung erschienen. Bei allen waren die Schneidezähne schwarz vor Karies. Sie lächelten nicht mehr und versuchten beim Sprechen zu vermeiden, dass man ihre Zähne sieht. Juan, Francisco, Nicolás und Sebastián haben großartige Arbeit geleistet. Die Freude bei den Jugendlichen war riesig und wurde mit einer wahren Fotoorgie mit strahlenden Zähnen gefeiert. Wieder einmal ein Beweis dafür, dass unsere Arbeit keineswegs nur darin besteht Zähne zu reparieren, sondern auch darin ein Stück Lebensqualität und Freude wiederherzustellen, angesichts all dem was diese Menschen erlitten und verloren haben.
Auch lokale Persönlichkeiten haben uns aufgesucht und wurden von uns behandelt. So der Bürgermeister von Leogane. Sein Körpergewicht von fast 200 kg war eine wahre Herausforderung, denn wir hatten keinerlei Sitzgelegenheit, die seinem Gewicht standgehalten hätte, und so musste er am Samstag wiederkommen und seinen eigenen Stuhl mitbringen. Auch wollte er nicht im 1. Stock, dort wo wir unsere Zahnpraxis eingerichtet haben, behandelt werden, wegen der Risse in Wänden und Decke.
Auch der lokale Polizeichef kam in die Sprechstunde, nachdem Zwei von uns zur Polizei gebracht worden waren, um vor Ort die Polizisten/innen zu behandeln. Sie waren sehr gerührt, weil noch Niemand zu ihnen gekommen sei, um sie zu unterstützen, nur um von ihnen zu verlangen, dass sie etwas zur die Gemeinden tun.
Wir sind uns aber mit medico einig, dass dies Ausnahmen bleiben sollen, denn wir wollen ja in erster Linie jene Menschen behandeln, die ansonsten keine entsprechenden Möglichkeiten haben. Das ist nicht immer einfach, weil wir immer wieder damit konfrontiert werden, dass Einzelne, die Kontakte zu Leuten im Camp haben, versuchen uns einen Angehörigen oder Freund an der Schlange der Wartenden vorbei zuzuführen. Wir mussten sehr energisch klar machen, dass wir das nicht tolerieren und wir erst einmal nacheinander Jene behandeln, die bereits in der Früh zur Sprechstunde erschienen sind und auf ihren Turnus warten.
Die Nachricht unserer Anwesenheit hat sich schnell verbreitet. Am vergangenen Donnerstag erhielten wir dann auch Besuch eines Delegierten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der sich interessierte wer wir seien, von wo wir kämen und wer uns unterstütze. Ich habe ihm ausführlich von unserem Verständnis von Primärer Gesundheitsversorgung berichtet, von unseren Programmen in Guatemala und der Unterstützung durch medico international. Da ich aus anderen Erfahrungen weis, dass unsere Arbeit gerne von Ministerien und Anderen in ihre Berichte aufgenommen wird, ohne das wir je eine reale Unterstützung erfahren, habe ich mir erlaubt gleich zu ergänzen, ob er uns denn nicht Zahnbürsten, Flur und Einweghandschuhe zur Verfügung stellen könnten, um in den Schulen und Waisenhäusern präventive Aktionen durchführen zu können. Er versprach zu helfen.
Die hygienischen Verhältnisse sind hier allenthalben deprimierend. Überall sieht man Menschen, die neben oder auf Müll sitzen und ihre Waren zum Verkauf anbieten. Ein umfassendes, auf das Gemeinwesen ausgerichtete Gesundheitsprogramms, könnte hier mittels Informations- und Aufklärungsarbeit ansetzen. Wenige Familien, vor allem im ländlichen Raum, verfügen über Toiletten oder Latrinen und verrichten ihre Notdurft im Freien, meist ohne diese dann zuzudecken oder anderweitig zu entfernen. Malaria grasiert allenthalben und der Grad an Selbstmedikation, an unkontrollierter Einnahme von Medikamenten ist besorgniserregend. Uns wurde beispielsweise berichtet, dass Frauen nach der Menstruation Ampicilin nehmen um ihr Blut zu reinigen, weil sie der Meinung sind, dass sie währen der Menstruation eine Infektion haben. Auch die Zahngesundheit ist äußert prekär. Die Essgewohnheiten sind dabei nicht hilfreich. Die Lebensmittel werden oft so lange gekocht, dass sie wertvolle Inhaltsstoffe verlieren. Rohes Gemüse, Salat und Früchte werden wenig gegessen. Bei vielen Patienten haben wir Zahnhälse gesehen, die völlig frei lagen und der Grad an Zahnstein ist erschreckend.
Entschuldigt, dass ich alles durcheinander berichte und wenig zu den weiteren Perspektiven der Arbeit schreibe. Ein Basisgesundheitsprogramm, mit einer zahnmedizinischen Komponente, wäre sicherlich sehr angebracht. Hier sind wir aber zu sehr eingespannt, um konkretere Überlegungen auszuarbeiten. Dazu werden wir erst nach unserem Aufenthalt kommen.
Herzliche Grüße, Elizabeth
Veröffentlicht von Elizabeth Ibarra am 05.06.2010 | 0 Kommentare
