



Hunderte haben sich versammelt, vor allem Kinder und Jugendliche, auf einem staubigen Quadrat, umrandet von Plastikverschlägen mit knapp 6 qm Grundfläche, inmitten des endlosen Camps Israel, einem der größten Lager von Betroffenen des Erdbebens in Haiti.
Ein immer wiederkehrendes „Hey you“ der Kinder begleitet mich auf den Weg durch die schmalen Gassen des Camps. Die Erwachsenen erwidern mein höfliches „Bonsoir“. Einige Kinder haben Mini-Flugdrachen gebastelt und lassen sie geschickt über den Plastikhütten in die Lüfte steigen. Joseph, unser haitianischer Kollege, erklärt mir, dass dies vor Ostern so üblich sein und am Karfreitag oder Ostersamstag würden sie dann „frei gelassen“, um mit Wünschen verbunden in den Himmel zu entschwinden.
Manch Einer „entschwindet“ nicht den Lagern, auch wenn er anderswo vielleicht etwas „würdiger“ unterkommen könnte, weil nur hier Lebensmittel und Wasser verteilt werden. Ich frage mich, ob es nicht besser und wahrscheinlich auch kostengünstiger gewesen wäre, den Leuten Geld zu geben, mit dem sie Grundnahrungsmittel aus nationaler Produktion, die es gibt, hätten kaufen können, als hoch subventionierten US-Reis teuer einzufliegen, verbunden mit den enormen Kosten für die Logistik und das Personal. Präsident Preval hat kürzlich dazu aufgerufen die Lebensmittellieferungen baldmöglichst einzustellen, um die nationale Produktion nicht weiter zu schwächen. Die nationale Reisproduktion beispielsweise ging danieder, nachdem auf Drängen der USA Importzölle abgeschafft und der Markt in Haiti mit dem sogenannten „Miami-Reis“ überschwemmt wurde.
Aber zurück zum „Ereignis“. Bei unserem Eintreffen toben noch Kinder auf dem Platz. Seilchenspringen ist angesagt, einige Jungen üben sich in Kampfsportarten. An einem Ende des Platzes wird ein Leintuch aufgespannt, das als Leinwand dienen wird, für die Prämiere der beiden Kurzfilme, die einige Jugendliche aus dem Camp produziert haben. Immer mehr Kinder kommen mit Stühlen und anderen Sitzgelegenheiten und postieren sich vor der Leinwand.
Bevor es richtig losgeht kommt auch eine internationale Delegation vorbei, eskortiert von asiatischen UN-Soldaten der MINUSTAH. Interessiert erkundigen sie sich, was hier stattfinden wird. Erst sprechen sie mich an, in dem weit verbreiteten Trugschluss, dass es die Internationalen sind, die alles organisieren. Als ich sie an Yanik Lahens, die haitianische Schriftstellerin und Initiatorin dieses Projekts verweise, hören sie ihren Ausführungen aufmerksam und interessiert zu, vielleicht auch ein wenig verwundert. Die Nacht bricht ein und sie müssen los. Ich bleibe als einziger „blanche“, Weißer, zurück, unterhalte mich mit den Jugendlichen, deren Wissensdurst mich überrollt. Schnell ist der Platz brechend voll und ich empfinde es als sehr angenehm, dass sich nach einem kurzen Versuch mich hinter die eher symbolische Absperrung um die Vorführanlage zu holen keiner mehr um meine „Sicherheit“ kümmert. Es ist auch nicht nötig.
Alle schauen gebannt auf die Leinwand, spätestens als mit der ersten Bildsequenz klar wird das der Film über „ihr“ Camp handelt. Mit Zurufen wird kommentiert, wenn Jemand im Film auftaucht den sie kennen, Szenen werden kommentiert. Das Flattern der Leinwand im Wind stört Niemanden. Madeleine, die Stimme aus dem Off, auch wenn sie kindlich klingt, hört sich an, als ob sie das professionell betreiben würde. Weit gefehlt. Von den Jugendlichen, die in diesem Projekt aktiv waren, hat Niemand zuvor irgendetwas mit Film zu tun gehabt, geschweige denn eine Kamera oder ein Mikro in der Hand gehalten. Der erste Film ist einfach phänomenal, führt durch das reale Leben im Camp, einfühlsam auf eine beeindruckende Art, eben nicht voyeuristisch. Der zweite ist stärker von Interviews geprägt, zeigt aber auch die „Stärke“ der Menschen, zum Beispiel als ein kleines Mädchen erzählt wie sie das Erdbeben erlebt und erlitten hat.
Veröffentlicht von Dieter Müller am 06.04.2010 | 1 Kommentar
