





Wir betreten Camp Israel, mit geschätzten über 40.000 Menschen eines der größten Lager in Port-au-Prince, durch die „Hintertür“, den Petionville Club. Am Ende einer Sackgasse, gegenüber dem Eingang zur Residenz des US-Botschafters und neben einer großen Villa, Büro eines kanadischen Programms zur Stärkung des Gesundheitswesens in Haiti, liegt dieser „Country Club“, der nun Standort der 82nd Airborne Division der US-Armee ist. Die Menschen, die nach dem verheerenden Erdbeben, und auch angesichts des Gerüchts eines drohenden Tsunamis, in die riesige Parkanlage mit seinem 9-Loch Golfplatz strömten, kamen aus den benachbarten Vierteln, aber auch aus entlegenen Slums, wie Cité Soleil.
Die US-Armee und viele Nichtregierungsorganisationen haben hier wichtige Hilfe organisiert. Eine kleine „Grenzstation“ unterhalb des Clubs markiert aber eine deutliche Grenze zum Camp. Wir überschreiten sie in Begleitung der haitianischen Schriftstellerin Yanick Lahens, um auf der anderen Seite 10 Jugendliche abzuholen. Sie bilden eine der zwei Gruppen mit denen Yanick ein Videoprojekt organisiert hat, mit Hilfe einer Gruppe haitianischer Universitätsstudenten, die im Camp aktiv sind, einem jungen Cineasten und anderen Freiwilligen. Mit der US-Armee hat sie arrangiert, dass sie die Edition der Videodokumentationen mit den Jugendlichen im Club machen dürfen. Dort gibt es Strom, um den Computer anzuschließen.
Die Jugendlichen, 2 Mädchen und 8 Jungen warteten schon am „Check Point“ auf Yanick. Einer der Jungen spricht mich direkt an, fragt welche Sprachen ich spreche, und erklärt mir dann in gutem Englisch, wie wichtig es sei, dass wir sehen könnten unter welchen Bedingungen sie hier leben. Unter uns breitet sich ein riesiges Meer an Zelten und Plastikverschlägen aus. Eine Kleinstadt, in der es knapp 2 Monate nach dem Erdbeben, trotz der prekären Verhältnisse fast alles gibt, was man sonst in einem Viertel findet: Krämerläden, Friseur- und Schönheitssalons, Frauen die Erdnussbutter herstellen, Handyladestationen, mobile Telefonzellen, über die man auch Überseegespräche führen kann, usw.
In der vergangenen Woche hat erst einmal eine haitianische Psychologin mit den Jugendlichen, die sich zuvor meist nicht kannten, gearbeitet. Dann wurden sie in die organisatorischen und technischen Aspekte eingeführt und anschließend haben sie selber im Camp gefilmt und Interviews geführt. Heute beginnt diese Gruppe mit der Edition ihres Filmes. Konzentriert folgen sie den Erläuterungen des jungen Cineasten, der ihnen die nächsten Schritte erläutert, unterbrochen von Scherzen und Tuscheln. Der Schnittplatz ist direkt neben dem leeren Pool des Clubs aufgebaut, gleich nebenan der Arbeitsplatz eines Jugendlichen, der den Soldaten die ohnehin kurzen Haare trimmt. Sehr präzise und gefühlvoll, wie einer der US-Soldaten auf meine Nachfrage bestätigt.
Yanick, die mit ihrer Stiftung schon seit 2 Jahren versucht innovative Wege einzuschlagen, um Bildung und den Austausch unter Jugendlichen in Haiti zu fördern, hat diese Initiative gestartet. Sie berichtet voller Begeisterung, mit welchem Enthusiasmus und Engagement die Jugendlichen diese Herausforderungen angenommen haben und bedauert, dass von offizieller Seite kein Interesse daran bestünde diesen Ansatz aufzugreifen und zu multiplizieren. „Die Universität könnte doch wirklich die Studenten organisieren, um solche und andere Aktivitäten in den über 1.000 Camps durchzuführen, aber meine Bemühungen waren fruchtlos und ich kann und will das nicht alles selber organisieren. Wir brauchen ein Umdenken in Haiti, aber anscheinend sind diejenigen an den relevanten Stellen nicht in der Lage das zu begreifen.“ Unterstützung internationaler Organisationen könnte Yanick problemlos organisieren, aber im Gespräch sind wir uns schnell einig, dass eine große Finanzierung und die damit verbundenen Sachzwänge auch die Gefahr bergen solche Prozesse kaputt zu machen. Deshalb hat sie darauf verzichtet entsprechende Anträge zu stellen. Sie hofft aber, dass die Aufführung der Filme, die für kommende Woche im Camp geplant ist und deren anschließende Verbreitung im haitianischen Fernsehen und über youtube, andere anregen wird. Und darum geht es hier, ein Umdenken zu fördern. „Die einzige Chance für Veränderungen in Haiti sind die jungen Menschen und wir müssen neue, innovative Wege einschlagen, um sie zu erreichen.“
Zuvor hat sie unter anderem kleine Videobeiträge über erfolgreiche Unternehmungen produziert, die konkret und praxisbezogen aufzeigen sollen, dass Veränderungen möglich sind, hat Jugendliche aus der Ober- und Unterstadt in Workshops zusammengebracht.
Die Jugendlichen lassen sich durch unsere Anwesenheit überhaupt nicht ablenken. Sie sitzen wie selbstverständlich vor dem Laptop, an dem sie während der nächsten drei Tage den Schnitt und die Edition machen werden. „Ihr hättet sie vor 2 Wochen sehen sollen, sie sind nicht wiederzuerkennen“, so Yanick.
Wir sind gespannt auf die Ergebnisse und werden umgehend berichten, wenn die Filme zu sehen sein werden.
Veröffentlicht von Dieter Müller am 10.03.2010 | 0 Kommentare
