Die Rückgewinnung der eigenen Geschichte, die juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung der Verbrechen des Apartheidregime (von 1948 bis 1994) ist ein wesentlicher Faktor, um ein neues Südafrika mit einer selbstbewussten schwarzen Mehrheit aufzubauen. Wie schwierig und komplex dieser Prozess ist, zeigt die Arbeit von Khulumani, dem größten Zusammenschluss von Apartheid-Opfern in Südafrika. »Frei aussprechen« – das bedeutet Khulumani im südafrikanischen Zulu. Die Mitglieder der Selbsthilfegruppen haben sich diesen Namen gegeben, um die Vergangenheit wachzuhalten und das individuelle Schweigen der Opfer zu durchbrechen.
»Bevor wir uns in Südafrika eine gemeinsame Zukunft für alle Südafrikaner vorstellen können, müssen wir unsere Vergangenheit kennen und annehmen. Wir müssen die Wahrheit über Verschwinden lassen, Töten, Folter und andere Menschenrechtsverletzungen, die unter der Apartheid begangen wurden, öffentlich machen und die Täter beim Namen nennen« heißt es in den Grundsätzen von Khulumani. Khulumani wurde 1995 in Johannesburg gegründet. Mittlerweile gibt es über 70 Lokalgruppen in sieben Provinzen des Landes, in denen sich Apartheid-Opfer und Angehörige von Opfern regelmäßig treffen. Die Gruppen befinden sich überwiegend in den schwarzen Townships und werden zu über 90 Prozent von Frauen aus den ärmsten Schichten der Bevölkerung besucht. Nach der Gründung haben die Khulumani-Gruppen Menschen, die vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission aussagen wollten, Kontakte vermittelt und den oft schmerzhaften Prozess des Erinnerns begleitet.
Zum Gruppenalltag gehört das Erzählen der eigenen Verfolgungsgeschichte, aber auch die praktische Bewältigung des Alltags. Khulumani besorgt psychologische Einzelbetreuung dort, wo Menschen die traumatischen Erlebnisse der Apartheidzeit allein nicht bewältigen können und unterstützt seine Mitglieder mit juristischen Beistand, wenn es um die Durchsetzung von Entschädigungsforderungen geht.
Ähnlich wie die Mütter vom Plaza de Mayo in Argentinien sind die Khulumani-Gruppen zu einer Instanz in Südafrika geworden, wenn es um den Umgang mit den Opfern des Apartheid-Regimes geht. Die Frauen sind die Autoritäten in den Townships. Mit ihrem unnachgiebigem Beharren darauf, dass die vollständige Wahrheit über das Schicksal ihrer Angehörigen ans Tageslicht gebracht werden muss, bevor von Versöhnung die Rede sein kann, legen sie die Grundlagen für eine Kultur der Menschenrechte. Denn erst die Verarbeitung des geschehenen Unrechts schafft die Voraussetzung für Versöhnung. So ist es der Blick zurück, der eine neue Zukunft ermöglicht.
Die Post-Apartheid-Ära bringt neue Probleme mit sich. Enttäuschung und Wut herrscht gerade unter denen, die jahrzehntelang unter dem Apartheidregime gelitten und gegen die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit gekämpft haben. Denn bis heute hat das Ende der Apartheid für die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung keine entscheidende Veränderung gebracht; der soziale und ökonomische Status macht sich noch immer an der Hautfarbe fest. Die Namen für die alte und neue Apartheid: Armut, Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, AIDS... Daher verändert sich zunehmend die Aufgabe von Khulumani. Zentrales Thema ist nun die Entschädigung der Opfer. »Unser Ziel besteht nicht nur in finanziellen Reparationszahlungen. Aber die Menschen brauchen Renten. Sie brauchen medizinische Versorgung. Andere müssen ihre Kinder auf die Schule schicken können. Und etwas sehr Wichtiges: Die Angehörigen brauchen Gräber, sie brauchen Grabsteine«, so Khulumani. Im Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission wurden Entschädigungszahlungen in Aussicht gestellt. Doch viele Jahre passierte gar nichts. Versuche der Regierung, die Entschädigung zu verschleppen, sind u.a. durch den Protest von Khulumani vereitelt worden. In einer Presseerklärung macht die Gruppe die gesellschaftliche Gefahr der Verschleppung deutlich: »Ohne die Zahlung der Entschädigungssummen seitens der Regierung besteht die Gefahr, dass die Täter mehr Vorteile haben als die Opfer. Unsere Mitglieder sind noch immer marginalisiert. Sie kämpfen um soziale Anerkennung.« 2003 war die südafrikanische Regierung endlich bereit, eine Summe in Höhe von umgerechnet 3700 Euro an diejenigen Opfer zu zahlen, die vor der Kommission ausgesagt hatten. »Die Beiträge wurden einheitlich festgelegt, ohne ein System, dass die Menschen nach ihren individuellen Bedürfnissen einstuft«, kritisiert Ntombi Mosikare, die langjährige Leiterin von Khulumani. Die Organisation fordert
Mittlerweile gehört Khulumani zu den wichtigsten Organisationen, die die Interessen der Apartheid-Opfer und ihrer Angehörigen wahrnehmen. Zu diesem Zweck organisiert Khulumani zahlreiche Aktivitäten: Khulumani
Eine der Ursachen für die Ablehnung der Regierung, den Opfern Entschädigung zu zahlen, ist die hohe Verschuldung Südafrikas. Die Politiker des alten Regimes hinterließen dem demokratischen Südafrika eine Schuldenlast, die die soziale Zukunft des Landes ernsthaft gefährdet – eine Verschuldung, die vor allem durch die großzügige Kreditvergabe deutscher und Schweizer Banken entstehen konnte. Das demokratische Südafrika erbte 25,6 Milliarden illegitime Auslandschulden. Mit dieser Summe hätte das anfänglich vorgesehene Wiederaufbau- und Entwicklungsprogramm finanziert werden können, welches nicht zuletzt wegen Finanzmangel aufgegeben werden musste.
So ungerechtfertigt es ist, dass die Menschen im südlichen Afrika doppelt für die durch die Apartheid verursachten Schulden zahlen müssen, so berechtigt ist es, nach den zweifelhaften Profiten aus den Apartheidgeschäften zu fragen. Die Internationale Kampagne für Entschuldung und Entschädigung im südlichen Afrika, die in Südafrika von Khulumani und in Deutschland von medico unterstützt wird, fordert, dass die durch die Apartheid verursachten Schulden im südlichen Afrika gestrichen und die Opfer der Apartheid entschädigt werden. Banken und Konzerne sollen sich zu dem von ihnen begangenen Unrecht bekennen. Diese Forderungen wurden jahrelang von den Banken und Konzernen ignoriert. Daher hat Khulumani in den USA mit Unterstützung südafrikanischer und US-amerikanischer Anwälte 2002 Klage gegen zahlreiche Firmen, darunter auch fünf deutsche Banken und Unternehmen eingereicht. Die 22 beklagten internationalen Firmen hätten den Sicherheitsapparat durch Geschäfte gestützt, obwohl sie durch die Erklärungen und Abkommen der Vereinten Nationen bestens über den verbrecherischen Charakter des Apartheidregimes informiert waren. Diese Geschäfte waren illegal. Als Unterstützer in strategischen Bereichen des Unterdrückungsapparats der Apartheid seien sie somit als Helfeshelfer mitverantwortlich für die an den Apartheidopfern von Mitgliedern der Polizei, des Geheimdienstes und der Armee verübten Verbrechen und tragen damit heute Verantwortung für das fortgesetzte Leid der Menschen.
Stellvertretend für die Opfer der Apartheid in Südafrika und den betroffenen Nachbarländern erheben 91 Personen Klage. Sie sind alle Mitglieder von Khulumani. Die Kurzbiographien der 91 KlägerInnen erzählen von einem furchtbaren Schicksal der Betroffenen und ihrer Familien; ihre Geschichten zusammen beweisen die mörderische Brutalität des Systems und ihrer Vollstrecker in den Sicherheitsapparaten, besonders in der Polizei, dem Geheimdienst und der Armee; das Ganze ein Kaleidoskop der Wahrheit eines menschenverachtenden Regimes. Ziel der Klage ist eine angemessene Wiedergutmachung für die Apartheid. Die Opfer verlangen den gesellschaftlichen Anerkennung des gesellschaftlichen Unrechts. Die Klägerinnen verlangen umfangreiche soziale Programme für den Wiederaufbau und die Entwicklung von ganzen Gemeinschaften.
Neben der juristischen Aufarbeitung der Apartheid-Verbrechen können die Klagen ein Präzedenzfall zur Durchsetzung von menschenrechtlichen Standards gegenüber internationalen Unternehmen sein. Damit künftig alle Kreditgeber von Diktaturen wissen, dass am Ende das Gericht steht und sich Geschäfte mit dem Unrecht nicht lohnen. In diesem Sinne sollten gerade auch die deutschen Unterstützer der Apartheid, ob sie von den gegenwärtigen Klagen betroffen oder nicht, den Rat von Bischof Desmond Tutu beherzigen: »Sie sagten: Geschäft ist Geschäft. Redet mit uns nicht über Moral. Sie hätten wohl auch Geschäfte mit dem Teufel gemacht. Alle Unternehmen, die mit dem Apartheidregime Geschäfte gemacht haben, müssen wissen, dass sie in der Schusslinie stehen. Sie müssen zahlen, sie können sich das leisten. Und sie sollten es mit Würde tun. Dies wird Konzernen einen Anreiz bieten, künftig Geschäftspartner in Ländern vorzuziehen, die eine bessere human rights record haben«.
Ohne die Berücksichtigung der sozialen Folgen der Apartheid und die Entschädigung der Opfer kann es im Südlichen Afrika keine tragfähige Versöhnung geben. Für eine weitere demokratische Entwicklung ist eine tiefgreifende Veränderung der ökonomischen und sozialen Machtverhältnisse unerlässlich. Das ist Zukunftsarbeit für Südafrika.
medico international unterstützt Khulumani seit 1997. Sie können die Arbeit von Khulumani und die Kampagne für Apartheid-Entschädigung mit einer Spende unterstützen. Das Spenden-Stichwort lautet: Südafrika.
