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20.04.2011 Israel/Palästina

Keine Gute Zeit für Grenzgänger

Nachdenken über Juliano Mer Khamis und die ungewisse Zukunft des Freedom Theatre in Jenin, NZZ vom 20. April 2011

In einem Land der vielen sichtbaren und unsichtbaren Grenzen war Juliano Mer Khamis eine zutiefst irritierende Erscheinung. Israeli und Palästinenser zugleich, trug er die Grenze in sich. Er ließ sich nicht in das eine oder andere Lager zwängen, sondern zog es vor, auf der Mauer zu sitzen. Ein ungeschützter Ort. Vor seinem Freedom Theatre im Flüchtlingslager Jenin wurde er jüngst ermordet, mit mehreren Schüssen aus nächster Nähe regelrecht exekutiert.

Das Erbe der Mutter

Als Heranwachsender wollte Mer Khamis noch ein richtiger Israeli werden. Sprich ein Jude. Beide Elternteile waren zwar israelische Staatsbürger, doch sein Vater war Angehöriger der palästinensischen Minderheit. Juliano wurde Elitesoldat, doch die Identität, die er sich konstruiert hatte, brach in sich zusammen, als er zusammen mit den Kameraden einen alten Palästinenser zusammenschlagen sollte. Er schlug stattdessen auf seinen Kommandanten ein und wanderte ins Gefängnis. Solche inneren Widersprüche waren es, die ihn zu einer kraftvollen und faszinierenden Figur des israelischen Theaters und Kinos machten.

Nach Jenin im besetzten Westjordanland kam er in den Fußstapfen seiner Mutter, Arna Mer. 1987 entschloss sich die überzeugte Kommunistin, im Flüchtlingslager ein Kindertheater zu gründen. Es war nicht leicht für diese ungewöhnliche Frau, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, denn bis dahin hatten Israeli das Lager nur als Soldaten betreten. Auch nach dem Ausbruch der ersten Intifada blieb Arna ihren Kindern treu. Juliano begleitete seine Mutter immer wieder mit der Kamera. Arna starb 1994, und mit ihr das Theater. Während der zweiten Intifada erkannte Juliano einige der Kinder von damals in den Nachrichten wieder. Er kehrte ins als Terroristennest verschriene Jenin zurück und machte den Film «Arnas Kinder». Der Film ist ein bewegendes Porträt seiner Mutter, ihres Lebenswerks und ihres Krebstodes. Gleichzeitig dokumentiert er Leben und Tod einiger Jugendlicher, die in Arnas Theater mitgewirkt hatten. Aus den lachenden Heranwachsenden waren hartgesottene Kämpfer geworden, die auch vor Attentaten auf Zivilisten nicht zurückschreckten. Der Verlust, das Grauen und die Ausweglosigkeit, die «Arnas Kinder» schnörkellos dokumentiert, hinderten Juliano Mer Khamis nicht daran, in die Fußstapfen seiner Mutter zu treten. 2006 öffnete das Freedom Theatre erneut seine Pforten. Es war ein geschützter Raum, in dem junge Menschen ihre im Alltag erlebten Erfahrungen von Gewalt und Ohnmacht aufarbeiten konnten. Das so gewonnene Selbstwertgefühl ließ tradierte Hierarchien und reaktionäre Denkmuster hinterfragen. Auch blieb nicht mehr alles im Privaten: Auf der Bühne konnten die Jugendlichen sprechen, gehört und gewürdigt werden. Mit der Zeit wuchsen die Ambitionen. Es wurde die erste palästinensische Schauspielschule gegründet, und ihre Produktionen – orchestriert von Mer Khamis, der sich zu einem formidablen Regisseur entwickelte – gehörten zum Besten, was das palästinensische Theater zu bieten hatte.

Das Freedom Theatre wurde zu einem Ort grenzüberschreitender Solidarität im Zeichen der Besatzung. Im grellen Licht der Theaterscheinwerfer wurde ein Zweifrontenkampf geführt: gegen die Besatzung, die aus den Bewohnern Jenins Gefangene machte, die über Jahre hinweg kaum Kontakt zur Außenwelt hatten; und gegen die infolge von Isolation und Besatzung erstarkenden Denk- und Erklärungsmuster reaktionärer Provenienz. Diese doppelte Auseinandersetzung fand ihren Höhepunkt in der skandalumwitterten Inszenierung von George Orwells Parabel «Farm der Tiere», in der junge Palästinenser durch Besatzung (die Menschen) und eigene Obrigkeit (die Schweine) um ihre Lebenschancen gebracht werden.

Im Freedom Theatre herrschte eine ungewöhnliche Atmosphäre; es war eine Mischung aus alternativem Kunstbetrieb, in dem Menschen aus aller Welt durcheinanderwirbeln, und suburbanem Jugendzentrum, zudem ein Hort palästinensischer Gastfreundschaft. Das kam nicht bei allen gut an, obwohl Zakaria Zubeidi, Jenins Held der zweiten Intifada, und andere lokale Akteure ans Theater angebunden waren und sich bemühten, dessen Akzeptanz bei der Bevölkerung zu verbessern. In den letzten zwei Jahren erlebte das Theater bereits zwei Brandanschläge.

Und dann wurde am 4. April Juliano Mer Khamis erschossen. Zur Gedenkfeier im israelischen Haifa kamen zweitausend Menschen, darunter die Crème der israelischen Kulturszene und des Friedenslagers, Juden und Araber. Der Schock stand vielen ins Gesicht geschrieben. Der palästinensische Premierminister Salam Fayyad, die Fatah, die Hamas und sogar der extreme Islamische Jihad verurteilten den Mord aufs Schärfste. Doch an der Gedenkfeier in Jenin beteiligten sich nur wenige. Wer der Mörder ist und was seine Motive waren, steht noch nicht fest. Zurück bleibt aber der Eindruck, dass Jenin heute ein anderer Ort ist – finsterer als vor über 15 Jahren, als der Tod Arnas die Menschen in «ihrem» Jenin zutiefst berührte.

Unsichere Zukunft

Ob das Freedom Theatre diesen Verlust überlebt, bleibt trotz internationalen Solidaritätsbekundungen und der Entschlossenheit der Akteure, Julianos Werk weiterzuführen, zurzeit fraglich. Abgesehen von der Unmöglichkeit, den Weggefährten, den Mentor, das künstlerische Gravitationszentrum dieser einzigartigen Institution zu ersetzen, hängt nun ein Damoklesschwert über allen in Jenin: Der kaltblütige Mord und die zaghafte Reaktion vor Ort offenbaren, wie explosiv die Situation geworden ist. Von der Außenwelt abgeschnitten, in dichtbevölkerte Enklaven gedrängt und beeinflusst von jahrzehntelanger islamistischer Propaganda aus Saudi-Arabien, scheinen Teile der palästinensischen Bevölkerung in einen Strudel selbstzerstörerischer und kaum noch zu beherrschender, da atomisierter Gewalt abzudriften. Der jüngste, von militanten Salafisten im Gazastreifen begangene brutale Mord an dem pro-palästinensischen italienischen Aktivisten und Journalisten Vittorio Arrigoni ist ein weiteres Zeichen hierfür.

In Jenin fühlen sich momentan nicht einmal die dort beheimateten Schauspielschüler sicher. Der Unterricht soll weitergehen, bis auf weiteres im weltoffeneren Ramallah, das dank westlicher Auslandshilfe zu einem Biotop künstlicher Normalität geworden ist. Keine gute Zeit für Grenzgänger.

Erschienen im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung vom 20. April 2011, verfasst von Tsafrir Cohen.

FAZ-Anzeige am 08.04.2011:

Wir trauern um unseren Kollegen, Partner und Freund Juliano Mer Khamis, der mit der Sprache der Dichtung einen Weg in die Freiheit ebnen wollte. Als Sohn einer israelischen Jüdin und eines Palästinensers trug er die Grenze in sich und überschritt sie Tag für Tag, Stunde für Stunde, Herzschlag um Herzschlag.

Am 4. April 2011 wurde Juliano Mer Khamis vor seinem Theater in Jenin kaltblütig ermordet.

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Hier weitere Informationen zur Person Juliano Mer Khamis und zu seiner Arbeit im Freedom Theatre:

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