Die sozio-geografischen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen der Apartheid sind auch im heutigen Südafrika noch unübersehbar. Solche gesellschaftlichen Trennlinien zu überwinden, ohne die Geschichte dahinter in Vergessenheit geraten zu lassen, ist das Ziel des Direct Action Centre for Peace und Memory.
In Kapstadt ist die moderne Metropole mit ihren schicken Bars und Shoppingmeilen nur wenige Kilometer von den Townships der staubigen und unwirtlichen Ebene entfernt, in die die als "nicht-weiß" definierte Bevölkerung während der Apartheid zwangsumgesiedelt wurde. Solche weiter existierenden gesellschaftlichen Trennlinien zu überwinden, ohne die Geschichte dahinter in Vergessenheit geraten zu lassen - dafür steht das Direct Action Centre for Peace und Memory, kurz DAC.
Seit 1997 bietet das DAC sogenannte "Reisen in die Erinnerung" (Journey of Remembrance) zu Orten des schwarzen Widerstands gegen die Apartheid in den Townships an. Der Unterschied zu anderen Anbietern von solchen Stadttouren: Es handelt sich nicht um die sonst oft üblichen Führungen, bei denen die Besucher/innen von der Außenwelt abgeschottet in Bussen durch die Townships gekarrt werden und von dort heraus Fotos der "Einheimischen" schießen. Von den Bewohner/innen der Townships wurde der "Zoo-Charakter" solcher Touren oft beklagt. Stattdessen erlaufen sich die Tourteilnehmer/innen bei DAC große Teile der Townships, und die DAC-Mitarbeiter versuchen, die dortigen Bewohner mit in die Führung einzubinden, z.B. indem diese ihre eigenen Erinnerungen an ein bestimmtes Ereignis erzählen. Die DAC-Mitarbeiter erzählen zudem kein angelesenes Wissen, sondern ihre eigene Geschichte. Alle haben als Freiheitskämpfer in bewaffneten Widerstandsgruppen am Kampf gegen das Unrechtsregime teilgenommen, viele gehörten Umkhonto we Sizwe (MK) "Speer der Nation" an. Dabei handelte es sich um den bewaffneten Flügel des African National Congress (ANC), der Partei Nelson Mandelas, die heute im Post-Apartheid Südafrika die Regierung stellt. Da die meisten MK-Kämpfer seinerzeit oft mit 15 oder 16 Jahren die Schule und ihre Familie verlassen hatten, fanden sich die meisten nach dem "Sieg" 1994 als Verlierer wieder. Ohne Schulabschluss und Berufsausbildung endeten viele der Ex-Kombattanten als Arbeitslose, in der Alkohol- oder Drogenabhängigkeit in den Townships. Um sich von der Last ihrer Erfahrung, auch von Haft, Folter und Verrat, von Armut und Missachtung zu befreien, gründeten einige von ihnen 1997 das Direct Action Centre for Peace and Memory. "Wir wollten keine Opfer mehr sein", sagt Yazir Henri, einer der Initiatoren und heutiger Direktor. "Sicher, wir haben Furchtbares erlebt, aber wir sind Menschen, die an einem historischen Prozess teilgenommen haben, die ihn beeinflusst haben. Ohne uns gäbe es keinen Wandel. Lassen wir zu, dass sie uns aus der Geschichte streichen oder werden wir wieder Teil des historischen Prozesses?"
Mit der Initiative begannen die jungen Männer, sich Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, die für diese Stadtführungen erforderlich waren: sie lernten Englisch, machten den Führerschein, lernten Kommunikationstechniken und vieles mehr. Solche Selbsthilfe – auch im ökonomischen Sinn, denn die Touren werden gegen Bezahlung angeboten – verband sich mit der Wiederaneignung und Dokumentation der eigenen Geschichte des Widerstands gegen die Apartheid sowie des Übergangs zur Demokratie. Ziele waren und sind
Neben den Stadttouren bietet das DAC Workshops, Seminare und Tagungen für Student/innen, Schüler/innen, politische Aktivist/innen und andere Interessierte an. Die Themenschwerpunkte liegen auf der Auseinandersetzung mit historischen, politischen und sozio-ökonomischen Realitäten in Südafrika, Menschenrechten und psychosozialer Integration nach gesellschaftlichen Konflikten. Die "Mothers Support Initiative" des DAC unterstützt Mütter und Witwen ehemaliger Befreiungskämpfer und deren Familien.
Gleichzeitig engagiert sich das DAC in der Netzwerkarbeit auf vielfältigen Ebenen mit anderen psychosozialen Organisationen. Das Ergebnis solcher Kooperationen sind z.B. Peace-building Workshops, die dieser verhärtet männlichen, von Krieg und Gewalt gezeichneten Generation den Rückweg in und das Recht auf ein Gefühlsleben ermöglichen soll. Im Anti-Apartheid-Kampf entwickelte sich innerhalb der Mehrheitsgesellschaft der "Nicht-Weißen" eine sozial hoch respektierte Version männlicher Identität als Freiheitskämpfer – jener Männer vor allem im ANC, die ihre Männlichkeit in permanenter Konfrontation mit der Polizei, dem Militär und der weißen Minderheit bewiesen. Das DAC bietet Seminare und Selbsterfahrungskurse für Ex-Kombattanten an, in denen es darum geht, über eine gemeinsame Verarbeitung ihrer traumatischen Erfahrungen hinaus innere Kraftquellen zu entdecken, persönliche Zukunftsvisionen und gewaltfreie Formen von Männlichkeit zu entwickeln. Sie nennen dieses Programm "Warriors for Peace" – Krieger für den Frieden.
Um den Austausch zum Thema "Gewalt, Gewalterfahrungen und Identität "schwarzer" Männer" mit anderen Organisationen zu fördern, organisierte DAC am 3. und 4. März 2008 in Kapstadt eine von medico geförderte Konferenz unter dem Titel "Working for Peace. Black Men Transforming Identities and Memories of Violence" (Friedensarbeit: Schwarze Männer transformieren Identitäten und Erinnerungen von Gewalt). "Wir überschreiten historische und geographische Grenzen", sagt Yazir Henri, "aber wir verbinden auch die traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit mit der Fortexistenz von Trauma und Gewalt in der Gegenwart. Das gibt uns den sozialen Respekt zurück, und wir können plötzlich sehen, dass wir wieder Geschichte machen. Wir haben das Schweigen über die anderen Geschichten gebrochen."
