01.01.2008 Angola

Nach dem Schrecken

Überlebende von Minenunfällen auf dem langen Weg in ein neues Leben

Mehr als nur ein neues Bein

Während des Jahrzehnte andauernden Krieges wurden von allen Kriegsparteien Millionen Landminen verlegt. Noch heute ist Angola eines der am meisten verminten Länder der Welt. Die Minen stellen eine permanente Gefahr für die Bevölkerung dar, sie verhindern die Rückkehr zum Alltag. In der Provinzhauptstadt Luena im äußersten Osten Angolas gründete medico international 1996 gemeinsam mit Partnerorganisationen ein Rehabilitationszentrum für Minenopfer. Ausgangspunkt für die Projektarbeit vor Ort waren die Aktivitäten im Rahmen der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen, die medico 1992 gemeinsam mit Partnerorganisationen initiiert hat und die 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Seit 2001 leiten ausschließlich angolanische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Zentrum zur Unterstützung von Gemeindeförderung und Gemeindeentwicklung (Centro de Apoio à Promoção e Desenvolmimento de Comunidades, CAPDC). "Landminen bedrohen nicht nur das Leben einzelner Menschen, sondern zerstören auch die sozialen Strukturen", so der Leiter von CAPDC, Fernando Miji.

Das Projekt setzt sich aus unterschiedlichen Facetten zusammen, dazu gehört die psychosoziale Betreuung von Menschen, die aufgrund eines Minenunfalls (oder durch einen anderen Unfall) einen Arm oder ein Bein verloren haben, die Anpassung von Prothesen (durch die US-amerikanische NGO Vietnam Veterans of America Foundation), physiotherapeutisches Training sowie die Aufklärung über die Gefahr von Minen, um weitere Unfälle – vor allem von Kindern - zu vermeiden. Diese gemeindeorientierte Arbeit folgt dem Gedanken, dass ein Minenunfall die gesamte Gemeinde betrifft und die Vereinzelung der Betroffenen verhindert werden muss.

Direkt nach einem Minenunfall besuchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von CAPDC die Opfer im Krankenhaus. Sie spenden Trost, sprechen mit Pflegern und Angehörigen. Viele Überlebende reagieren nach dem Unfall so geschockt, dass sich dies in Aggressivität äußert. Sie fühlen sich schuldig und haben Sorgen, ihrer Familie zur Last zu fallen. Und tatsächlich ist die Armut so gravierend, dass eine zukünftige Versorgung sehr schwer ist. Bereits im Krankenhaus sind die Überlebenden auf die Unterstützung der Familie angewiesen, weil es dort keine Nahrungsmittel gibt. Der Minenunfall ist eine dauerhafte Verletzung des Körpers, eine traumatische Erfahrung, die die Betroffenen für den Rest ihres Lebens begleitet. Die lebenslange Perspektive der Behinderung ist für viele eine unerträgliche Vorstellung. Daher ist die Begleitung durch Sozialarbeiter/innen von so großer Bedeutung. Die Sozialarbeiterinnen und –arbeiter von CAPDC unterstützen die traumatisierten Menschen bei ihrem Weg, ihr verändertes Leben nach dem Minenunfall zu gestalten. In Gruppengesprächen tauschen sich die Überlebenden aus und suchen gemeinsam nach Veränderungsmöglichkeiten. Für die Patientinnen und Patienten ist das Zentrum von CAPDC im Stadtkern Luenas, wo sich die Prothesenwerkstatt befindet, zugleich ein Schutzraum, der ihnen Geborgenheit gibt. Diesen Schutzraum auch auf die Lebenswirklichkeit außerhalb des Zentrums auszuweiten, haben sich die Sozialteams zur Aufgabe gemacht. Die Umstellung auf die Prothese stellt die Menschen vor psychische und physische Probleme, ruft sie doch den Moment des Unfalls schmerzhaft in Erinnerung. Auch Rückschlage gilt es zu verkraften. Auf einer Trainingsstrecke werden kaputte Autoreifen oder Steine eingesetzt, damit die Menschen lernen, auch Stress zu ertragen, hinzufallen.

Florence Casova Miguel ist 29 Jahre alt. Vor 5 Jahren passierte der Unfall. Ihre Mutter war krank und bat sie, auf der Farm zu helfen. Sie wusste nicht, dass die Regierungsarmee die Region vermint hatte, um sich gegen Überfälle der Rebellenbewegung UNITA zu schützen. Bei der Feldarbeit trat sie auf eine Mine. »Nach dem Unfall fühlte ich einen so unerträglichen Schmerz, dass ich dachte, mein Leben wäre zuende. Alles war aus den Fugen geraten. Als ich im Krankenhaus aufwachte, war mein Bein amputiert. Ich wusste nicht, wo mein Sohn war und wie es weitergehen soll. Später trennte sich mein Mann von mir, da ich meinen Sohn nicht mehr versorgen konnte. Drei Monate blieb ich im Krankenhaus. Direkt von dort bekam ich bei CAPDC Gesprächsmöglichkeiten und eine Prothese.«
Heute arbeitet Florence Casova Miguel im Rehazentrum in der Küche mit und lebt wieder mit ihrer Familie zusammen. »Ich bin froh, dass im Rehazentrum Behinderte eingestellt werden. Das ermöglicht mir ein eigenständiges Leben.«

Das Prothesenzentrum von CAPDC bietet derzeit einen Tagesbetrieb an, der auch die Möglichkeit umfasst, in Gruppengesprächen die Erfahrung des Minenunfalls und die Folgen mit Sozialarbeitern und anderen Betroffenen zu teilen. Während dieser Zeit erhalten die Betroffenen eine Prothese und lernen – dank des physiotherapeutischen Trainings –sicher mit der Prothese laufen zu können. Das Laufen ohne Krücken ermöglicht es den Minen-Versehrten die Hände für etwas anderes zu benutzen - eine wichtige Voraussetzung dafür, ein selbstständiges Leben führen zu können. In der Prothesenwerkstatt von Luena fertigen lokale Techniker Prothesen für die Überlebenden von Minenunfällen an. Einige der lokalen Techniker sind selbst Prothesenträger. Sie betrachten die Prothetik aus der Perspektive eines Betroffenen, bringen ihre Erfahrungen konstruktiv in die Arbeit ein und haben darüber hinaus eine Verdienstsmöglichkeit. Landwirtschafts- und Kleintierprojekte als eine Lebensgrundlage für mehrere Hundert Menschen verbessern gleichzeitig das Zusammenleben und -arbeiten von Behinderten und Nichtbehinderten. Frauen, darunter vor allem Amputierte, bekommen durch die Vergabe von Kleinkrediten die Chance, finanziell unabhängig zu werden. "Doch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können die Gesellschaft nicht revolutionieren", berichtet Karin Urschel, Leiterin der Projektabteilung von medico. Was das bedeutet, wird an der ungleichen Arbeitsbelastung der Geschlechter deutlich. So lernen die Frauen, mit der Prothese zu laufen und dabei einen 20 Liter Eimer Wasser auf dem Kopf zu transportieren und ein Kind zu tragen, während es für die Männer ausreicht, mit der Prothese laufen zu lernen.

Einige der Überlebenden werden nach dem Unfall so schwer depressiv, dass sie es nicht schaffen, die Kontrolle über ihr Leben zurückzuerobern. Karin Urschel traf während ihres letzten Besuches in Luena eine Frau, die nach dem Unfall noch sechs Kinder bekam – weil sie mental nicht in der Lage war, sich gegen die sexuellen Übergriffe zu wehren. Zudem war sie weder psychisch noch ökonomisch in der Lage, sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern.

CAPDC versucht der Diskriminierung von Behinderten entgegen zu wirken. Doch nach wie vor verlassen viele Familien die Amputierten nach dem Unfall. Auch von der angolanischen Regierung gibt es bisher keine Bereitschaft, sich in ausreichender Weise um die Versorgung der Kriegswaisen zukümmern. Viele, aber längst nicht alle Betroffenen können in ihre Herkunftsfamilien zurückkehren. Zu oft wurden Familien durch den Krieg auseinander gerissen – teilweise befand sich fast ein Drittel der angolanischen Bevölkerung auf der Flucht. All diese Faktoren tragen zu einer Individualisierung (von Gesundheit) bei. Zuverlässige Zahlen gibt es nicht, aber die Straßen der angolanischen Städte zeigen, dass viele der auf sich gestellten Behinderten schnell verelenden und bald sterben. Auch die Programme zur ökonomischen Unterstützung funktionieren nicht von alleine: Das Wiedererlangen von psychischer Stabilität ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen.

In der Projektpraxis muss berücksichtigt werden, dass die angolanischen Mitarbeiter selbst im Krieg aufgewachsen sind, viele haben Verwandte verloren oder ihre Familien wurden auseinander gerissen. Gleichzeitig erfordert es ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und eine innere Balance, anderen Menschen eine Motivation zum Weiterleben zu geben. Eine paradoxe Angelegenheit und zugleich Ausdruck von Kraft und Mut. Um ihre Erfahrungen weiterzugeben, haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von CAPDC ein Arbeitsheft für den Umgang mit traumatisierten Menschen verfasst.

Mit der Projektarbeit in Angola hat sich medico immer wieder ins Handgemenge begeben. Durch die offene Kritik an der angolanischen Regierung drohte einem deutschen medico-Kollegen sogar die Ausweisung. medico hat stets den Kontakt zu den wenigen Bürgerrechtlern gesucht, zu kritischen Journalisten und Kirchenleuten. Die Hilfs- und Menschenrechtsorganisation arbeitet auf internationaler wie nationaler Ebene. Mit der Anti-Landminenkampagne und mit der Kampagne Fatal Transactions gegen den Handel mit Konfliktdiamanten und für eine gerechtere Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums. Auch in extremen Nachkriegssituation wie in Angola kommt es darauf an, die Eigeninitiative der Menschen zu stärken. Nur so lässt sich vermeiden, dass Menschen zu passiven Hilfsempfängern degradiert werden und sich ihre Ohnmacht noch verlängert. Die Devise lautet, Hilfe überflüssig zu machen.

Der Minenopfer-Fonds

Mit Ihrer Spende finanziert medico international die aufwendige Arbeit des Minenräumens, Maßnahmen zur psychischen und physischen Rehabilitierung der Überlebenden von Minenunfällen sowie die Aufklärung der Bevölkerung über die von Minen ausgehenden tödlichen Gefahren. Diese Arbeit können Sie mit Ihrer Spende konkret unterstützen.

Spendenkonto 1800
Frankfurter Sparkasse BLZ 500 502 01
Stichwort: Minenopfer

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