medico international

01.11.2007 Brasilien

Amazonische Reisen

Sozialmedizinische Projekte in den Regenwäldern von Acre

Der Bundesstaat Acre liegt im äußersten Nordwesten Brasiliens an der Grenze zu Peru und Bolivien und ist halb so groß wie Deutschland. Fast ganz Acre ist von Regenwald bedeckt, zahllose Flussläufe durchziehen das Land. Ein Teil der Bevölkerung ist indigener Herkunft und lebt in extremer Armut. In Zusammenarbeit mit der Selbstorganisation der Indígenas, der União das Nações Indígenas (UNI), leistet medico sozialmedizinische Projekthilfe, die 2003 mit Fortbildungskursen für Hebammen begann.

Die Leute des Waldes und die Farbe Grün Will man von einem Projekt erzählen, kann es vorkommen, das zuerst eine Geschichte erzählt werden muss, die an einem ganz anderen Ort spielt und von ganz anderen Menschen handelt. So beginnt die Geschichte, die medico mit den "povos da floresta", den "Leuten des Waldes" im unwegsamen Amazonasbecken Brasiliens zusammenbringen wird, im Leipziger Grassi-Museum. Dort erfährt der Berliner Maler Michael Müller, dass die Indígenas Amazoniens keine Übersetzung für unser Wort "Grün" kennen, wohl aber zahllose Ausdrücke, die bestimmte Schattierungen dieser Farbe meinen, etwa den Ausdruck "Blatt, das nach dem Regen in der Sonne glänzt." Das interessiert Müller, weil er Maler ist; ein Stipendium der brasilianischen Botschaft ermöglicht ihm 1993 die erste Reise nach Acre. Weitere Reisen folgen der ersten, weitere Bilder entstehen. Aus den Wäldern bringt er aber nicht nur Bilder, sondern auch eine Idee mit. Er will diese Bilder in Deutschland verkaufen und mit dem Erlös ein medizinisches Projekt in Acre finanzieren. Denn die Verhältnisse, unter denen die Indígenas Acres leben müssen, haben nicht nur mit den Bedingungen des Waldes, sie haben auch mit jahrhunderterlanger Unterdrückung und Armut, mit Rechtlosigkeit und dem Ausschluss vom Reichtum des eigenen Landes zu tun, auch mit dem Kampf um Rechte und bessere Lebensbedingungen, der von der UNI geführt wird. In Frankfurt kommt Müller mit dem Klimabündnis, einem Zusammenschluss von über 1.000 europäischen Städten, die sich mit den indigenen Gesellschaften Amazoniens für den Erhalt des Regenwaldes einsetzen, und mit medico international zusammen. Müller wird 100 Bilder malen, die zusammengesetzt ein einziges riesiges Gemälde ergeben, dessen Gegenstand die Farbe Grün sein wird. Das Klimabündnis versucht, dieses Gemälde in seinen Einzelbildern für jeweils 2.500 Euro an seine Mitgliedskommunen zu verkaufen. Mit dem Erlös wird medico international gemeinsam mit Partnerorganisationen in Acre sozialmedizinische Projekte initiieren, mit denen die Gesundheitssituation der Leute des Waldes ebenso verbessert werden kann wie ihre soziale und politische Position in der brasilianischen Gesellschaft. 2003 ist es soweit: die Aktion ist gelungen, die Bilder sind verkauft, und mit einem Fortbildungskurs für indigene Hebammen beginnen medico und die Grupo das Mulheres Indígenas (GMI), die Frauengruppe der UNI, ihre Kooperation.

Weit im Westen, an der Grenze Der Bundesstaat Acre ist Brasiliens "last frontier" und bietet nahezu alles, was man von solchen Grenzregionen kennt. Die erste große Einwanderungswelle erlebte das Land Ende des 19. Jahrhunderts, als Tausende armer Weißer versuchten, mit dem Zapfen und Verarbeiten des von den Industrien der USA und Europas heiß begehrten Kautschuks ihr Glück zu machen. Heute ist Kautschuk zwar noch immer das hauptsächliche Exportprodukt Acres, doch sind die Preise zwischenzeitlich um ein Vielfaches gefallen. Die Kautschukzapfer, Seringueiros genannt, darunter längst auch Mischlinge und Indígenas, gehören zu den Armen Acres, leben meist in einfachen palmbedeckten Hütten und müssen zusätzlich als Jäger und Ackerbauern arbeiten. An den Ufern der Flüsse siedeln die Riberinhos, auch sie Weiße oder Mischlinge, die von der Fischerei und kleiner Landwirtschaft leben. Arm sind schließlich auch die indigenen Gesellschaften, die meistens den Sprachgruppen der Pano und der Aruaque angehören. Zu den Pano gehören u.a. Kaxinawás, Yawanawás und Kaxararis, zu den Aruaque die Kulinas und Kampas. Alle leben von der Jagd, vom Fischfang, vom Ackerbau und vom Sammeln, pflanzen Manjok, Mais, Baumwolle, Tabak und andere Früchte an. Ihr Zusammenhalt gründet im Gemeineigentum, großen Einfluss genießen die Pajes, heilkundige Priester, die ihr Wissen über Heilpflanzen und Riten mündlich überliefern. Über Jahrzehnte wurde Acre von den Kautschukgesellschaften, von nationalen und internationalen Minen- und Holzwirtschaftsunternehmen und den Familien der Viehzüchter beherrscht, die von der früheren Militärdiktatur mit günstigen Subventionen ins Land gelockt wurden und dort seither eine extensive Weidewirtschaft betreiben. Je auf ihre Weise kämpften Seringueiros, Riberinhos und die Indígenas gegen die Ausplünderung der Reichtümer des Landes, vor allem gegen die rückhaltlose Rodung des Regenwaldes durch die Viehzüchter, mit der sie von ihrem Grund und Boden vertrieben wurden. Internationales Aufsehen löste im Dezember 1988 die Ermordung des populären Gewerkschaftsführers und Umweltaktivisten Chico Mendes aus. Seit 1999 stellt die Partido dos Trabalhadores (PT), die Arbeiterpartei, die Regierung des Bundesstaates, auf Veränderung hofft deshalb auch die UNI, die Selbstorganisation der Indígenas.

Medizin am Fluss: die Hebammen Mit dem Ertrag der Bilder Michael Müllers haben medico und die Frauen der Grupo das Mulheres Indígenas jetzt die Chance, die medizinische Versorgung der Indígenas wie der armen Weißen zu verbessern. Als Pilotprojekt fungierten dabei Fortbildungskurse, an denen in den indigenen Gemeinden Tarauacá, Tramaturgo, Jordão und Santa Rosa jeweils zwischen zwanzig und dreißig indigene Hebammen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Erfahrung teilgenommen haben. Die Kurse wurden von zwei ausgebildeten Krankenschwestern geleitet und zeitweilig von Ärzten unterstützt. Das erste Problem, das dabei gemeistert werden musste, war das Sprachproblem. Die wenigsten Hebammen sprechen portugiesisch, alle sind Analphabetinnen, übersetzt werden musste gleichzeitig in verschiedene indigene Sprachen. Die Kenntnisse zur Ausübung ihres Berufs haben die Frauen von Großmüttern, Müttern oder Schwestern erhalten, einige von anderen Hebammen, manche mussten aus akuter Not ohne jede Anleitung anfangen, Geburtshilfe zu leisten. Obwohl einige schon zehn, andere sogar schon mehrere hundert Geburten begleitet haben, fehlt allen ein wirklich systematisches Wissen, vor allem um die Notwendigkeit zureichender Geburtshygiene. Viele Frauen verfügen über keinerlei anatomische Kenntnisse, kaum eine besitzt Medikamente und medizinisches Gerät. Und natürlich fehlt allen die Anerkennung dessen, was sie unter diesen Umständen trotzdem leisten – von einer angemessenen Bezahlung ganz abgesehen. Am deutlichsten wird das in den Fällen, wo eine absehbar schwierige Geburt oder die Erkrankung einer Schwangeren andere, ärztliche Hilfe erfordert. Die Hebammen sind erfahren genug um zu wissen, wann ihre Fertigkeiten nicht mehr ausreichen; in solchen Fällen begleiten sie die Frauen in eine der oft weit entfernten Gesundheitsstationen, nach Möglichkeit in ein Krankenhaus. Kommen sie dort nach mitunter tagelanger Bootsfahrt an, machen weiße Ärzte ihnen klar, dass sie "nur" Indígenas, "bloß" Frauen und ungelernte Hebammen ohne formelle Anerkennung sind: Schon an der Tür werden sie barsch abgewiesen, oft hört man sich nicht einmal an, was sie über die Frauen zu sagen wissen, für deren Überleben sie bis dahin gesorgt haben. Mit all' diesen Problemen beschäftigt sich die Fortbildung, die der Kurs bietet. Das Wissen, das ihnen die Schwestern und Ärzte vermitteln, sucht traditionelle Heilkunde und westliche Medizin zu verbinden, sowohl was die Techniken als auch, was die Medikamente angeht, zu denen eben nicht nur Tabletten, sondern auch traditionelle Heilpflanzen gehören, die oft als Tee gereicht werden. Weil erweiterte Kenntnisse nichts nützen, wenn die Mittel fehlen, sie anzuwenden, erhält jede der Frauen einen Koffer mit medizinischem Gerät, Hilfsmitteln und Arzneien, auch mit Formularblöcken, auf denen Hausgeburten dokumentiert werden können. Die Zusammenkunft der Frauen im Kurs, der Austausch von Erfahrung, die Gelegenheit, im eigenen Namen und in der eigenen Sprache das Wort zu ergreifen, sind der Anfang eines Prozesses der Selbstorganisation. Dessen Ziel ist die Gründung einer Vereinigung der indigenen Hebammen Acres, die damit auch eine politische Stimme gewinnen werden. Einer Stimme, die sie übrigens nicht nur gegenüber den weißen Ärzten und den staatlichen Behörden hörbar machen wird, von denen sie die Anerkennung, die materielle Unterstützung ihrer Arbeit und schließlich eine Bezahlung fordern, sondern auch gegenüber den Männern in den eigenen Familien und Gemeinden, sogar gegenüber den Männern der UNI. Deshalb haben medico und die Grupo das Mulheres Indígenas großen Wert darauf gelegt, dass die Kurse unter Verantwortung der GMI durchgeführt wurden, auch in finanzieller Hinsicht. Der nächste Schritt ist die individuelle Nachbereitung der Kurse. Dabei werden die Schwestern die Frauen vor Ort aufsuchen und eine Zeitlang in der täglichen Arbeit begleiten.

Vieles bleibt da noch zu tun, nicht nur unter den Frauen und nicht nur unter den Indígenas, auch unter den Seringueiros und Riberinhos, die sich ebenfalls zu den "povos da floresta" zählen. Das fängt mit der Bewahrung der traditionellen Heilkunde und ihres Wissens an, die manchmal mit einfachen Mitteln erreicht werden kann: mit einem Kassettenrecorder zum Beispiel, den medico einem alten Heiler zur Verfügung gestellt hat. Der wird so sein Wissen weitergeben, auch seine Kenntnis heilbringender Pflanzen und ihres Gebrauchs. Sein Sohn wird die Bänder transkribieren. Auf ihrer Grundlage kann dann mit der Anlage kommunaler Kräutergärten begonnen werden. Zur Organisation präventiver und kurativer Gesundheitskampagnen werden weitere Kurse abgehalten, in denen Gesundheitspromotorinnen und -promotoren ausgebildet werden, die dann die weit im Wald verstreuten Siedlungen bereisen. Auch Bilder bleiben noch zu malen, Bilder, die Blätter zeigen, "die nach dem Regen in der Sonne glänzen".

Wir bitten um Ihre weitere Unterstützung unter dem Spendenstichwort: Brasilien.

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