
Das Verhältnis zwischen demokratischer Partizipation und ihre Voraussetzung für das was man gesundheitliche Eigenverantwortung nennt, ist, ein heiß umkämpfter Begriff. Im Feld Gesundheit gibt es eine ganze Menge Fachleute, Schulen, Alternativärzte, Ernährungsspezialisten, Gesundheitsökonomen, Krankenhausplaner und Gesundheitspolitiker. Vor allem sollen wir alle zu Fachleuten unserer eigenen Gesundheit werden. Die Ratgeberliteratur in Buchhandlungen nimmt ganze Buchwände ein und die bunten Lifestylemagazine wären kaum halb so dick ohne die Berichte und Empfehlungen für ein gesundes Leben. Krankenkassen werben mit Prämien und Kursen für gesundheitsförderliches Verhalten. Dass jede und jeder seiner eigenen Gesundheit Schmied ist passt zum herrschenden Trend der Eigenverantwortung für Leben, Einkommen und Schicksal. Es hat die unmittelbare Überzeugungskraft der unmittelbaren Anschauung. Mein Suchtmittelkonsum, meine mangelnde Disziplin beim Essen und beim Sport machen mich fett, krank und hässlich. Jeder Kater am Morgen nach durchzechter Nacht, der keuchende Atem auf der Treppe, jedes zusätzliche Pfund auf der Waage geben dem neoliberalen Dogma von der Selbstverantwortung recht. Und doch unterschlägt dieser einleuchtende Zusammenhang eine nicht weniger wichtige Tatsache. Dass es sich bei dem gesundheitsförderlichen Verhalten um ein voraussetzungsvolles handelt.
Voraussetzungen müssen geschaffen werden, damit ein solches Verhalten möglich ist. Gesunde Ernährung entscheidet sich zum Beispiel am Preis und an der Verfügbarkeit. Frische Lebensmittel im Vergleich zur industriellen Fertignahrung vor allem aber auch an der verfügbaren Zeit zu ihrer Zubereitung, die in Zeiten von Doppel- und Dreifachjob im Niedriglohnsektor des Wirtschaftsboomlandes Deutschland wesentlich den sozialen Status markiert. Und erst dann wird deutlich welcher gesellschaftliche Sprengstoff sich eigentlich hinter einer „slow food“ Bewegung verbergen müsste, wenn sie einen Blick auf eben diese Voraussetzungen werfen würde.
Nimmt man solche gesellschaftliche Faktoren für das gesunde Leben in den Blick, so wird deutlich, dass ein individuelles Handeln gar nicht ausreichen kann, vielmehr kollektive Anstrengungen von Nöten sind den alten Anspruch von einem bestmöglichen gesunden Leben für alle zu realisieren, den sich die Weltgesundheitsorganisation bei ihrer Gründung 1946 selbst ins Stammbuch schrieb. Nötig ist das auch, weil sich ohne einen strukturellen Blick auf die Bedingungen für das richtige gesunde Verhalten, alle derartigen Initiativen typischerweise nur diejenigen erreichen, denen es sowieso schon besser gelingt ihre individuellen Gesundheitspotentiale zu stärken, die genügend soziale und finanzielle Ressourcen dafür haben. Die soziale Kluft zwischen den Gesunden und den von Krankheit bedrohten oder bereits betroffenen wächst anstatt sich zu schließen. Und nötig ist dafür auch die Gesundheit aus dem festen Griff der Experten für Krankheiten, Statistiken und Finanzierungsfragen zu lösen, eine gemeinsame Entscheidung über strukturelle Bedingungen von Gesundheit und Krankheit zu entwickeln.
Solche Gesundheitsbewegungen, die eben auch die sogenannten Laien und nicht nur die Fachleute alleine einschließen können in ganz verschiedenen Formen entstehen und sich zu Wort melden. Die Bewegungen für ein demokratisches Gesundheitswesen zum Beispiel Ende der 60er Jahre in Deutschland thematisierten vor allem die vordemokratischen, fast feudalen Hierarchieverhältnisse in Krankenhäusern und den Klassencharakter einer Medizin, der bis heute auch hier zwischen Privat- und Kassenpatienten unterscheidet.
In Brasilien engagierte sich eine starke Gesundheitsbewegung im Prozess der Überwindung der Militärdiktaturen in den 80er Jahren und erreichte die Erschaffung eines in der Verfassung verankerten öffentlichen Gesundheitsdienstes, der sich an den Zielen Universalität, gerechte Mittelverteilung und gesellschaftliche Mitbestimmung orientierte. In Indien kooperieren lokale Gesundheitsinitiativen mit staatlichen Menschenrechtsbeauftragten und stellen in Gesundheitstribunalen strukturelle Mängel und Diskriminierung von ethnischen Minderheiten oder Aidspatienten in den öffentlichen Gesundheitszentren an den Pranger. Sie erreichten durch eine landesweite Kooperation, dass sich inzwischen Gemeindekomitees entwickeln, die die Arbeit der Gesundheitszentren kritisch beurteilen. Denn erst wenn individuelle Gesundheitsverhaltensförderung eingebunden ist in solch eine strukturelle Mitgestaltung des Gesundheitswesens mit den Beteiligten, also potentiell allen BürgerInnen, kann sie der Gefahr entgehen allein zu einem Instrument in neoliberaler Schuldzuschreibung zu werden, wie sie dem Diskurs der Selbstverantwortung immer potentiell zu Eigen ist.
