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medico-Rundschreiben 3/2003Die Zukunft der Vergangenheit |
Vor 25 Jahren beschloss die Weltgesundheitsorganisation (WHO)
in Alma Ata das Ziel »Gesundheit für alle« –
Viele Überlegungen sind nach wie vor gültig.
September 1978: In Alma Ata (Kasachstan) geht eine Konferenz zu Ende, die eine
fast utopisches Ziel für die Gesundheit der Menschen der Welt beschließt:
Gesundheit und Wohlbefinden für alle bis zum Jahr 2000.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Unicef hatten zu diesem Anlass 134
Delegierte der UN-Mitgliedsstaaten versammelt. Diese Utopie zehrte aber nicht
vom Traum eines allmächtigen Medizinsystems, das alle Krankheiten ausrotten
würde, – wie es die heutigen Träume der Biopolitiker und Gentechnologen
versprechen –, sondern von den beeindruckenden Erfahrungen in den Ländern der
60er und 70er Jahre, in denen radikale politische Änderungen auch zu
fundamentalen Verbesserungen der Gesundheitssituation der armen Bevölkerung
geführt hatten. Vorbild waren beispielsweise die Barfußärzte in der
Volksrepublik China. Solche Innovationen ermöglichten eine
Ressourcenumverteilung im Gesundheitswesen, das zuvor allein den städtischen
Eliten und Mittelschichten zugänglich war. Entscheidender noch war jedoch, dass
die WHO und damit Vertreter von 134 Regierungen in Alma Ata Bedingungen für eine
zureichende Gesundheit benannten. Sie berücksichtigten explizit politische und
sozioökonomische Faktoren als Ursachen für Krankheit. Wer also »Gesundheit für
alle« ernsthaft erreichen wollte, der musste sich auch mit der Beseitigung
solcher Krankheitsfaktoren wie Krieg, Hunger, Armut beschäftigen. Darüber hinaus
war es einhellige Auffassung der Delegierten, dass die Verbesserung von
Gesundheit einer multisektorale Anstrengung bedarf.
Nicht das Gesundheitssystem allein sollte für die Erreichung des Zieles
verantwortlich sein. Trinkwasser, sanitäre Systeme, Ernährung, Wohnen,
Gewaltprävention wurden als zentrale Arbeitsfelder der Gesundheitsförderung
betrachtet. Die demokratische Beteiligung der Betroffenen definierten sie als
Voraussetzung für »Gesundheit für alle«. Demokratie war hier kein
deklamatorisches rotes Schwänzchen, sondern beinhaltete die Idee, dass die
Dezentralisierung von Entscheidungen, die Nutzung lokaler Ressourcen und die
Beteiligung der Betroffenen zugleich auch einen krankheitsvorbeugenden weil
aufklärerischen Charakter tragen. Vor diesem Hintergrund verstanden sich die
»Acht Elemente« der Basisgesundheitspflege (u.a. Impfungen, Ernährungssicherung,
Zugang zu unentbehrlichen Arzneimitteln etc.) nicht als ein »Kochrezept für
preisgünstige Medizin für Arme«, sondern als radikal anderer Zugang zur
Problemlage von Krankheit und Gesundheit: als Frage nach gerechter Verteilung
von Ressourcen, auf dem Fundament basisdemokratischer Entscheidungen und der
gesellschaftlichen Verantwortung für die Gesundheit aller ihrer Mitglieder.
Nicht erst im Jahr 2003 wird sichtbar, dass dieses sozialpolitisch radikale
Programm so gut wie nirgendwo umgesetzt wurde. Vielmehr dominiert immer stärker
die Tendenz, Gesundheit in rein ökonomischen Begriffen zu denken. Gesundheit hat
den Charakter einer Handelsware angenommen, und ist den Habenichtsen der Welt
des 21. Jahrhunderts noch unerreichbarer als 1978, da mit dem Rückenwind der
Entkolonialisierungsbewegungen noch vieles denkbar schien. Dazu beigetragen hat
eine folgenreiche Vermischung zweier Bedeutungen von »Primary Health Care«
bereits in den Alma Ata Dokumenten: PHC war zugleich als
»Gesundheitsversorgungsniveau« im Sinne kostengünstiger Basisgesundheitsdienste
für arme Menschen in Entwicklungsländern und als »umfassender Neuansatz« im
Denken und Planen über die Realisierung von Gesundheit im oben beschriebenen
Reform-Sinn fixiert worden. Auf PHC im zweiten Sinne bezogen sich die »Utopiker«
einer wesentlich gerechteren Verteilung und Entscheidungsfindung über Ressourcen
und Strukturen. Dass solche Strategien einer demokratischen Umverteilung auch
den neuen Eliten in den unabhängig gewordenen Kolonien als Bedrohung ihrer
gerade erreichten Macht- und Entscheidungspositionen erscheinen mussten, liegt
auf der Hand. Das Bekenntnis zu PHC geriet häufig zum Lippenbekenntnis. In der
Praxis wurden besonders in den ärmsten Ländern die Mittel für die lokalen
Gesundheitsdienste reduziert, so dass auch in Ländern mit formal immer noch
kostenloser Grundversorgung (z.B. Angola) in der Praxis ohne private Zahlungen
kein Patient untersucht und behandelt wird.
Magic Bullets und Primary Health Care
Angesichts eines machtpolitisch »gefährlichen« umfassenden PHC Ansatzes waren
die Stimmen der »Pragmatiker«, die Primary Health Care auf ein Konzept rentabler
medizinischer Interventionen beschränken wollten, hochwillkommen: Selektive
Primary Health Care (SPHC) schien die Lösung für armutsbedingte Krankheiten zu
versprechen – ohne der Armut als Strukturproblem auf den Pelz zu rücken.
Entsprechend enthusiastisch wurde SPHC von den internationalen Finanziers
begrüßt: angesichts der sich Anfang der 80er Jahre verschärfenden Rezession, in
deren Folge viele Entwicklungsländer in die »Schuldenkrise« gerieten. Keine Rede
mehr von konsequenten Umverteilungen und sozialer Reform. UNICEF, anfangs
Initiatorin der umfassenden Vision der Alma Ata Konferenz, rief auf zur »Child
Survival Revolution« und propagierte »Sieben Wunderwaffen gegen die
Kindersterblichkeit«. Darunter die wichtigsten Impfungen, Wachstumskontrollen
und Förderung des Stillens. Die Senkung der Kindersterblichkeit wurde zum
sozialpolitisch ungefährlichen Gradmesser der Gesundheitsanstrengungen, da sie
politische und ökonomische Ungerechtigkeiten nicht mehr thematisierte. Die
meisten Regierungen, internationale Geber und die Weltbank favorisierten solche
Gesundheitsinterventionen. Besonders Impfkampagnen ließen sich mit militärisch
anmutenden Operationen durchführen und in medialer Darstellbarkeit präsentieren.
Die Impfraten gegen Masern, Kinderlähmung, Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus
stiegen bis Anfang der 90er Jahre von 20–30% auf 70–90%, die Zahl der jährlichen
Todesfälle von Kleinkindern unter 5 Jahre blieb konstant bei ca. 13 Mio. – statt
dem berechneten Anstieg auf 17 Mio. Nur änderte sich nichts an der Mangel- und
Unterernährung von 200 Mio. Kleinkindern, nichts daran, dass die
Müttersterblichkeit in den ärmsten Ländern im Vergleich zu den reichen Ländern
20 mal höher war, dass klassische Infektionskrankheiten wie Tuberkulose wieder
sprunghaft anstiegen und die Lebenserwartung unter den Armen und insbesondere in
den von HIV/AIDS betroffenen Ländern heute wieder dramatisch sinkt.
Daran zeigt sich, dass es technische Lösungen und »Wunderwaffen« für die
Probleme im Gesundheitsbereich nicht gibt. Wer das behauptet, vernebelt den
Blick für die Ursachen einer Katastrophe, die die amerikanische
Medizinjournalistin und Pulitzer-Preisträgerin Laurie Garrett als »Ende der
Gesundheit« bezeichnete: die dramatischen Einschnitte die Gesundheitssysteme
gerade in den ärmsten Ländern in den vergangenen 20 Jahren erlebt haben. Denn
bereits die Strukturanpassungsprogramme die IWF und Weltbank den armen Ländern
in den 80er Jahren verordneten haben dem Ziel »Gesundheit für alle« den Garaus
gemacht. In den ärmsten 37 Ländern wurden damals auf Druck von IWF und Weltbank
die Ausgaben für Gesundheit um 50 Prozent zurückgefahren. Peru gab 1991 jährlich
sage und schreibe 12 Dollar pro Einwohner für Bildung und Gesundheit aus. Ein
Viertel von dem, was es im Jahrzehnt zuvor für diese Bereiche zur Verfügung
hatte. Alles im Zeichen des Schuldendienstes an westliche Banken. Die
Entstaatlichung ganzer Länder, deren Folgen wir heute in nicht endenden und
grausamen Bürgerkriegen miterleben, nahm hier ihren Ausgang. Insofern ist das
Scheitern von Alma Ata kein Ereignis, das von heute aus lediglich mit
Schulterzucken über die verrückten Utopisten der 70er Jahre bedacht werden kann.
Vom Elend der »Selbstbeteiligung«
Als Folge des Finanzierungsdefizits im öffentlichen Gesundheitswesen mussten
soziale Gesundheitsdienste eigene Einkommen erbringen. Benutzergebühren wurden
besonders für Medikamente, Laborleistungen und technische Untersuchungen
eingeführt. Auch wenn solche Initiativen Ausnahmeregelungen für die Ärmsten
vorsahen (wie die Bamako-Initiative von UNICEF 1987), ergab sich in der Praxis,
dass arme Familien durch Gebühren für Krankenbehandlung häufig in Verschuldung
gerieten, die ihre ohnehin prekäre ökonomische Situation vollends katastrophal
machte. Vor allem musste die scheinbar einleuchtende »Selbstbeteiligung« der
Bevölkerung an ihren Gesundheitsdiensten dazu führen, dass gerade die Ärmsten,
die aufgrund ihrer Armut auch häufiger von Krankheiten betroffen sind,
überproportional zur Finanzierung der Gesundheitsdienste beizutragen hatten.
Genau der gegenteilige Effekt zur Idee der progressiven Besteuerung, der den
Wohlhabenden einen größeren Beitrag zur Finanzierung der öffentlichen Dienste
abverlangt, und damit eine organisierte Form der »ausgleichenden Gerechtigkeit«
darstellt.
Die Weltbank und die Gesundheit
Der Weltbankbericht von 1993 »Investing in Health« löste lebhafte Debatten über
mögliche Änderungen der Politik der bis dahin streng den neoliberalen Konzepten
verpflichteten Institution aus. Ein gerütteltes Maß Selbstkritik der Weltbank
gegenüber den Folgen ihrer Wirtschaftsprogramme schien den Weg zu öffnen für die
aktivere Rolle der Staaten in den Sektoren Armutsbekämpfung und soziale
Sicherung. Staatliche Ausgaben für Bildung und Gesundheit galten nun als
»Investitionen«, weil kranke Menschen wirtschaftlich unproduktiver waren und die
Investition in die »Human Ressources« als Voraussetzung für einen
wirtschaftlichen Aufschwung gesehen wurden. Eine solche Selbstkritik der
Weltbank angesichts der sozial verheerenden Folgen der Strukturellen
Anpassungsmaßnahmen der 80er Jahre, die als »verlorene Dekade« in der
entwicklungspolitischen Diskussion einging, traf auf Zustimmung. Allerdings
erwiesen sich die folgenden Konzepte der Weltbank wieder nur als Neuauflage des
Alten.
Benutzergebühren waren wieder dabei. Die Angebote wurden strikt nach »Cost-Effective«
bemessen. Die Weltbank blieb ihrem Ruf als neoliberale Institution treu und
forderte »Vielfalt und Wettbewerb unter den Trägern der Gesundheitsdienste«, was
unter den realen Bedingungen der Entwicklungsländer nur bedeuten konnte, dass
die schon existierende Aufspaltung des Gesundheitssystem verstärkt wurde: in ein
schäbiges, unzureichend ausgestattetes öffentliches mit unmotivierten,
überarbeiteten und schlechter qualifiziertem Personal und einem Privatsektor,
der qualifizierte Leistungen nur gegen hohe Bezahlung bereitstellt, der keine
Verantwortung für die gesundheitliche Versorgung der ökonomisch Schwachen
übernimmt.
Public-Private Partnerships for Health
Anfang der 90er Jahre wurde deutlich, dass die Übernahme der Diskurshoheit in
Sachen Gesundheit von der WHO zur Weltbank nur eine Tendenz reflektierte: den
»Rückzug des Staates« und die Dominanz privatwirtschaftlicher Akteure. Neuartige
Stiftungen und Initiativen der multinationalen Konzerne traten auf den Plan, die
offensiv Gesundheitsmaßnahmen zur Demonstration ihrer »Corporate Social
Responsibility« förderten. In welchem Umfang private Mittel die internationale
Entwicklungshilfe im Gesundheitsbereich ein- und überholte machen die folgenden
Zahlen deutlich: Allein die Gates-Foundation investierte in den letzten Jahren
jährlich 1 Mrd. Dollar in globale Gesundheitsinitiativen. Den doppelten Betrag
der Weltbank, oder 5-mal den Betrag der Mittel Englands oder der USA. Besonders
die 1998 gewählte WHO-Chefin Gro Harlem Brundtland förderte massiv die
Kooperation mit den privatwirtschaftlichen Akteuren – in der festen Überzeugung,
dass ein kollektives Management von Regierungen und Industrie, Konsumenten und
Produzenten die Strategie der »neuen Zeit« in der globalen Interdependenz seien.
Solche »Globalen Allianzen« wurden dann mit großem medialen Aufwand
geschmiedet: »Roll back Malaria«, die »Global Alliance for Vaccines and
Immunisation (GAVI)« und die »Global Alliance for Improved Nutrition (GAIN)«.
Bei diesen neuen Initiativen wird erneut ein rein technisches Verständnis von
Gesundheit und Krankheit deutlich. Man orientiert sich an schlichten
Ursache-Wirkungs-Modellen (Mücke & Malaria; Mangelernährung & fehlende
Mikronährstoffe) – die soziale und gesellschaftliche Dimensionen von Gesundheit
und Krankheit, von Armut und ungerechten Ressourcenzugängen, von
gesellschaftlicher Ausgrenzung und unzureichenden Versorgungssystemen, bleibt
systematisch ausgeblendet.
Derart werden die scheinbar simplen Lösungen, welche die Gesundheitskampagnen
anbieten, nicht nur unzureichend wirksam, sondern tragen tendenziell zur
Zementierung der immer tiefer werdenden Spaltung zwischen denen bei, die noch
teilhaben an den gesellschaftlichen Sicherungssystemen und jenen, die davon
schon längst nicht mehr erreicht werden.
People’s Health Movement und Soziale Foren
Allerdings wurde die Perspektive von Alma Ata nicht vollends vergessen. Gerade
rund um das »magische Datum« 2000, – jener vor 25 Jahren anvisierten
Zielperspektive von »Health for All« – , griffen Aktivisten die alten Pläne neu
auf und formulierten auf der »Weltgesundheitsversammlung von unten« die »People’s
Health Charta« als Fortschreibung und neuen Impuls für eine umfassende Sicht auf
die Bedingungen von Gesundheit und Krankheit. [Peoples
Health Charta, PDF].
Die aktuellen Auseinandersetzungen um die »Gesundheitsreformen« in Deutschland
zeigen, dass die Kämpfe um Gesundheit keineswegs auf die armen Länder der Welt
beschränkt bleiben. Die Rettung sozialer Sicherungssysteme in Zeiten der
globalisierten Ökonomie kann kein ausschließlich im nationalen Rahmen gedachtes
Projekt sein kann. Die Verbindung des Kampfes gegen eine Verwandlung von
Gesundheit in lukrative Dienstleistungen für zahlungsfähige Kunden und gegen
eine elende »Armenmedizin« für den Rest steht oben auf der Tagesordnung. Das People’s Health Movement ist dabei nur einer der Brennpunkte im Zeichen
weltweiter und regionaler Sozialforen. Diese Auseinandersetzung mit der
Alternativlosigkeit der kapitalistisch globalisierten Welt. Dies wird die
wichtigste Aufgabe der nächsten Jahre und vielleicht Jahrzehnte sein.
Andreas Wulf