
Kann man in einer Bar bei Rotwein und Sekt im weitgehend gentrifizierten Frankfurter Nordend ernsthaft über die Menschen sprechen, die nicht auf der Sonnenseite leben? Die Veranstaltungsreihe „Zäsuren - medico trifft...“, die wir im Herbst diesen Jahres gemeinsam mit dem Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm durchführten, schien eine Paradoxie in sich. Denn die entspannte Atmosphäre kontrastierte mit den Themen und Gesprächspartnern. Mit der Zeit-Redakteurin Andrea Böhm unterhielten wir uns über den von ihr viel bereisten Kongo, dessen fortgesetzte kriegerische Konflikte auch unter Wissenschaftlern als „Dritter Weltkrieg“ bezeichnet werden. Wie die Menschen unter diesen Bedingungen mit ungeheurer Kreativität ihr Überleben gestalten, war Thema des Abends. Mit der Psychoanalytikerin und Psychodramatikerin Ursula Hauser sprachen wir über die psychischen Folgen von zementierter Ausgrenzung am Beispiel des Gaza-Streifens. Und zuletzt mit dem Schriftsteller Ilija Trojanow über die Möglichkeiten einer politischen Prosa angesichts eines fortschreitenden Klimawandels, dem wir ohnmächtig zusehen, obwohl wir um seine Folgen wissen. Die Ernsthaftigkeit, mit der alle Beteiligten, auch das anwesende Publikum, um diese Themen rangen, schuf jedes Mal eine dichte Atmosphäre, die mit dieser Attüde schon ein Stück Hoffnung verhieß. Verzweiflung, so Ilija Trojanow, könnten sich ohnehin nur die Privilegierten leisten. Unser Fazit: Es braucht diese Orte und diese intime, aber ernsthafte Gesprächsform. Wir hoffen, es geht nächstes Jahr weiter.
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Die Frauen- und Menschenrechtsaktivistin Shreen Saroor erhält am 18. November den Bremer Friedenspreis 2011. Die „Stiftung die schwelle“ ehrt sie als „begabte Netzwerkerin“, die sich „in der von Elend und Kriegsverwüstungen geprägten Region insbesondere für Frauen stark macht, die Opfer von Gewalt und Ausgrenzung geworden sind.“ Ihr leitendes Motiv ist die eigene Erfahrung: Shreen entstammt zwar der unterdrückten weitgehend hinduistisch geprägten tamilischen Minderheit, gehört aber zu den 70.000 Menschen muslimischen Glaubens, die 1990 von den Tamil Tiger-Rebellen von der Nordwestküste der Insel vertrieben wurden. Sie wuchs in einem Flüchtlingslager auf, zog mit ihrer Familie später in die Hauptstadt Colombo. Heute pendelt sie zwischen Colombo und der Nordprovinz, wo sie sich um die Vernetzung von über einhundert lokalen Frauengruppen kümmert.
Für medico hat Shreen 2005 an einer Fact Finding Mission zum Stand der Tsunami-Hilfe teilgenommen. Die skandalöse Ungleichbehandlung von Mehrheits- und Minderheitsbevölkerung auch durch die internationalen NGOs erkannte sie damals als Grund für das Wiederaufflammen des Bürgerkriegs. Den hat die Armee ab 2008 als „Krieg gegen den Terror“ geführt: allein in den letzten vier Kriegsmonaten fielen ihm 40.000 Menschen zum Opfer.
Zu uns kam Shreen jetzt nicht nur zur Preisverleihung, sondern zu gemeinsamen Lobbygesprächen in Berlin, Genf und Brüssel. Thema war dabei nicht nur die Gewalt auf Sri Lanka, sondern die sehr reale Gefahr, dass die srilankische Variante des „Kriegs gegen den Terror“ zum Muster vieler anderer Länder wird, in denen Minderheiten um ihre Rechte kämpfen. Den Anfang droht das Nachbarland Indien im Krieg gegen die eigene Landbevölkerung zu machen; doch auch in Kolumbien und der Türkei wird über eine „srilankische Lösung“ spekuliert. Nach ihrer Rückkehr wird sich Shreen wieder um diejenigen kümmern, die in der Hierarchie der Ausgrenzung ganz unten stehen: überlebende Kämpferinnen der Tamil Tigers, die schutzlos der Willkür der Sieger ausgeliefert sind und oft auch von den eigenen Familien missachtet werden.
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Am Vorabend des Attac- und Occupy-Protesttages in Frankfurt trafen sich die Vorstands- und Kuratoriumsmitglieder der stiftung medico international und zogen eine erfreuliche Bilanz. 2011 gab es über 450.000 Euro neue Zustiftungen sowie Stiftungsdarlehen, und es konnten fast 95.000 Euro für die medico-Projekt- und Öffentlichkeitsarbeit ausgeschüttet werden. Damit sichert die Stiftung das Projekt medico dauerhaft. Auch das jährliche Stiftungssymposium, das sich als Ort der Debatte um strategische Themen versteht, wurde diskutiert. Globale Verhältnisse und psychisches Leid - so lautet der Arbeitstitel. Denn zu den kaum thematisierten Begleiterscheinungen der ökonomischen Globalisierung gehört die massive Zunahme von psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angstneurosen oder Suchtverhalten. Wie sich das im globalen Süden aber auch in Deutschland darstellt, wird Thema der eintägigen Veranstaltung sein. Der Termin steht bereits fest: 11. Mai 2012 in Frankfurt.
