
In der Novelle „Das Erdbeben von Chili“ erzählt Kleist exemplarisch von den Möglichkeiten, die ein solcher katastrophaler Einschnitt, im Leben einer Gesellschaft bietet. Option A: Die Klassenschranken fallen, man findet sich zu einer solidarischen Gemeinschaft zusammen und hilft sich gegenseitig. Option B: Man sucht einen Sündenbock und stellt mit dessen Verteufelung die alte Ordnung wieder her. In Kleists Novelle wird erst die solidarische gegenseitige Hilfe praktiziert. Das nimmt ein jähes Ende, weil ein Kirchenvertreter Sündenböcke ausmacht, die Leute aufhetzt und so die alte Ordnung wieder installiert. Nach einem der schwersten Erdbeben der Geschichte im Februar diesen Jahres ist Chile von diesem kleistschen Paradigma gezeichnet. Eine Welle der Solidarität erfasste das Land, Leute standen beim Blutspenden Schlange, in Charity-Shows wurden Millionen Dollars gesammelt. Doch zugleich rückte die Armee in die betroffenen Gebiete vor. Eine Ausgangssperre von 22 Uhr bis 12 Uhr mittags wurde verhängt. Das Eingreifen des chilenischen Militärs, nachdem erste Plünderungen bekannt wurden, ist für die einen notwendige Schutzmaßnahme und für die anderen eine schreckliche Reminiszenz an Diktatur-Zeiten. Das Militär kam – aber ohne Lebensmittel, Decken, Wasser.
„Terremotos, terremotos – aprovechemos
a matar algunos rotos“ (Erdbeben,
Erdbeben – nutzen wir die Zeit,
ein paar Arme umzubringen), so ein
Spruch, der unter Chilenen kursiert. Wie
bei Kleist die Liebenden, die sich über
Klassenschranken hinweg setzten, so ist
in Chile heute der Plünderer, der Lumpenproletarier
als Feind ausgemacht. Unter
dem Beifall der Umstehenden, so berichtet
der FAZ-Korrespondent aus der
Küstenstadt Talcahuano, wurden des
Plünderns Verdächtige vom Militär zu Boden
geworfen, gefesselt und mit Militärstiefeln
getreten. Es sei zu Schießereien
zwischen „Plünderern“ und Militär gekommen,
heißt es allenthalben. Und die
Erklärungen klingen, als wolle man die
genaueren Umstände nie aufklären. Der
„Lumpen“ ist unter diesen Bedingungen
vogelfrei. Seine Behandlung erinnert an
die Standards der Pinochet-Ära. Aber
jetzt handelt es sich ja nur um „gemeine
Verbrecher“. Es geht in Chile heute nicht
mehr um Links oder Rechts sondern um
Drinnen (in der Gesellschaft) oder Draußen.
Und dieser Konflikt kommt scheinbar
ganz unpolitisch daher: als Sicherheitsproblem.
„Die harte Hand für den gemeinen
Verbrecher , daran ist man schon gewöhnt“,
schreibt Juan Pablo Cardenas,
einer der angesehensten chilenischen
Journalisten, der sich auf Internet und
Radio verlegte, weil sich eine qualitativ
gute Zeitung im neoliberalen Post-Pinochet-Chile nicht rechnet. Für die „Plünderer
in Schlips und Kragen“ aber, so setzt Cardenas fort, habe die Regierung
nichts als Komplizenschaft übrig. Die Armen
und all die anderen, die da nicht nur
Lebensmittel raubten, sind die Kehrseite
eines Landes, das sich seit dem Pinochet-
Putsch 1973 konsequent neoliberalisiert
und entstaatlicht hat. Dazu gehört
auch, dass Chile das erste Land Lateinamerikas
war, das einmal im Jahr einen
„Teletón“ organisiert, eine 24-stündige
Fernsehgala zugunsten privater Organisationen
zur Armutsbekämpfung. Auch
die fand wenige Tage nach dem Erdbeben
mit einem Rekordergebnis statt. Der
bittere Kommentar eines chilenischen
Autors: „Die Hilfe wird heute durch einen
Teletón organisiert von Don Francisco
(einem chilenischen Komiker), der ´Stiftung
zur Überwindung der Armut, ´Heim
Christi und ´Ein Dach für Chile´. Erst als
5. Element kommt die Regierung. Selbst
die Katastrophenhilfe ist privatisiert?“
Seit dem 11. März regiert nach 20 Jahren Pause wieder die chilenische Rechte. Der neue Präsident, Sebastián Piñera, ein Milliardär und Profiteur des Neoliberalismus, hatte weitere Privatisierungen angekündigt und mehr Jobs im Niedriglohnbereich, die Gewerkschaften hatten ihrerseits Protestaktionen zur Amtsübernahme geplant. Im Zeichen der nationalen Katastrophe liegt alles auf Eis – auch der Widerstand. Piñera verteilt als erste Amtshandlung Einmalzahlungen an 1,5 Millionen Kinder – je 50 Euro. Ein neues Dach bekommen sie davon nicht. Für die Schäden in Milliardenhöhe soll ein großes nationales Wiederaufbauprogramm aufgelegt werden – mit Hilfe der Privatindustrie, versteht sich. Ein öffentliches Wohnungsbauprogramm wird wohl nicht dazugehören. 500.000 Häuser sind zerstört worden – den Opfern der Katastrophe stehen weiterhin harte Zeiten bevor.
Der langjährige medico-Projektpartner CODEPU, der schon unter der Pinochet-Diktatur Rechtshilfe für die Opfer mit psychotherapeutischer Betreuung verband, unterhält seit vielen Jahren Projekte an der schwer vom Erdbeben verwüsteten chilenischen Südküste. In dem Küstenort Tirúa, wo viele Tote und komplett zerstörte Häuser zu beklagen sind, hatte CODEPU gerade begonnen, ein Oral-History-Projekt zu realisieren. Dort siedeln viele Mapuche-Indianer, die während der Pinochet-Diktatur verfolgt wurden und auch im anhaltenden neoliberalen Wirtschaftsmodell wenig soziale Mitspracherechte haben. Die Geschichte der Mapuche sollte in dem Projekt erzählt werden. Nun aber herrscht akuter Nothilfe-Bedarf. Häuser der armen Bevölkerung müssen wieder aufgebaut werden. Vom Staat ist da nicht viel zu erwarten. CODEPU hat sich bereit erklärt, die Bevölkerung von Tirúa zu unterstützen. medico international hat bereits Mittel für Soforthilfemaßnahmen zur Verfügung gestellt. Weitere Hilfe wird dringend benötigt. Spenden unter dem Stichwort: Chile.
