
wir leben in einer Zeit des wissentlichen Irrtums. Wir wissen, dass Steuersenkungen die Politik fortsetzen, die die Voraussetzung für die jüngste Bankenkrise war. Es wird Steuersenkungen geben. Wir wissen, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert des Hungers werden wird. EU-Agrarsubventionen, Landraub durch Biodiesel und Freihandelszwang für die Armen werden fortgesetzt und Großkonferenzen zum Thema Hunger enden ergebnislos. Wir wissen um die Klimakatastrophe und ihre Ursachen. Die Klimakonferenz in Kopenhagen wird so substanzlos enden wie noch keine vor ihr.
Wir sind eine Wissensgesellschaft, die sehenden Auges und mit Höchstgeschwindigkeit auf eine Betonwand zurast. Und das ist so, weil die Verursacher dabei nicht zu Schaden kommen. Vorschläge wie der des Philosophen Sloterdijk, doch den Steuerstaat ganz abzuschaffen und auf die Spendenfreudigkeit der Reichen zu hoffen, machen aus dem Politikversagen ein Delirium. In unserem Heft kommentiert das Georg Schramm mit einer Rede über die Wohltätigkeit. Gewissermaßen vorab – er hielt sie bereits 1988. Wir danken ihm und den anderen Gast-Autoren: Charlotte Wiedemann, Michael Obert und Navid Kermani. Sie haben uns für dieses letzte Rundschreiben 2009 Texte geschenkt, die "medico-Themen" ganz eigen wenden.
Man fragt sich, an welcher Stelle die irrwitzige Raserei zum Halten gebracht wird. Letztes Jahr demonstrierten aufgebrachte junge Leute in Griechenland wochenlang gegen die Enteignung ihrer Zukunft. Geordneter zwar, setzen das Schüler und Studenten in diesem Jahr auch bei uns fort. "Reiche Eltern für alle" heißt ihr satirischer Slogan zur Kommerzialisierung und Neoliberalisierung der Bildung. Aber die Sache an sich ist ernst: Gibt es einen Zugang zur Bildung als Ausdruck des menschlichen Maßes – jede und jeder kann und darf; oder als Ausdruck von reiner Verwertung des Humankapitals: nur wer gewinnbringend ist, kann und soll?
In Palmerita, dem nicaraguanischen Dorf der Landarbeiter, in dem medico seit vier Jahren mit lokalen Partnern arbeitet, spielt Bildung, Ausbildung, Fortbildung eine ganz entscheidende Rolle. Walter Schütz, viele Jahre medico-Projektkoordinator in Nicaragua, beschreibt das auf anrührende Weise in seinem Bericht vom Wiedersehen mit den Menschen dieses Ortes. Den marginalisierten ehemaligen Kaffeepflückern hatte zuvor niemand Bildung zugestanden und ihnen damit das Vertrauen in ihren Wert und in ihre Zukunft verweigert. In Palmerita gibt es Alphabetisierung für Erwachsene, Schulungen in Landwirtschaft, Ausbildung als psychosozialer Promotor und vieles mehr. Nach anderthalb Jahren Abwesenheit beschreibt nun Walter Schütz die positiven Veränderungen in dem Dorf, die er als einer der Initiatoren des Projektes erhofft aber letztlich nicht erwartet hatte. Wir wissen auch um die Alternativen und vielleicht geht es vor allen Dingen um den Mut, sie zu riskieren.
Herzlichst
Ihre Katja Maurer
