medico international

medico Rundschreiben 01/2008

Zurückgeblättert: Linke Unterwanderung

Ein umstrittener Einsatz von medico-Ärzten in Bangladesh

Jubiläen laden dazu ein, auch mal im Pressearchiv zu blättern: Was interessierte eigentlich vor 30 oder 40 Jahren, und was hat sich verändert? Im Jahr 1971, als medico international gerade mal drei Jahre bestand, erschien in der SPD-Zeitung „Vorwärts“ ein Artikel über die prekäre Situation, die in den Lagern der Flüchtlinge aus dem damaligen Ostpakistan herrschte.

7,5 Millionen Menschen waren im Zuge des blutigen Sezessionskrieges in das benachbarte Indien geflohen, bevor sie in das unabhängig gewordene Bangladesh zurückkehren konnten. Um auf die wenig beachtete Krise aufmerksam zu machen, versammelte George Harrison im August 1971 Musiker aus aller Welt zum legendären „Concert for Bangladesh“ im New Yorker Madison Square Garden. Zur selben Zeit bemühte sich ein medico-Ärzteteam in den Lagern bei Kalkutta um die Versorgung der Flüchtlinge. Hier ein Auszug aus dem damaligen „Vorwärts“:

Die Unterernährung macht anfällig für Krankheiten, der durch Proteinmangel geschwächte Körper kann keine Abwehrkräfte mehr mobilisieren. Eine Erkältung, die unter anderen Umständen in wenigen Tagen auskuriert wäre, kann hier tödliche Folgen haben. Ein deutscher Arzt von der Hilfsorganisation „Medico International“ deprimiert: „Ich möchte einmal eine Nacht schlafen ohne dieses Husten und Keuchen von Hunderten. Dabei kann man nicht schlafen. Man arbeitet weiter, bis zum Umfallen, aber der Tod ist schneller. Wir kommen einfach dagegen nicht an.“ Die Ärzte von „Medico International“ arbeiten – wie viele Kollegen von anderen Organisationen – bis zu 16 Stunden am Tag. Jede zweite Nacht ist ebenfalls Dienst.

Bei diesen physischen und psychischen Belastungen platzt ihnen bisweilen der Kragen, wenn sie von Kollegen, den offiziellen indischen Stellen oder vom deutschen Konsulat die Mahnung hören, sich doch den Gegebenheiten anzupassen. Der Inder lebe schließlich ohnehin mit dem Elend, dem Tod und dem Regen. Sie seien das gewöhnt. Ein allzu heftiges Vorpreschen würde die indischen Behörden verärgern und sämtliche Hilfsmaßnahmen in Frage stellen.

Dagegen Dr. Mathis Bromberger: „Wir wollen doch nichts Unmögliches. In den Lagern nördlich und östlich der ostpakistanischen Grenze war die Versorgung schon vor Beginn der Regenzeit unzureichend. Wir brauchen Sandsäcke, um das Lager Salt Lake 5 einzudeichen. Wir brauchen vielleicht 2.000 Mark, um die Flüchtlinge dazu zu bewegen, Entwässerungsgräben zu ziehen. Wir brauchen einen Anreiz, die Lethargie zu überwinden. Und die Leute müssen sehen, daß sie unmittelbar an der Verbesserung ihrer Lage arbeiten.“ Solche Ansätze werden in Kalkutta mit unverhohlenem Mißtrauen beobachtet. Man weiß dort, daß die Ärzte von „Medico“ der Frankfurter Basisgruppe Medizin angehören und fürchtet offenbar linke Unterwanderung. Funktionäre anderer Hilfsorganisationen machen sich oft lustig über den Idealismus der unkonventionell arbeitenden Kollegen. Im deutschen Generalkonsulat scheint man sich einig: „Die Jungens müssen weg.“

medico blieb – und arbeitet noch heute mit der bengalischen NGO „Gonoshasthaya Kendra“ (GK) zusammen, die während des Unabhängigkeitskrieges von jungen bengalischen Basismedizinern gegründet wurde. Es sind die Erfahrungen von GK gewesen, die später wesentlich zur Formulierung der „Primary Health Care“- Strategie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) - beigetragen haben. Hilfe im Handgemenge – damals wie heute.

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