
als ich Israel Mitte der 80er-Jahre Richtung Westberlin verlassen hatte, glaubte ich, dem israelisch-palästinensischen Konflikt, dessen verhärteten Fronten und den verheerenden Auswirkungen auf die hiesigen Gesellschaften entfliehen zu können. Ich blieb zwar der Region verbunden, engagierte mich im Kulturaustausch zwischen der Bundesrepublik und der Region und besuchte sie regelmäßig auch als Journalist; und mit der ersten Intifada und dem daraus resultierenden Osloer Prozess wuchs in mir – wie bei vielen anderen – die Hoffnung auf einen neuen Nahen Osten. Wie wir alle wissen, haben sich die Hoffnungen kaum erfüllt. Die so genannte "zweite Intifada" ist ein Ausdruck hiervon. Doch mit den Anschlägen vom 11. September und den Reaktionen hierauf änderte sich auch die Weltlage, und der Krieg der Kulturen erreichte auch eine ansonsten durchaus kritische Öffentlichkeit. Ich lernte, dass diesem Konflikt auch im fernen Europa nicht zu entkommen ist, und bereiste die nahöstliche Region erneut, diesmal als Student der Islamwissenschaft.
Als ich im Jahr 2002 den vielbeachteten medico-Aufruf Zeichen paradoxer Hoffnung zur Einrichtung eines Solidarfonds für zivilgesellschaftliche Initiativen in Israel und Palästina mitunterschrieb, waren wir alle von den Gräueltaten während der zweiten Intifada aufgerüttelt. Heute, fünf Jahre später, scheint es ruhig geworden um die Region. Meine ersten Wochen als neuer medico-Repräsentant in Israel und Palästina aber verdeutlichten mir, dass kaum von Deeskalation die Rede sein kann. Die allgegenwärtige Lage nimmt nur andere, für Titelgeschichten weniger geeignete Formen an.
In dieser Situation hat sich medico für ein Büro vor Ort entschieden: zur intensiven Koordination der Projekte, aber auch um mit Ihnen, unseren Spenderinnen und Spendern, in einen neuen, unmittelbareren Dialog einzutreten. Ich werde ab dem 1. Dezember 2007 in einer fortlaufenden Kolumne auf der medico-Internetseite über unsere Arbeit und über die Situation vor Ort berichten. Die Hoffnung ist, dass ein solcher "Blog" einen differenzierten, direkten Blick auf die Region vermittelt. Wir möchten Ihnen damit Handlungsmöglichkeiten von Solidarität aufzeigen und dabei behilflich sein, auch in Deutschland – jenseits aller vorgeblichen Kulturkämpfe – das Bild dieser komplexen und zugleich so fragmentierten Gesellschaften nachzuzeichnen. Wir planen darüber hinaus für das kommende Jahr 2008 kulturpolitische Veranstaltungen mit unseren israelischen und palästinensischen Partnern. Wir zählen dabei auf Ihre Mithilfe und Spende.
Ihr Tsafrir Cohen medico-Repräsentant in Israel und Palästina
