
Liebe Leserinnen und Leser, beim Betrachten dieses Heftes wurde uns im Nachhinein klar, dass die Beschäftigung mit unserer eigenen Geschichte bereits ihren Niederschlag gefunden hat. medico international begeht 2008 den 40. Jahrestag des eigenen Bestehens. Seit Wochen planen, diskutieren und reflektieren wir dieses Datum, das unsere Arbeit im nächsten Jahr prägen wird. Es ist ein Anlass, die eigene Erfahrung im Lichte des Heute neu zu denken und sich die Brüche zu vergegenwärtigen.
Dass nun Walter Schütz, einer der Kollegen, der die medico-Projektarbeit über Jahrzehnte gestaltet hat, ab 1. Januar in den Ruhestand geht, war Ausgangspunkt für eine Betrachtung von Gegenwart und Geschichte unseres Engagements. Sie werden es lesen: Es ist eine Reise in die Vergangenheit und die Aktualität von politischem Handeln geworden. Eine lange Etappe von 40 Jahren medico wird darin sichtbar und es konkretisiert sich ein zentrales Thema unserer Debatten: Wie kann sich ein Verständnis von Hilfe, das auf nachhaltige Veränderungen, selbstbestimmtes Handeln und menschenrechtliches Denken setzt, gegen einen technokratischen Pragmatismus behaupten, der Hilfe auf ein effizientes Abwickeln von Mitteln reduziert? Gerade in Nicaragua von aktueller Brisanz, wo der neue Präsident Ortega statt Politik einen omnipräsenten Personenkult in rosa getönten Billboards betreibt. Von dem Ziel grundlegender sozialer Veränderungen, die allen ein besseres Leben ermöglichen sollten, ist bei dem Post-Sandinisten nur noch der Wunsch nach persönlicher Machtsicherung geblieben. In der Projektlandschaft Nicaraguas, in der lebendigen und selbstbewussten Zivilgesellschaft allerdings spiegelt sich die Erfahrung, einmal einen sozialen Wandel mitgestaltet zu haben. Unsere Reportage über die Erfahrungen unseres langjährigen Kollegen Walter Schütz ist daher auch mehr als nur eine verdiente Würdigung und Dank an seine Arbeit und an seinen Einsatz für medico.
Sich Erinnern ist eine programmatische Beschäftigung mit der Zukunft. Gerade die traditionsreiche Verwurzelung von medico in Mittelamerika hat uns dazu bewogen, auch künftig einen Repräsentanten vor Ort zu beschäftigen. Dieter Müller wird nach vielen Jahren in der medico-Zentrale und einer kontinuierlichen Beschäftigung mit der Situation in Süd- und Mittelamerika Walter Schütz nachfolgen. Das, was bleibt, und das, was er an anderen Impulsen einbringen wird, werden Sie zeitnah und authentisch im rundschreiben wieder finden.
Um Zukunftsstrategien geht es auch in den beiden anderen zentralen Texten dieser Ausgabe. Martin Glasenapp berichtet von einer Projektfindungsreise in Transit-Räume der „Verdammten der Globalisierung“, wie er die Migranten aus Schwarzafrika nennt. Sie sind die verwegenen Brückenbauer aus den marginalisierten Armutszonen, von deren Dasein die todesmutige Verzweiflung der Flüchtenden kündet. Die Armutszonen-Vergessenheit Europas paart sich mit der Besatzungsvergessenheit, die Tsafrir Cohen für die israelische Gesellschaft konstatiert. medico und sein neuer Repräsentant für Israel und Palästina haben sich deshalb vorgenommen, an der Schnittstelle zwischen Projektförderung, konkreter Hilfe und Aufklärung zu arbeiten.
Immer deutlicher wird, dass in diesem Zusammengehen von Aufklärung, politischer Intervention und Hilfe das eigentliche Projektgeschehen liegt. Deshalb haben wir es in diesem Heft gewagt, auf Ihr Vertrauen in unsere Arbeit und in unsere Kompetenz zu setzen. Wir haben die länder- und projektbezogenen Stichwörter am Ende der Texte ganz bewusst weggelassen. Wir bitten Sie um eine Spende für die medico-Arbeit insgesamt. Selbstverständlich steht es Ihnen frei für die konkrete länderbezogene Arbeit zu spenden. Die Projektstichworte in diesem Heft dafür lauten: Nicaragua, Guatemala, Mexiko, Bangladesh, Südafrika, Migration, Israel – Palästina.
Ihre Katja Maurer
