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medico Rundschreiben 03/2007

Unterwegs, irgendwo, mit irgendwem

Notizen einer Reise durch den Bürgerkrieg auf Sri Lanka

Der folgende Reisebericht nennt keine Namen, weder die von Personen noch die von Orten. Natürlich gilt die Anonymität der Sicherheit der Menschen, von deren Alltag die Rede sein wird. Der Verzicht auf die Namensnennung macht aber auch kenntlich, dass die freie Rede das erste ist, was dem Kriegsrecht zum Opfer fällt. Werden dennoch Namen genannt, folgt dem Verbot der freien Rede der Zugriff auf Leib und Leben. Im Ausnahmezustand geschieht das am helllichten Tag, häufiger aber im Verborgenen. Auf Sri Lanka sind in den letzten achtzehn Monaten über tausend Menschen "verschwunden", viele von ihnen wurden ermordet. Wir bereisten das Land, um Menschenrechts- und Friedensaktivisten zu treffen und zusammenzubringen.

Im Norden

Verantwortlich für die Entführungen sind alle Kriegsparteien: Sicherheitsdienste des singhalesischen Staates, tamilische Guerillas, Paramilitärs, die ihre Waffen dem überlassen, der dafür zahlen kann. Verantwortlich sind aber auch die Leute selbst. Im Norden erzählt man uns, dass es jetzt immer häufiger auch innerhalb der Nachbarschaften zu Entführungen kommt. Gerade weil die Armut längst blutiger Ernst geworden ist, sind die Lösegelder vergleichsweise niedrig. Man erzählt uns auch vom staatlich verordneten Benzinmangel. Die Regierung will so des Schmuggels Herr werden, der bedeutendsten Überlebensökonomie im Bürgerkrieg. Allerdings verkehren jetzt keine Schulbusse mehr, die Ration für Privatpersonen beträgt zwei Liter pro Woche. Die örtlichen NGOs bekommen etwas mehr, haben ihre Tätigkeit aber schon eingeschränkt. Wir haben noch Benzin und besuchen Siedlungsprojekte unserer Partner.

Auf dem Rückweg winkt uns eine Militärpatrouille zu sich, der Fahrer steuert den Wagen von der Straße ins Gelände. Wir sind in tamilischem Gebiet, die Soldaten Singhalesen. Harsch befiehlt man uns, den Wagen zu verlassen. Kaum stehen wir vor der Mündung der Gewehre, werden die Soldaten freundlich, als ob es ihnen Leid täte. Sie sind kaum zwanzig Jahre alt, wie meine tamilischen Begleiter. "Singhala?", fragt ihr Offizier. "Tamil!", antworten wir, und fragen dann unsererseits: "Tamil?" Der Offizier schüttelt den Kopf, antwortet: "Singhala!". Ratlosigkeit, dann die Frage: "English?" Meine Begleiter verneinen: "Tamil!" Ich weiß, dass sie englisch sprechen, der Offizier wohl auch. Nach Durchsicht unserer Pässe dürfen wir weiterfahren.

Im Osten

Glaubt man der Regierung, hat sie den Osten befreit. Unser Kollege lacht, versichert, dass er uns an jeder Ecke Kämpfer der Guerilla zeigen könnte. Es ist nicht dasselbe, ob eine Armee oder eine Guerilla ein Gebiet räumt. Es hat Hunderte Tote gegeben, Zehntausende wurden vertrieben, hausen in Schulen, Tempeln, Zeltstädten. Wir besuchen eine Lagerhalle, seit Monaten schon Flüchtlingslager, dicht an dicht von Menschen bewohnt, die zur Untätigkeit gezwungen sind. Unsere Partner leisten medizinische Hilfe, behandeln Durchfall, Hepatitis, Denguefieber. Kein Mittel haben sie gegen die Depressionen, die fast wöchentlich jemanden in den Selbstmord treiben. Als die Kollegin erzählt, dass die Frauen schon seit Wochen kein Tuch mehr haben, das sie als Binde nutzen könnten, muss ich ein paar Schritte zur Seite gehen, manchmal hängt das Verstehen an scheinbar Nebensächlichem. Wir machen Fotos, nicht zur Erinnerung, sondern für die Presse. Medizinische Nothilfe und Menschenrechtsarbeit sind für unsere Partner nicht zu trennen.

Weiter nördlich

Die tropische Abenddämmerung hat die Stadt binnen weniger Minuten in Dunkelheit getaucht und in tiefes Schweigen. Zwar herrscht keine Ausgangssperre, doch sind die Läden verrammelt, die Straßen verlassen. Wir fahren ins Hotel, wo wir mit drei Anwälten verabredet sind. Die Kollegen verteidigen Flüchtlinge, Vertriebene, Überlebende von Anschlägen. Wir sitzen auf der Dachterrasse, sehen über die wenigen Lichter der Stadt, es gibt ein scharfes Curry. Wie oft sie "verwarnt" wurden, vom Militär und von der Guerilla, wollen sie gar nicht mehr zählen. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich dem Schweigen verweigern. Das Gespräch kreist um nächste Schritte, denn unter Kriegsrecht macht es wenig Sinn, an den Nachkrieg zu denken. Ein Fortschritt wäre es, wenn die Regierung nicht länger von den USA, von Japan und der EU gedeckt würde. Die Kollegen werden uns regelmäßig Informationen senden, die wir hier weitergeben können, an die Medien, bestimmte Abgeordnete, die zuständigen Ministerien.

Plötzlich sind Detonationen zu hören, so laut, als träfen die Einschläge Häuser in der Nachbarschaft. Am nächsten Tag hören wir von einem Gefecht fünfzig Kilometer außerhalb der Stadt. Beide Seiten beanspruchen, dem Gegner schwere Verluste beigebracht zu haben. Die Anwälte reisen weiter in den Norden, zu einem Verfahren gegen Militärs, die auf Flüchtlinge geschossen haben. Wir bleiben noch einen Tag, nehmen an einer öffentlichen Veranstaltung zur Menschenrechtslage teil, zu der vierzig Leute zusammengekommen sind. Viele sind das nicht. Die genaue Einwohnerzahl der Stadt ist nicht bekannt, da allein in den letzten Jahren mehrere zehntausend Flüchtlinge zugezogen sind. Immerhin lässt das Kriegsrecht solche Versammlungen noch zu. Der Kollege, der zu den Leuten spricht, tut das in seinem eigenen, überall im Land bekannten Namen. Stieße ihm etwas zu, würde dies auch in Washington, Tokio und Brüssel für Unruhe sorgen. Eine Lebensversicherung ist das nicht.

In der Hauptstadt

Die Sicherheit der Kommunikation ist eines der größten Probleme der Menschenrechtsarbeit. Das betrifft die Aktivisten vor Ort und den Schutz der Zeugen, aber auch die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen und Wissen zusammenzutragen, um gemeinsam handeln zu können. Im Ausnahmezustand verbreiten sich vertrauenswürdige und vertrauliche Nachrichten nur über weite Umwege, müssen manchmal erst ins Ausland geschickt werden, um sicher anzukommen. Das will organisiert sein und verlangt deshalb Treffen in Büros, in Restaurants, in Wohnungen. Für die nächste Zeit verabreden wir eine ganze Reihe solcher Begegnungen, im Norden, im Osten und sogar im singhalesischen Süden. Kein Kriegsrecht kann das verhindern, auch das auf Sri Lanka nicht.

Projektstichwort

Für die Menschenrechtsarbeit in und zu Sri Lanka sowie für medizinische Nothilfe zugunsten der Bürgerkriegsflüchtlinge bitten wir Sie um Unterstützung. Spendenstichwort: Sri Lanka.

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