In der Hauptstadt Harare fahren kaum noch Autos. Idyllisch ist das nur auf den ersten Blick, gespenstig auf den zweiten. Vom Flughafen kommend muss man sich nicht durch kilometerlange Staus kämpfen, Fußgänger haben von den großen Alleen der Hauptstadt Besitz ergriffen, man hört Vogelgezwitscher. Die Ursache für die beunruhigende Beruhigung der Stadt: Es gibt kein Benzin mehr. Der Schwarzmarktpreis ist unerschwinglich, nur wenige haben Zugang zu Benzinkarten, die an Tankstellen eingelöst werden können. Genauso leergefegt wie die Straßen sind auch die Lebensmittelgeschäfte. Im Juli 2007 kam es nach erzwungenen Preissenkungen durch die Regierungspartei "Simbabwe African National Union" (ZANU-PF) zu Hamsterkäufen. Dazu die Inflation mit 7.000 Prozent, Tendenz steigend. Für 1 US$ gibt es auf dem Schwarzmarkt derzeit 230.000 simbabwische Dollar, der offizielle Kurs liegt bei 1: 250. Die Nationalbank antwortet auf die Hyperinflation mit dem Druck von Geldscheinen inklusive Verfallsdatum.
In Harare leben derzeit 600.000 Einwohner – noch, muss man anfügen. Täglich werden es weniger. Ein Drittel der Bevölkerung hat das Land bereits verlassen, drei Millionen Flüchtlinge leben allein in Südafrika. Jeden Tag überqueren weitere 4.000 Menschen die Grenze in das Nachbarland. Nirgendwo sonst fliehen aktuell mehr Menschen in Friedenszeiten. Diejenigen, die bleiben, kämpfen buchstäblich um jeden weiteren Tag. An Straßenecken sammeln sich Menschen, um von irgendwem mitgenommen zu werden. Die Preise im öffentlichen Nahverkehr sind so stark gestiegen, dass kaum noch jemand zur Arbeit fahren kann. Für ein Monatsgehalt bekommt man gerade mal zwei Liter Benzin. Selbst die Müllabfuhr musste ihre Arbeit einstellen. Kursiert das Gerücht, es gäbe etwas zu kaufen, bilden sich vor den Geschäften lange Schlangen. Grundnahrungsmittel wie Maismehl, Zucker, Reis oder Milch sind genauso wie Benzin nahezu reine Schwarzmarktprodukte. Von Toten im Kampf um ein Päckchen Zucker wird berichtet. Arbeitgeber verlängerten die Mittagspause auf zwei Stunden, in den sog. "Survival-Hours" versuchen die Angestellten für ihre Familien etwas zu essen aufzutreiben. Die Ökonomie des Warentauschs ist in den urbanen Raum zurückgekehrt.
2005 begann die Regierung Mugabes mit der "Operation Murambatsvina", der Säuberung der großen Städte. Die Hütten, Häuser und Verkaufsstände von bis zu 700.000 Menschen wurden zerstört. Getroffen wurden die städtischen Armen der informellen Siedlungen und des ambulanten Handels, sogenannte "Asoziale" und "Kriminelle"; sie wurden aufs Land massendeportiert. Regierungsamtlich ging es um eine Verschönerung des Stadtbildes, das Motto:"Garikei" ("Fühlen Sie sich wohl"), in Wahrheit wurde vertrieben, wem eine Nähe zur Opposition unterstellt wurde.
Auch das medizinische Fachpersonal hat das Land verlassen. Vor 20 Jahren investierte Simbabwe noch in das staatliche Gesundheitssystem. Dann zwangen die Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank Präsident Mugabe zu drastischen Einschnitten im Gesundheitsbereich. Es folgte der Kollaps. Bereits 1995 waren nur noch 900 Ärzte für eine Bevölkerung von 11 Millionen Menschen zuständig. Auf dem Human Development Index des Jahres 2004 ist Simbabwe mittlerweile auf Platz 147 abgerutscht (von 177 verglichenen Ländern). Seine Ärzte und Krankenschwestern arbeiten in afrikanischen Nachbarländern oder vermehrt in Großbritannien. Im neoliberalen Commonwealth spülte die Privatisierung Simbabwes gut ausgebildetes Klinikpersonal in das angelsächsische Gesundheitssystem.
Aber nicht alle sind gegangen. Die Community Working Group on Health (CWGH) ist in den Städten und ländlichen Provinzen Simbabwes weiterhin präsent. Die Gruppe von Ärzten und Bürgerrechtlern unterstützt lokale Komitees, die Aids-Aufklärung betreiben und Daten über den Ausfall der Gesundheitsversorgung sammeln. In Nyaya, einem kleinen Ort nur eine Autostunde von Harare entfernt, kann nicht einmal Blut getestet werden. Krankenschwestern und Pfleger "arbeiten" fast ohne Medikamente, Labore und Ärzte. "Es ist schwer erträglich", sagt die diensthabende Krankenschwester, "täglich schicken wir die Patienten zurück, weil wir nichts für sie tun können." Nur einmal im Monat käme eine Gruppe kubanischer Ärzte vorbei. Die aber hätten mit Sprachproblemen zu kämpfen.
Auch Itai Rusike, der Direktor des CWGH, versprüht nur wenig Hoffnung: "Wir können lediglich versuchen, die Gesundheitskatastrophe abzufedern." Rusike nennt Zahlen: Zwischen 24 und 35 Prozent der 12,7 Millionen Einwohner sind HIV-positiv, die Lebenserwartung ging in einem Jahrzehnt von 55 auf 35 Jahre zurück, pro Woche sterben 2.500 Menschen an Aids, nur 1% der Bedürftigen hat Zugang zu lebensverlängernden Medikamenten. Aufgeben will er dennoch nicht. "Die Ressourcen, die Simbabwe noch immer hat, müssen zu den Menschen kommen." Zuletzt hat das CWGH die Proteste gegen die Gebührenerhöhung im Gesundheitsbereich und einen Ärztestreik unterstützt.
Itai Rusike fährt durch die ausgestorbenen Straßen Harares. Dort, wo sich Menschen an den Kreuzungen sammeln, finden sich die profitabelsten Nischen in Mugabes Reich; Rusike meint die zahllosen Gottesdienste, die unter den großen Jacarandas-Bäumen abgehalten werden. "Wenn es ein Geschäft gibt, das in Simbabwe erfolgreich ist, dann ist es der Glaube." In tagelangen Prozessionen ziehen selbstgeweihte Glaubenshändler den Menschen ihr letztes Geld aus der Tasche. Auch der Suff hat zugenommen. Simbabwes größter Getränkehersteller meldet einen neuen Rekord: 300.000 Liter Bier pro Tag. Jüngst hat der 83-jährige Robert Gabriel Mugabe seine Kandidatur für die Wahlen 2008 angekündigt. Für seine Wiederwahl wurde die Pressefreiheit gesetzlich abgeschafft. Fortsetzung folgt.
