medico international

medico Rundschreiben 03/2002

Territorium und Terror

Im Teufelskreis der guten Argumente

Ein Briefwechsel zwischen Navid Kermani (Deutschland) und Natan Sznaider (Israel)

17. Februar 2002. Lieber Herr Sznaider, es war gut, mit Ihnen durch Haifa zu gehen. Das Humus in der Altstadt war das beste, das ich je gegessen habe. Ihr Land ist viel schöner und schrecklicher, als ich es mir vorgestellt hatte. Daß Israels Frauen schön sind, das hatte ich gehört, aber daß ich in so kurzer Zeit so viele wunderbare intelligente, politisch wache und engagierte Menschen treffen würde, das hat mich einfach überwältigt. Ich habe keine Ahnung, wie ich nun eine politische Realität, die viel brutaler, kolonialer und offen rassistischer ist, als ich es für möglich gehalten habe, in meinem Kopf mit diesen Menschen zusammenbringen soll, wie ich mir also erklären soll, daß diese Menschen ausgerechnet zu diesem Staat gehören. Denn natürlich gehören sie dazu, das eine bedingt vielleicht sogar das andere. Herzlich grüßt Sie Ihr Navid Kermani

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4. März 2001 Lieber Herr Kermani, Sie sehen selbst, wohin es geht und auch was gestern beim Checkpoint geschehen ist. Der Anschlag am Samstag war wohl besonders grausam, da ganz bewußt Frauen und Kinder ermordet wurden. Die Leute radikalisieren sich hier täglich, und auch das hat seine Logik. Am Ende werden wir in dem von anderen Orten bekannten Kreislauf von Anschlag, Vergeltung, Anschlag, Vergeltung landen, aus dem es kein Entrinnen mehr geben wird. Ihr Natan Sznaider

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13. März 2002 Lieber Herr Sznaider, Ihr Artikel in der FR, in dem Sie die Palästinenser als diejenigen darstellen, die Israel die Legitimation bestreiten wollen oder müssen, ist einigermaßen verwirrend, durchaus im positiven Sinne. Insgesamt denken wir wohl sehr ähnlich, und daß man auf Basis der jetzigen Legitimationsmuster nicht zu einem Frieden kommt, scheint mir auch klar. Aber im Detail gäbe es sehr viel zu diskutieren. Ich weiß nicht, ob Sie die palästinensische Seite fair darstellen. Die Zahl derer, die den Israelis das Recht auf staatliche Existenz absprechen, mag zugenommen haben, aber in all den Gesprächen, die ich geführt habe, ging es doch immer um das Ende der Besatzung, um zwei Staaten. Ich würde sogar ein wenig provozierend sagen, daß Israel das Verlangen der Palästinenser, sie ins Meer zu treiben, braucht, um die Besatzung als Selbstverteidigung legitimieren zu können, und auch dafür, die Idee eines gemeinsamen, säkularen Staates von vornherein als irreal auszuschließen. Sie haben insofern recht, als sich die Palästinenser nicht aus Sympathie mit den Israelis mit dem Staat Israel abgefunden haben, sondern aus der Einsicht in die eigene Schwäche – aber immerhin, die Einsicht ist da, insgeheim sogar bei Extremisten. Aus palästinensischer Sicht hat man mit Oslo bereits auf 80 Prozent verzichtet, also bereits mit dem Beginn des sogenannten Friedensprozesses, das muß man nicht gering schätzen. Ich frage mich auch, welches »Recht« bei Israel liegen soll, wenn es um die Besatzung geht; das Recht auf Abwehr terroristischer Akte gewiß, aber doch nicht auch nur ein bißchen Recht auf Besatzung. Und warum muß man von den Palästinensern erwarten, daß sie die Vertreibung von 1948 plötzlich nicht mehr für Unrecht halten? Der Pfad ist eher ein anderer, und den beschreiben Sie dann ja auch selbst in Ihrem Artikel: daß die Frage der Legitimität anders gestellt werden muß. Und doch würde ich es anders formulieren, auf eine Weise, die für Sie wahrscheinlich gar nicht mehr akzeptabel ist; ich würde viel naiver formulieren: Wenn jemand in einem Land geboren wurde, hat er ein Recht, dort zu leben – fertig. Selbst wo ein Staat auf Unrecht gründet; (und das tut Israel meines Erachtens), verschafft er sich durch seine schiere Existenz Recht, durch das Leben seiner Bürger. Es verschafft sich eine Moral, denn es wäre zutiefst unmoralisch, die Heimat dieser Bürger einfach auszulöschen. Denn es ist eine Heimat geworden, und es ist eine Moral der Faktizität, eine Moral, die gegen ihre unmoralische Entstehung besteht. Wo Lebensrecht auf Lebensrecht prallt, wie es im Falle der palästinensischen Flüchtlinge und ihrer jüdischen »Nachmieter« der Fall ist, hilft nichts anderes, als zu den gräßlichsten zivilisatorischen Mechanismen zurückzugreifen, die es gibt: Verzicht auf den moralischen Anspruch gegen die scheckbuchversüßte Anerkennung von Schuld. Als Israeli kennen Sie das schließlich in weit größeren Maßstäben (moralisch und finanziell) aus der eigenen Geschichte und Gegenwart; es ist schrecklich, aber nichts anderes scheint in der Realpolitik wenigstens ansatzweise zu funktionieren. Herzliche Grüße von Ihrem Navid Kermani

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13. März 2002. Lieber Herr Kermani, Sie sagen, daß jemand, der in einem Land geboren ist, das Recht hat, dort zu leben. Das schließt dann mein Recht aus, denn ich bin nicht in Israel geboren. Das schließt auch das Recht der Millionen Menschen hier aus, die nach Israel einwanderten. Es muß also mehr sein als die bloße Geburt. Ich wußte, daß ich mit diesem Artikel zur Legitimationsfrage anecken würde, und das war auch Absicht. Wir begreifen schlicht nicht, daß die andere Seite uns unabhängig von aller Politik hier einfach nicht haben will. Und mir fielen die Anschläge von 1995 und 1996 ein, die in die Zeit der größten israelischen Kompromißbereitschaft fielen und die wir damals als »Opfer für den Frieden« einfach wegsteckten, um nur ja nicht der Rechten Glauben zu schenken, die uns etwas anderes erzählte. Ich werde auch immer skeptischer, was die Eigenstaatslösung betrifft. Natürlich »verdienen« die Palästinenser ihren eigenen Staat, wie alle anderen Menschen auch: Sollen sie ruhig von den Mitgliedern ihres eigenen Volkes unterdrückt werden. Das nennt man dann Freiheit. Aber wie kann denn so ein Palästina innerhalb von Gaza und Westbank mit Israel dazwischen wirklich funktionieren? Wie sollen sie denn in einem solchen Staatsgebilde leben? Da muß ja fast schon automatisch das Begehren bei den Palästinensern frei werden, dann doch lieber alles haben zu wollen. Aber darüber macht sich wirklich keiner Gedanken, und man leiert lieber das Mantra des Selbstbestimmungsrechts herunter, ohne sich über die Konsequenzen Rechenschaft abzugeben. Daß die Siedlungen wegmüssen ist natürlich klar, nicht nur Leuten wie mir. Daß sie nicht wegkommen werden, ist ebenfalls klar. Aber das ist wohl nicht genug zur Legitimation. Ihr Natan Sznaider

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14. März 2002. Lieber Herr Sznaider, solange es gleichzeitig Besatzung und Palästinenser gibt, wird es Gewalt geben. Und Sie täuschen sich: Die Palästinenser haben sich längst mit Israel abgefunden. Dieser Eindruck, den ich auf meiner Reise gewonnen habe, ist sehr stark; selbst die ­Extremisten haben sich damit abgefunden. Das reicht vielleicht nicht für Versöhnung, aber es würde für einen kalten Frieden reichen. Die Versöhnung kommt dann vielleicht später einmal sukzessive, nach ein paar Jahrzehnten. Daß ein palästinensisches Homeland nicht lebensfähig ist, ist klar; aber zumindest würde es die Lage zunächst deeskalieren, es würde ein noch größeres Blutvergießen in der ganzen Region vielleicht fürs erste verhindern. Ich kann von außen nichts anderes sagen. Wer bin ich denn, daß ich irgendwem das Recht darauf absprechen wollte, in Israel zu leben? Natürlich stimme ich Ihnen zu, daß es nicht allein die Geburt ist, die einem dieses Recht gibt. Ich finde sowieso, daß man leben können sollte, wo man will. Und daß wenigstens ein einziges Land auf Erden existiert, in dem Juden immer Zuflucht finden, dagegen kann ich schon gar nichts einwenden. Hat ja wirklich etwas von Utopia, und das hat sich mir auch vermittelt, als ich mit Ihnen in Haifa am Strand gesessen habe, unter all diesen freundlichen, warmherzigen Men­schen aus aller Herren Länder. Gleichzeitig ist es komisch, daß ein Russe, dessen Urgroßmutter väterlicherseits womöglich jüdisch gewesen sein könnte, eher in Haifa leben kann als ein palästinensischer Greis, der 1948 aus seinem Haus vertrieben wurde. Mit herzlichen Grüßen und nochmaligem Dank bin ich Ihr Navid Kermani

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15. März 2002. Lieber Herr Kermani, ich weiß ja, daß Sie recht haben und die Besatzung aufhören muß. Aber wer sagt, daß dann der Terror tatsächlich aufhören würde? Und solange es Terror gibt, solange werden die Siedler sich »sicher« fühlen können, und solange die Siedler sich sicher fühlen können, solange wird es Terror geben. Wir haben uns jahrelang der Illusion hingegeben, daß es nur um die Gebiete geht, die 1967 erobert wurden. Vielen von uns war gar nicht klar, daß das Leben diesseits der grünen Linie für viele der anderen Seite auch nicht legitim war. Solange der Terror sich »nur« in den besetzten Gebieten abspielte, konnte die Illusion aufrechterhalten werden. Dagegen hat die israelische Rechte immer schon argumentiert, daß es nicht um die besetzten Gebiete von 1967 geht, sondern um alles, um Eretz Israel. Daß es keinen Unterschied zwischen Haifa und Hebron gibt. Wer sagt denn, daß das Ende der Besatzung auch das Ende des Terrors bedeuten würde? Und wenn nicht? Ihr Natan Sznaider

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5. April 2002. Lieber Herr Sznaider, Sie schrieben, daß es die Besatzung geben wird, solange es Terror gibt. Als ob das Umgekehrte auch gelte: daß die Besatzung aufhören werde, wenn es keinen Terror gebe. Was war denn vor dem Terror? 20, 30 Jahre haben die Palästinenser die Besatzung mit Murren und zivilem Protest ertragen, waren sie billige Arbeiter, die am Wochenende wieder in ihren Homelands verschwanden. Hat irgendein israelischer Politiker, hat eine nennenswerte israelische Öffentlichkeit auch nur in Erwägung gezogen, sich endlich aus den Gebieten zurückzuziehen? Nur die Steine der ersten Intifada haben die Israelis dazu gebracht, über den Rückzug zu reden. Ein freundschaftlicher Gruß von Ihrem Navid Kermani

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8. April 2002. Lieber Herr Kermani, wir bleiben auf jeden Fall im Gespräch. Die kollektive Wut, die Sie beschreiben, reicht mir einfach nicht. Dann sagen Sie, daß diese Wut den Terror nicht entschuldigt. Aber erklären tun Sie ihn schon damit. Und von dort bis »Sie haben es nicht besser verdient« ist es nicht weit. Natürlich unterstelle ich Ihnen so etwas nicht, aber in Ihrer Wut über die israelische Besatzung wollen Sie mir doch klarmachen, warum es gerechtfertigt ist, daß ich jeden Tag pulverisiert werden kann. Ich kann einfach nicht akzeptieren, daß es die israelische Armee ist, die Terrorismus provoziert. Damit machen Sie es sich zu einfach. Die Kausalität von Verzweiflung und Hilflosigkeit, die zu Selbstmordterrorismus führt funktioniert einfach nicht. Hier ist doch nicht nur Verzweiflung am Werk, sondern eine ganz bewußte Strategie, wie man einen militärisch überlegenen Feind in die Knie zwingen kann. Und glauben Sie mir, das kann in Zukunft nicht nur ein israelisches Dilemma werden. Die Dilemmata, die Sie da so ganz klar über die Juden in Deutschland aussprechen, sind wohl die Krux aller ethnischen Minderheiten. Sie merken nur, daß der Konflikt den Nahen Osten verlassen hat. Nichts machte das deutlicher als der Angriff auf die Sedergesellschaft in Netanja am 27. März. Hier kamen Menschen zusammen, um einen jüdischen Feiertag gemeinsam zu begehen, und nicht nur in Israel, sondern überall, wo es Juden gibt wurde an diesem Abend dem Auszug aus Ägypten gedacht. Hier handelte es sich ganz klar um einen religiös motivierten Anschlag. Nicht um Israelis ging es alleine, sondern Juden. Herr Kermani, da steckt soviel Schmerz und Angst dahinter. Da ist es soviel schwerer, zu sagen, wie wir es hier in Israel einfach tun: Raus aus den Gebieten, und Scharon ist hauptsächlich die Terroristen der einen Seite. Und glauben Sie, es würde nur einen Terroranschlag verhindern, wenn Arafat in seinen drei verbliebenen Zimmern zur Gewaltlosigkeit aufriefe? Sicher wäre es schön, wenn er es täte, – aber brächte es etwas? Ihr Natan Sznaider

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15. April 2002. Lieber Herr Kermani, Ich bin mir aller Kausalitäten bewußt, der jahrelangen Unterdrückung und Besatzung, der Angst, die Scharon bei der anderen Seite erzeugt, der Kompromißlosigkeit und der institutionalisierten Grausamkeit unserer Seite. Und auf ihre Frage, ob »wir« bereit wären, in einem Hochsicherheitstrakt zu leben, in einem großen Ghetto, ist die Antwort der meisten Israeli ein klares »Ja«. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, wie der israelische Alltag aussieht. Trotz Armee, trotz aller Kraft hat der Terror es geschafft, die Machtverhältnisse auszugleichen. Die Ziele sind sorgfältig ausgewählt. Was passiert, wenn nun beide Seiten sich genozidalen Phantasien hingeben? Die Interviews mit den Selbstmörderinnen lassen doch wirklich keine Hoffnung aufkommen. Wie sagt eine doch in ihrem Interview: »Ihr weint, wenn Ihr sterbt, und wir feiern. » Glauben Sie, daß mir nicht klar ist, daß solche Feinde kaum zu besiegen sind? Nun bin ich in der privilegierten Position, einer globalen Elite anzugehören. Mein frame of reference ist universal, sind die Menschenrechte, ist die Gerechtigkeit, und als mehrsprachiger Aka­demiker kann ich sogar weggehen, wenn wirklich alle Stricke reißen. Für über 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung ist das keine Option. In ihrem Bewußtsein geht es um das einzige Zuhause, geht es darum, daß die Kinder sicher aus der Schule kommen, daß man sich sicher, verdammt noch mal: wenigstens nur sicher fühlen kann, wenn man auf die Straße gut geht. Die Rechnung des Terrors ging in der Hinsicht nicht auf; ich bin überzeugt, daß die Terroristen kühl und zynisch damit rechneten, die Israelis weichklopfen zu kön­nen, sie so mürbe zu machen, bis sie zu den gewünschten Konzessionen bereit wären. Das Gegenteil ist eingetreten. »Wir« sind grausamer geworden, noch kompromißloser, noch viel mehr bereit, der anderen Seite zu beweisen, daß wir die Grausameren sind. Nur so ist die Grausamkeit der israelischen Armee bei diesem Vorstoß zu erklären, die ganz bewußt die globale Sympathie aufs Spiel setzt, als Taktik, als Gegenterror. Die eigentliche Tragödie ist die Fehleinschätzung der Palästinenser, die andere Seite »weichklopfen« zu können. Wenn man also der Meinung ist, daß die Palästinenser keine andere Wahl als die des Terrors haben, muß man das der anderen Seite auch zugestehen. Ich persönlich bin ganz verzweifelt. Ich gestehe zu, daß wir genug getan haben, um genau diesen Zustand herbeizuführen, aber was jetzt? Und glauben Sie mir, es ist nicht, daß Scharon sein Volk ins Verderben führt, sondern daß sein Volk von Scharon erwartet, unnachgiebig zu sein. Ihr Natan Sznaider

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15. April 2002. Lieber Herr Sznaider, Sie haben so recht, mit dem einzigen und katastrophalen Zusatz: daß das Gegenteil ebenso stimmt und sich genau deswegen überhaupt kein Ausweg auftun will: daß die Israelis ebenfalls fälschlich angenommen hatten, die Gegenseite durch die Besatzung und Terror »weichklopfen« zu können; daß die Bereitschaft der Palästinenser, die israelischen Opfer zu sehen, mit ihnen zu fühlen, aus Gründen, die mir erschreckend verständlich sind, praktisch nicht existiert. Und wenn man den Israelis das Recht auf Gegenwehr zubilligt, kann man es der Gegenseite nicht absprechen, die ja ebenfalls täglich zivile Opfer zu beklagen hat. Wenn ich Ihr Nachbar wäre, würde ich wohl genauso denken wie Sie, und wenn ich in Ramallah lebte, würde ich mich vielleicht über ebenjenen Anschlag, der Sie das Leben kosten könnte, freuen oder ihn zumindest mit Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Aber wie kommen Sie da raus? Wie kommen Sie raus? Bitte stellen Sie sich diese Frage, immer wieder und nach jedem Anschlag neu. – Was die arabische Wahrnehmung betrifft, bin ich nach wie vor nicht mit Ihnen einverstanden. Es geht für eine ganz große Mehrheit nicht um die Vertreibung der Juden; es war sehr deutlich zu spüren, und ich habe es in Gesprächen und Mails selbst immer wieder beobachtet, wie sehr viele Palästinenser und Araber auf die Beiruter Initiative gehofft hatten, die in Israel offenbar völlig ignoriert oder noch verzerrter dargestellt worden ist als in Deutschland, soweit ich das von Freunden in Jerusalem höre. Wer in Israel war bereit, dem eine Chance zu geben? Statt dessen marschiert Scharon am gleichen Tag in Ramallah ein, ich weiß, wegen eines verheerenden Anschlages. Aber die Pläne lagen doch längst vor, die Absicht war da, und das timing hätte aus Sicht Scharons gar nicht besser sein können. Herzlich und besorgt bin ich Ihr Navid Kermani.

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16. April, 2002. Lieber Herr Kermani, auf jeden Fall glaube ich Ihnen, daß die genozidalen Phantasien der anderen Seite nicht von einer Mehrheit getragen werden, und ich weiß auch, daß es gerade meine bürgerliche Existenz ist (Kleinfamilie, Auto, Uni, Urlaub, Musik etc.), welche die Menschen in den Flüchtlingslagern verrückt machen muß. Mir ist klar, wer der Unterdrücker und wer der Unterdrückte ist, aber dieses politische Gefälle kann man leider nicht in ein moralisches umwandeln. Der Unterdrückte ist nicht gleichzeitig gut und der Unterdrücker böse. Diese moralische Eindeutigkeit zwischen Täter und Opfer gab es so gut wie nie in der Geschichte. Ihr Natan Sznaider.

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16. April 2002. Lieber Herr Sznaider, Sie haben gewiß recht: Täter und Opfer sind in diesem Konflikt überhaupt nicht so eindeutig zu unterscheiden, aber etwas dagegen sehr wohl, und da muß jede, nach wie vor jede Lösung ansetzen: Besatzer und Besetzte. Das ist ein politischer Unterschied, nicht zwingend ein moralischer. Wie immer herzlich bin ich Ihr Navid Kermani.

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25. April 2002. Lieber Navid, Ich wollte gerne ein aufgeklärter Europäer im Nahen Osten sein, wollte lieber an einem gerechten liberalen Ort leben, der es mir ermöglicht, jüdischer Kosmopolit zu sein – ja sogar eine Art Diasporaexistenz im eigenen Land aufrechterhalten zu können. Wie hoch kann der Preis für das eigene Überleben sein? Wenn ich mir so sicher wäre, daß die Brutalität des hiesigen Konflikts nur eine Funktion der Besatzung ist, wäre die Welt ja in Ordnung. Aber ich habe diese Sicherheit verloren. Es geht ums Überleben – und dann fällt das »gute Leben« unter den Tisch. Mit Angst sehe ich die Entwicklung hier – wie sehr auch unsere Seite bereit ist, demokratische und liberale Prinzipien dem Überleben unterzuordnen. Wenn ich sehe, daß die andere Seite bereit ist, vierzehn- und fünfzehnjährige Kinder als Bomben zu benutzen, wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe, wie man mit eigenen vermeintlichen Kollaborateuren umgeht, wie ihre Leichen durch die Straßen gezogen werden, wie man sich über die Körper mit einer Blutlust hermacht, wird mir Angst, daß dies meine Nachbarn sind und sein werden, und natürlich auch, daß wir unseren Anteil an dieser Brutalisierung haben. Doch gab es in der Geschichte immer wieder unterdrückte und hoffnungslose Menschen, die nicht so brutal reagiert haben. Wie erklären Sie sich das? Und wie kann man etwas Derartigem mit Liberalismus begegnen? Ihr Natan

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12. Mai 2002. Lieber Natan, verzeihen Sie, daß ich mich erst jetzt melde. Ein Autor schrieb in der Welt, daß es überall auf der Welt Konflikte mit weit höheren Opferzahlen gebe und es nicht rational zu erklären sei, warum man nur Israel soviel Aufmerksamkeit schenke. Ist es nicht schrecklich, sich auf eine solche Argumentation einzulassen? Es geht um Recht und Unrecht. Israel begeht ein fundamentales Unrecht an den Palästinensern, das durch keinen noch so grausamen Akt des Terrors zu Recht und weder durch die Ungerechtigkeit der Medien noch durch die Boshaftigkeit anderer Unterdrücker geschmälert wird. Weshalb flüchten Sie und so viele andere Freunde Israels sich dahin, dieses Unrecht mit Hinweis auf so viele andere Ungerechtigkeiten zu relativieren, statt es ein einziges Mal in diesen ganzen letzten Monaten vorbehaltlos auszusprechen? Das Merkwürdige an diesem Konflikt ist, daß er keineswegs so tragisch unlösbar ist, keineswegs von biblischem Ausmaß. Das Merkwürdige ist, daß wahrscheinlich 70 bis 90 Prozent beider Völker sich darüber klar sind, wie er zu enden hat: zwei Staaten, gemeinsame Hauptstadt, Schluß mit den Siedlungen, kein Rückkehrrecht, allen eine Anerkenneng des erlittenen Unrechts und so weiter. Mit herzlichenl Grüßen bin ich Ihr Navid.

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13. Mai 2002. Lieber Navid, ich habe den Eindruck, daß Sie den real existierenden Antisemitismus, der in Europa durch den Nahostkonflikt aufs Neue ausgebrochen ist, herunterspielen. Dabei geht es nicht um Vergleiche, ob der Nahostkonflikt »anders« beurteilt wird als andere Konflikte. Das ist egal. Auch daß die Politik Israels Antisemiten die Gelegenheit gibt, ständig hocherotisiert Scharon mit Hitler und Dschenin mit Nazimethoden gleichzusetzen, oder den neuen Patriotismus der Presse in Israel als »Gleichschaltung« zu bezeichnen, mag man als Überreaktion abtun. Kann man alles wegstecken. Man kann den Leuten vielleicht wirklich nicht zumuten, die Unterscheidung zwischen Juden und Israelis zu machen (wie mir ein Radiointerviewer in Deutschland zu erklären versuchte). Hier kommen wir zu einem springenden Punkt Ihrer Mail: »Israel begeht ein fundamentales Unrecht an den Palästinensern«, sagen Sie. Ein klassisches moralisches Argument. Und mir geht es gar nicht darum, dieses »Unrecht« dadurch zu relativieren, daß andere auch »schlimm« sind. Mich interessieren »andere« in dieser Hinsicht nicht. Aber es ist kein politisches Argument. (Und noch sind wir nicht soweit, daß wir Politik und Moral einfach ineinander aufgehen lassen können.) Denn »Recht und Unrecht« kennen nur Opfer und Täter, aber es kennt keine Feinde. Es kann doch nicht nur um Moral gehen, sondern auch um Politik. Sie haben recht, daß der Konflikt lösbar ist. Aber nicht so einfach, wie wie man es sich zu machen scheint. Es wird wohl ein unabhängiges Palästina gehen, aber damit wird wohl der Konflikt erst beginnen und nicht aufhören. Denn wenn schon Kolonialismus, dann ist Haifa ebenfalls Kolonie. Die Vorstellung, künftig Nachbar eines Staates zu sein, der von einem Arafat oder seinesgleichen geführt wird, läßt mich ans Auswandern denken. Ihr Natan

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13. Mai 2002. Lieber Natan, die Analogie zu den Nazis ist offenbar auch in Israel beliebt, obwohl dort nun wir wirklich ein historisches Bewußtsein existieren möchte. Sowenig man Dschenin mit Auschwitz vergleichen kann, so schwachsinnig ist die Gleichsetzung Arafat gleich Hitler oder Autonomiebehörde gleich Naziregime, wie sie in Israel immerhin auf Regierungsebene wird. Und auf die Gefahr hin, daß Sie es mir übel nehmen werden: Wenn ich lese, wie manche Politiker und Rabbis in Israel über Palästinenser sprechen und über die Notwendigkeit, sie sämtlich zu vertreiben (um also einen reinrassigen Staat zu haben), dann wirkt das auf mich schon ziemlich faschistisch. Weshalb regen Sie sich als Israeli über diese keineswegs vereinzelten Meinungen (die entsprechenden Umfragewerte zur Deportation verschlagen mir die Sprache) nicht mehr auf als über die zwei Sätze des Herrn Möllemann? – Wenn auch ich persönlich litte und um das Leben und die Zukunft meiner Familie bangen müßte, so wie Sie es leider tun müssen, wäre ich wahrscheinlich so emotional, daß ich vieles von dem, was Sie schreiben, einfach nicht verstehen könnte. Herzlich, Ihr Navid

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14. Mai, 2002. Lieber Navid, Sie sagen, daß Sie von einer Verschlechterung des Klimas für kritische Stimmen in Israel gehört haben. So schlimm, wie sich das manche linke Israelis wünschen, ist es noch lange nicht. Natürlich ist das »Gesprächsklima« hitziger geworden, wie auch die Lage selbst. Natürlich versucht die Regierung, soviel Konsens wie möglich zu erzeugen, natürlich sind die kritischen Stimmen leiser geworden, aber deshalb von Verfolgung oder sogar Hetzjagd zu reden, ist reichlich verfrüht. Wie immer ist alles etwas komplizierter. Gerade an den Universitäten geht es heiß her. Sie haben recht, die Nazimetaphern fliegen in alle Richtungen, und auch hier wird damit schlechtgläubig umgegangen. Die Behauptung, daß die Araber Nazis und Hitler und Arafat eins sind, hat in Israel eine lange Geschichte. Ich weiß selbst nicht genau, wie man Kritik und Phobie auseinanderhalten und den Vor­wurf des Antisemitismus vom Antisemitismus un­terscheiden soll. Und vielleicht haben Sie auch recht, daß Menschen, wenn man ihnen lange genug vor vorwirft, Antisemiten zu sein, den Vorwurf dann am Ende zurückwerfen. Israel ist in einer prekären Lage und bewegt sich fast schon geistesgestört auf einen Abgrund zu. Teils bewegt sich das Land selbst dorthin, teils wird es von den gleichfalls gestörten Palästinensern dorthin getrieben. Die Rechnung der Wahnsinnigen geht auf: Israel wurde durch die voraussehbaren Reaktionen auf den Terrorismus dazu gebracht, international zu einem Pariastaat zu werden. Jetzt stehen wir da als Kriegsverbrecher, Anti-Demokraten, Rassisten, sogar Faschisten. Wir laden die UN aus und behaupten, daß die internationale Moral eine antisemitische Konspiration ist. Wenn man dabei bedenkt, daß es ohne diese internationale Moral und ohne die UN vielleicht keinen Staat Israel gäbe, wird das noch verrückter. Ohne internationale Moral und auch ohne das schlechte Weltgewissen für das Verbrechen, das an den Juden begangen worden ist, gäbe es gar keine internationale Legitimität für Israel, denn die Welt hat berechtigte Probleme damit, Gottes Versprechen an uns als politische Legitimation anzuerkennen. Das heißt, ohne das internationale Recht wäre unser Dasein hier nicht legitimierter als das der Franzosen in Algerien, da die Selbstlegitimation nicht anerkannt wird. Es ist ein kompliziertes Spiel, aber ich habe das Gefühl, daß die palästinensischen Bomber genau das erreichen wollten. Und Sie haben es schon fast geschafft. Wir wollen nicht mehr, als mit gleichen Maßstäben wie andere gemessen werden. Und wenn das nicht geschieht, ist es für uns Antisemitismus. Erlauben Sie mir, Navid, die Ansicht, wir müßten endlich als normaler Staat behandelt werden, ohne den Nimbus der Einzigartigkeit ins Gegenteil zu wenden. Ja, wir sind einzigartig. Vielleicht ist Israel der einzige Staat, der seine Existenz der internationalen Moralität verdankt, indem er befürwortet worden ist als Kompensation für das Verbrechen an den Juden. Damit aber lastet auch eine einzigartige besondere Verantwortung auf Israel. Israel wird (und soll) anders gemessen werden, weil es ein besonders moralischer Staat sein sollte. Hätte es die Revolution in der Weltmoralität nach 1945 nicht gegeben, hätte Israel keine Legitimation. Das alles verkompliziert die gegenseitigen Nazivorwürfe noch viel mehr. Andererseits hat man hier immer wieder davon geträumt, »normal« zu werden, ein Staat, der wie andere Staaten um sein Überleben kämpfen will, wenn er muß. Verdammt, ich drehe mich im Kreis.

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15. Mai 2002. Lieber Natan, Sie benennen den neuralgischen Punkt in dankenswerter und für mich aufschlußreicher Präzision: daß Israel für seine eigenen Bürger, vor allem aber für den Westen und besonders Deutschland, derjenige Staat auf der Welt ist, der seine Legitimität der internationalen Moralität verdankt. Das andere, das religiöse Legitimierungsmuster, Land Zions et cetera, würde ohne die nackte, nicht zu relativierende Moralität des jüdischen Anspruchs auf ein Leben, das endlich sicher ist, zusammenfallen auf seinen kolonial-fundamentalistischen Körper. Nur mit Blick auf diese Grundkonstellation lassen sich Wahrnehmung und Verhalten sowohl Israels als auch der westlichen Staaten und insbesondere Deutschlands und der Vereinigten Staaten erklären. Die Krux bei der ganzen Sache haben Sie allerdings nicht erwähnt: daß diese Moralität des jüdischen Staates aus arabischer Sicht schlichtweg nicht einsehbar ist, schon gar nicht, wenn man in Betracht zieht, wie der jüdische Staat gegründet worden und wie er seitdem mit den Arabern umgegangen ist. Aus jüdischer Sicht ist das Argument absolut schlagend, aber aus arabischer Sicht ist es absolut hermetisch. Beide Sichtweisen müssen sich ändern, aber die Konsequenzen, die sich aus diesem Wandel für das je eigene Selbstverständnis ergeben, werden für Israel weitreichender sein. Herzliche Grüße, Navid

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17. Ihr 2002. Lieber Navid, das ist natürlich klar, daß diese Legitimationsformen von der anderen Seite nicht akzeptiert werden können. Sie sind in der Tat hermetisch verschlossen. Allerdings gab es immer eine Strömung im politischen Zionismus, die im jüdischen Nationalstaat eine Antwort auf das Sicherheitsbedürfnis der Juden sah – gegen Antisemitismus und gegen Pogrome. Da spielten die Grenzen und auch das von Gott versprochene Land keine wesentliche Rolle. Ja, man war sogar Anfang des 20. Jahrhunderts bereit, sich zu überlegen, nach Uganda zu gehen. Aber dann ist da immer wieder die religiöse und historische Komponente. Zionismus ohne Zion ist dann nur noch New York (eine Tatsache, die den antisemitisch angehauchten Anti-Amerikanern nicht nur nach dem 11. September aufgefallen ist). Das war immer der innerisraelische Konflikt. Dabei haben Sie recht. Das jüdische Argument ist nicht akzeptabel für die andere Seite. Aber Israel kann auch von diesen Prinzipien nicht abweichen. Dann bleibt noch, was auch einige Palästinenser vorschlagen: Die Juden können eine anerkannte Minderheit im arabischen Raum sein, in einem gemeinsamen multiethnischen und multireligiösen Staat, aber jüdische Souveränität darf es dann nicht mehr geben. Das wird keiner zulassen. Also muß wohl am Ende die ganze Angelegenheit ohne Legitimation funktionieren. Denn der Terror wird weitergehen und somit auch die Reaktion auf den Terror. Ihr Natan

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20. Mai 2002. Fragt sich nur, was der Terror und was die Reaktion ist; oder besser gesagt: Daß man sich überhaupt noch die Frage stellt und beide Seiten sie auch noch gegenteilig beantworten, ist schon das ganze Problem. In Freundschaft grüßt Sie Ihr Navid

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22. Mai 2002. Womit wir wieder beim Anfang unseres Kreises angelangt sind, aus dem nicht einmal wir herauskönnen. Einen ebenso freundschaftlichen Gruß von Ihrem Natan

(Wir danken den beiden Autoren persönlich und besonders auch der Zeitschrift »Lettre« sehr für die Erlaubnis des auszugsweisen Abdrucks. Der Volltext ist enthalten in »Lettre« 57/2002)

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