
Nach den anstrengenden Tagen, mit langen Busfahrten, vielen Aktivitäten, können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Karawane in Saltillo, wo drei Übernachtungen anstehen, etwas verschnaufen. Einen ganzen Tag verbringen sie in der dortigen Migratenherberge, wo immer eine gute Atmosphäre herrscht. Es bleibt Zeit zum Austausch mit den über 100 Migranten und einigen wenigen Migrantinnen. Spontan trägt ein junger Honduraner auf dem Hof einen Rap zur Migration vor, Migranten spielen Domino oder Mühle und schnell setzen sich einige der Angehörigen, Medienvertreter, Leute vom Organisationskomitee dazu, fordern sich gegenseitig heraus, es wird gescherzt und gelacht. Allenthalben sitzen Migranten und Mütter zusammen.
Der für den Nachmittag geplante Termin im gerichtsmedizinischen Institut kann so nicht stattfinden, weil in der Gegend eine größere Operation der Sicherheitskräfte gegen kriminelle Strukturen geplant ist. Stattdessen kommen die Vertreter des SEMEFO in die Herberge und bringen die Listen und Fotos der der nicht identifizierten Leichen mit. Viel spricht dafür, dass sich unter ihnen auch Zentralamerikaner befinden. Auf die Frage, ob die Mütter sich diese oft schrecklichen Bilder wirklich anschauen wollen, antworten sie unisono „ja“ und Doña Coco aus Nicaragua raunt mir zu: „Schließlich sind wir hier, um unsere Angehörigen zu finden, natürlich hoffen wir sie lebend zu finden, aber wir werden doch keine Gelegenheit auslassen“.
Anwesend sind auch Beamte der Justizbehörde des Bundesstaates. Sie präsentieren Fotos und Daten der in den Knästen Coahuilas einsitzenden Zentralamerikaner/innen. Die Menschenrechtskommission bietet an, auf ihre Website der mexikanischen Verschwundenen, die in Kürze erscheinen soll, auch die Fotos und Daten zentralamerikanischer Verschwundener einzustellen. Dazu benötigen sie Fotos, Namen und andere Angaben sowie eine Einverständniserklärung der Angehörigen. Derart konkrete Maßnahmen hat es bislang selten gegeben. Sie ändern jedoch nichts daran, dass staatliche Stellen insgesamt nicht wirklich was unternehmen und weit davon entfernt sind, einer der zentralen Forderungen von Angehörigenorganisationen und Migrationsbewegung nachzukommen, der Einrichtung einer globalen Datenbank, in der personenbezogene Informationen aller Behörden und Einrichtungen auf kommunaler, bundesstaatlicher und nationaler Ebene zusammenfließen, um eine systematische Suche verschwundener Migranten zu erleichtern.
„Eine Forderung, die wir nicht müde werden allenthalben zu wiederholen“, sagt Fray Tomás und Marta Sanchez vom Movimiento Migrante Mesoamericano ergänzt: „Solange die Behörden diesbezüglich nichts unternehmen, müssen wir mit jenen arbeiten, die bereit sind, uns zu unterstützen, müssen wir in den einzelnen Bundesstaaten Strafvollzugsanstalten und gerichtsmedizinische Institute aufsuchen. Das ist sehr aufwendig und mühsam“. Padre Pantoja, Leiter der Herberge in Saltillo, fordert die Regierung Coahuilas vor laufenden Kameras auf, nicht zu warten bis die Zentralregierung was unternimmt, sondern selber ein Pilotprojekt zu starten.
Saltillo, 20. und 21. Oktober
Dieter Müller
Veröffentlicht von Dieter Müller am 25.10.2012 | 0 Kommentare
